Könnte noch mal Ärger geben für Argen­ti­nien. Nach diesem 1:0‑Sieg im Ach­tel­fi­nale über die Schweiz. Er kam nur des­halb kurz vor Schluss der Ver­län­ge­rung zustande, weil ers­tens Lionel Messi mal wieder eine seiner über­na­tür­li­chen Ein­ge­bungen hatte und zwei­tens in der Nach­spiel­zeit der rechte Pfosten einem Schweizer Aus­gleich im Wege stand. Was aber, wenn die zustän­dige Kom­mis­sion des Welt­ver­bandes Fifa mal auf die Web­seite der argen­ti­ni­schen Zei­tung Clarín“ schaut und dort ein Beweis­mittel sicher­stellt?

Auf einem Foto ist dort zu sehen, dass im ent­schei­denden Moment ein nicht im offi­zi­ellen Spiel­be­richt auf­ge­führter Mann den rechten Pfosten hütete. Es han­delte sich dabei um Jorge Mario Ber­go­glio, einen durchaus pro­mi­nenten Argen­ti­nier, besser bekannt als Papst Fran­ziskus.

Am Diens­tag­abend haben sie alle ein biss­chen koket­tiert mit der himm­li­schen Hilfe. Im Sta­dion von Sao Paulo, daheim in Argen­ti­nien und selbst im Vatikan. Clarín“ ver­öf­fent­lichte die Mon­tage mit dem Papst am Pfosten, dazu hatte der Hei­lige Vater höchst­per­sön­lich mit­ge­spielt, mit einer sym­bo­li­schen Kriegs­er­klä­rung an seine Schwei­zer­garde. Und Lionel Messi ist ohnehin als von Gott gesandtes Geschenk direkt aus dem Himmel nach Rosario hin­ab­ge­stiegen. Es war die Koket­terie des Großen, der sich seiner Sache gegen den Kleinen sicher ist und in seiner Gene­ro­sität gern den Sieg ein wenig kleiner macht, als er ihn in der eigenen Über­zeu­gung emp­findet, näm­lich als Selbst­ver­ständ­lich­keit.

Dabei stand dieses Ach­tel­fi­nale als Blau­pause für bisher alle vier Spiele der Argen­ti­nier bei der Welt­meis­ter­schaft in Bra­si­lien. Kein ein­ziges Mal hat der selbst ernannte WM-Favorit nach­weisen können, wie er diesem Anspruch gerecht werden will. Alle Spiele wurden denkbar glück­lich mit einem Tor Dif­fe­renz gewonnen, und das auch nur, weil Lionel Messi den Unter­schied machte, und sei es nur mit einer ein­zigen Aktion.

So war das beim 2:1 gegen die Bos­nier, beim 1:0 gegen den Iran und beim 3:2 über Nigeria, und so war es auch beim 1:0 über die Schweizer, zwei Minuten vor einem mög­li­chen Elf­me­ter­schießen, das wir alle unbe­dingt ver­hin­dern wollten“, so hat es Messi nach dem Kraftakt selbst zuge­geben. Also zog er kurz hinter der Mit­tel­linie mit dem Ball los, ließ Fabian Schär ins Nichts grät­schen, Ste­phan Licht­steiner und Admir Meh­medi has­teten hin­terher, aber wenn Messi erst einmal Wit­te­rung auf­ge­nommen hat, ist alles zu spät.

In den drei Spielen zuvor hatte er im ent­schei­denden Augen­blick immer selbst den Abschluss gesucht, aber diesmal war ich mir nicht sicher“, erzählte Messi später. Ich habe über­legt: Machst du es viel­leicht selbst? Aber dann habe ich Angel gesehen und mir gedacht: Lass ihn mal.“ Angel di María bekam den Ball so ser­viert, wie ihn nur Messi ser­vieren kann, und es war um die Schweizer geschehen.

Wenn Messi in guter Posi­tion an den Ball kommt, kann er großen Schaden anrichten“, sprach Argen­ti­niens Trainer Ale­jandro Sabella, und damit ist sein tak­ti­sches Kon­zept ziem­lich exakt umrissen. Sabella kam nach Bra­si­lien mit dem Ruf, alles anders und besser zu machen als der unse­lige Diego Mara­dona vor vier Jahren.

Aber so wie Argen­ti­nien 2010 in Süd­afrika keine Mann­schaft im eigent­li­chen Sinne war, ist auch in Bra­si­lien nur eine Ver­samm­lung hoch­ta­len­tierter Indi­vi­dua­listen zu besich­tigen. Alle haben sie eine anstren­gende Saison hinter sich und scheinen sich ganz wohl dabei zu fühlen, dass es im Zwei­fels­fall der Kol­lege mit der Nummer zehn richten wird. Das Argen­ti­nien von 2014 ist so sehr Lionel Messi, wie das Argen­ti­nien von 1986 das von Diego Mara­dona war. Diese WM von Mexiko ist die bis heute ein­zige, die von einem ein­zigen Spieler gewonnen wurde.

Aber der Fuß­ball von 2014 ist nicht mehr der von 1986. Schon die Schweizer zeigten mit ver­gleichs­weise beschei­denen Mit­teln, wie Messi und damit ganz Argen­ti­nien der Spaß am Fuß­ball zu nehmen ist. Ständig war er von sechs bis acht geg­ne­ri­schen Beinen umzin­gelt, was ihn zwar nicht hin­derte an der Vor­füh­rung hüb­scher Kunst­stücke, die damit ver­bun­dene Gefahr aber sehr mini­mierte.

Warum hat Argen­ti­nien die sich durch die Schweizer Fokus­sie­rung auf Messi öff­nenden Räume nicht aus­ge­nutzt, Herr Sabella? Gute Frage, ant­wor­tete der Trainer und erzählte etwas vom auf der ganzen Welt ver­brei­teten Pro­blem, über die Flügel zu spielen. So etwas funk­tio­niere nur mit Spie­lern wie Robben oder Ribéry, aber die spielen nun mal nicht für Argen­ti­nien.

So weit, so amü­sant. Aber das argen­ti­ni­sche Dilemma ist ja nicht nur eines der ein­falls­losen Offen­sive. Für ein Tor ist eine mit Messi geseg­nete Mann­schaft immer gut. Aber dann muss hinten Ruhe herr­schen und Ord­nung, und für beides steht die argen­ti­ni­sche Defen­sive nicht. Da waren die tur­bu­lenten Szenen nach dem späten Füh­rungstor, die schwer zu begrei­fende Unord­nung rund um den Straf­raum, sie ließ noch den Kopf­ball des Schwei­zers Blerim Dze­maili zu und einen Frei­stoß von Xherdan Shaqiri.

Über das gesamte Spiel hatten die Schweizer keinen rich­tigen Punch, aber zu diesem späten Gewitter reichte es noch, trotz 118 Minuten harter Arbeit. Was soll das erst am Samstag im Vier­tel­fi­nale von Bra­silia werden? Gegen die Bel­gier mit ihren Hoch­be­ga­bungen Kevin de Bruyne, Eden Hazard und den Joker Romelu Lukaku. Sie sind keine Genies wie Messi, aber im Gegen­satz zu Rest-Argen­ti­nien immer höchst prä­sent. Der Papst kann nicht immer auf den Pfosten, und er hat auch keine bel­gi­sche Garde, der er am Samstag den Krieg erklären könnte.