Seite 4: „Ich bin ein Heimscheißer“

Der Markt hat sich seit Ihrem Inter­view noch mal ver­än­dert.
Ja, es ist noch mal ver­rückter geworden. Für Neymar werden 222 Mil­lionen Euro gezahlt, plus Hand­gelder, plus Berater usw. China ist in den Markt gedrängt. Die haben auch bei mir schon mehr­mals ange­klopft, das erste Mal zu Darm­städter Zeiten. Als ich abge­sagt habe, hat der Klub Anthony Ujah geholt. Da warte ich immer noch auf ein Dan­ke­schön von Anthony. Aber im Ernst: Wenn dir jemand das Acht­fache deines Gehalts bietet, netto, dann kommt jeder ins Grü­beln.

Acht­fach? Was machen Sie denn noch hier?
Ach, ich bin ein Heim­scheißer. (Lacht). Wenn ich zu lange aus Mün­chen weg bin, kriege ich Heimweh. Da wohnt meine Familie, meine Kinder. Wäre ich unge­bunden, hätte ich es viel­leicht gemacht. Aber mit Frau, zwei Kin­dern, einem Hund und ein paar Schild­kröten zieht man nicht so ein­fach nach China.

Dann also Hof­fen­heim statt China. Sind Sie eigent­lich der José Mour­inho der TSG?
Wie meinen Sie das?

Mour­inho ist dafür bekannt, ab und an mal ganz bewusst mal auf den Putz zu hauen, damit sich alles auf ihn kon­zen­triert. Und seine Spieler haben Ihre Ruhe.
Wenn ich auf dem Platz merke, dass die anderen ein­schlafen, ver­suche ich schon bewusst, eine Situa­tion ein­zu­streuen, die die anderen auf­weckt. Ein leichtes Foul oder mal den Ball weg­schlagen. Das ist auch Show, klar. Aber wenn das Team danach wieder da ist, passt das.

Ist das der Grund, warum Sie über­haupt hier sind? Ihr Trainer Julian Nagels­mann hat immer wieder betont, dass Ihre Art dem Team gut tut.
In erster Linie bin ich sicher wegen meiner fuß­bal­le­ri­schen Qua­li­täten hier. Ich kannte Julian von früher, in der Jugend haben wir gegen­ein­ander gespielt. Als wir über den Wechsel spra­chen, sagte er: Ich will dich so, wie du bist.“ Das beinhaltet natür­lich meine Spiel­weise und meine Art als Typ. Bevor ich gekommen bin, war Hof­fen­heim ein sehr ruhiges Team. Aber wenn du elf Hei­lige aufs Feld schickst, wird es schwierig. Des­wegen mag ich auch Spie­ler­typen wie früher Stefan Effen­berg oder aktuell Arturo Vidal. Allein durch seine Prä­senz zeigt er den Geg­nern, dass ihnen die Partie keinen Spaß machen wird. Man muss selbst gespielt haben, um zu ver­stehen, wie so etwas ein Team pushen kann. Ich ras­sele in jedem Spiel mit Vidal zusammen. Und mit Abpfiff ver­stehen wir uns dann wieder super.

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Dominik Pietsch

Im Sommer haben Sie Ihre ersten Län­der­spiele gemacht. Im Zuge dessen sagten Sie: Ich habe 29 Jahre darauf gewartet“ und Ich wäre auch ohne Natio­nal­mann­schaft glück­lich“. Wel­ches Zitat klingt mehr nach Sandro Wagner?
Beide. Als ich klein war, war Lothar Mat­thäus der Größte für mich. Ich halte ihn immer noch für den besten deut­schen Spieler aller Zeiten. Bei seinem Abschieds­spiel 2000 war ich Ball­junge. Schon damals war es mein abso­luter Traum, einmal mit diesem Trikot auf­zu­laufen. Nun ist dieser Traum in Erfül­lung gegangen. Ich hätte es aber auch über­lebt, wenn es nicht so gekommen wäre.

Jetzt sind Sie Confed-Cup-Sieger und ein Kan­didat für die WM. Hat sich Her­mann Ger­land mal bei Ihnen gemeldet, um zu gra­tu­lieren?
(Lacht.) Ja, hat er.

Er war Ihr Trainer bei den Bayern-Ama­teuren. Und hat häufig deut­lich gemacht, dass er Ihnen die Pro­fi­kar­riere nicht zutraut.
Beim Tiger“ bin ich damals durch ein Trä­nental gegangen, das war die ganz harte Schule. Aber ich habe sehr viel von ihm gelernt. Einige Jahre später hat er mir mal gesagt: Ich habe mich noch nie getäuscht. Nur bei dir.“ Mitt­ler­weile haben wir ein super Ver­hältnis. Das hätten wir schon früher haben können, wenn ich damals mal auf ihn gehört hätte.

Sehen wir Sie nächstes Jahr bei uns auf Face­book, mit dem WM-Pokal in der Hand? Ohne Bild­be­ar­bei­tung?
Das wäre ideal. Ansonsten müsst ihr wieder pho­to­shoppen.

Das Inter­view stammt aus 11FREUNDE #190, erhält­lich bei uns im Shop oder im iTunes- sowie Google-Play-Store.