Seite 3: „Der eine geht fischen, der andere prügelt sich gern“

Sie sagen, Sie sind nach Abpfiff weniger emo­tional. Im Sta­dion sitzen aber 50.000 Leute, für die das mit­unter nicht gilt. Merken Sie das?
Die Anfein­dungen haben zuge­nommen, im und um das Sta­dion herum ist es unfreund­li­cher geworden. Vor dem Spiel in Köln haben wir mit der TSG-Mann­schaft einen Spa­zier­gang gemacht. Wir gingen unter einer Brücke ent­lang und etwas traf mich an der Schulter. Zuerst dachte ich, ich hätte Vogel­kacke abbe­kommen. Als ich hochsah, stand da ein Typ, der mich ange­spuckt hatte. Ich bin sofort hoch und wollte den Kerl zur Rede stellen, aber er ist abge­hauen. Viel­leicht liest er das ja, dann sei ihm gesagt, dass er keine Eier hat. Da ist ganz klar eine Grenze über­schritten worden, die vor zehn Jahren nicht über­schritten worden wäre.

Glauben Sie?
Ja. Früher war es das Schlimmste, wenn mal Scheiß Mil­lio­näre“ gerufen wurde. In Dresden haben die Fans den Spie­lern vor einiger Zeit Gräber aus­ge­hoben. Sitz­schalen werden in Sta­dien geschmissen, in Braun­schweig stürmen die Fans nach der Rele­ga­ti­ons­nie­der­lage den Rasen. Als ich mit Darm­stadt in Frank­furt gespielt habe, wurden Fanu­ten­si­lien abge­fa­ckelt und die Spieler bedroht. So etwas geht nicht.

Fuß­ball als Lebens­in­halt? Halte ich für dumm!“

Nehmen die Anhänger den Fuß­ball zu ernst?
Ich sehe das so wie viele Fans: Ich liebe den Fuß­ball, das ist der geilste Sport der Welt. Aber viele über­drehen. Wenn mir jemand sagt, Fuß­ball sei sein ein­ziger Lebens­in­halt, dann halte ich das für dumm. Dem kann ich nur emp­fehlen, um 20 Uhr mal die Tages­schau anzu­ma­chen. Da kann er sehen, was wirk­lich wichtig ist. Der Fuß­ball hat eine unglaub­liche Kraft, das hat man ja zum Bei­spiel beim Som­mer­mär­chen 2006 gesehen. Aber zur­zeit emp­finde ich das Klima eher als negativ.

Das gesamt­ge­sell­schaft­liche Klima?
Fuß­ball ist ein Spie­gel­bild der Gesell­schaft. Und das gesell­schaft­liche Mit­ein­ander emp­finde ich in Teilen als ver­roht. Das Sta­dion bietet man­chen eine Platt­form, um sich aus­zu­toben. Ein Ventil, um Frust raus­zu­lassen. Da haben viele Ver­eine zu lange zuge­sehen. Vor allem bei den Ultras. Ich finde, die Ultras haben zu viel Macht. Und bitte nicht falsch ver­stehen: Ich bin über­haupt kein Ultra-Gegner. Im Gegen­teil, für die Fan­kultur und die Stim­mung sind sie total wichtig, und ein großer Teil der Ultras ist ja auch in Ord­nung. Aber es darf wegen ein paar Chaoten nicht so werden wie in Ita­lien, wo keine Fami­lien mehr ins Sta­dion kommen. Oder wie in Eng­land, wo es nur noch Sitz­plätze gibt. Wenn sich Leute im Wald die Köpfe ein­schlagen wollen, dann sollen sie das tun. Jeder hat sein Hobby. Der eine geht fischen, der andere prü­gelt sich gern. Aber: Die großen Jungs machen das im Wald, fünfzig gegen fünfzig, wo es keiner mit­be­kommt und kein Unbe­tei­ligter zu Schaden kommt. Die kleinen Jungs tragen ihre Aggres­sion ins Sta­di­onum­feld, wo sowieso eine Hun­dert­schaft dazwi­schen­geht, wenn es ernst wird. Die mit den kleinen Eiern treffen sich vorm Sta­dion, die mit den großen Eiern treffen sich im Wald. (Lacht.)

Muss der Ver­band rigo­roser vor­gehen?
Die Ver­eine müssten klare Kante zeigen. Aber viele Funk­tio­näre haben ein­fach Angst vor den Ultras. Und auch die Spieler sind gefragt. Ich kann mir doch nicht in der einen Woche Prügel androhen lassen, und in der nächsten stehe ich auf dem Zaun und feiere mit den­selben Leuten. Das geht nicht. Das würde ich auch nie machen.

Vor ein paar Jahren sagten Sie in einem Inter­view, dass Fuß­baller zu wenig ver­dienen. Würden Sie das noch einmal so sagen?
Die Über­schrift damals war sehr pla­kativ gewählt. Es gab unglaub­lich viele Anfein­dungen, aber viele haben das Inter­view gar nicht gelesen. Ich habe ledig­lich gesagt, dass es auch im Fuß­ball um Angebot und Nach­frage geht. Wenn es eine große Nach­frage nach Top-Fuß­bal­lern gibt, das Angebot aber relativ gering ist, führt das eben dazu, dass ein Spieler 15 Mil­lionen im Jahr ver­dienen kann. Es gibt aber auch Profis in der dritten Liga, die das nicht bekommen. Das heißt ja nicht, dass ich das gut finde. Und das hat nichts damit zu tun, dass man als Alten­pfleger bei der harten Arbeit viel zu wenig ver­dient.