Lieber FC Bayern Mün­chen,

ich habe Sie beim Telekom-Cup in Mön­chen­glad­bach spielen sehen – und ich war beein­druckt. Neun Tore in nur 120 Minuten Spiel­zeit. Acht ver­schie­dene Tor­schützen. Ein Treffer schöner als der andere. Alles wirkte wie aus einem Guss. Es war atem­be­rau­bend. Und natür­lich feixten Ihre Spieler beim Über­rei­chen der Tro­phäe, als ahnten sie, dass dieser Som­mer­kick nur eine Zwi­schen­sta­tion zur Welt­herr­schaft war. Alle bleiben hungrig. Es ist irgendwie beängs­ti­gend schön.

Zudem haben Sie einen Kader, der sei­nes­glei­chen sucht. Viel­leicht sogar euro­pa­weit. Wenn Ihr Trainer einen Spieler for­dert, dann wird er geholt. Für 25 Mil­lionen Euro. Vom FC Bar­ce­lona. Ein­fach so. Fest­geld­konto eben. Dieser Spieler über­nimmt auch prompt das Zepter und spielt, als sei er nicht in La Masia aus­ge­bildet worden, son­dern an der La Säbener. Dem neuen Wall­fahrtsort für Fuß­ball­lieb­haber. Es ist alles irgendwie para­die­sisch.

Galak­ti­sche Per­fek­tion

Und Sie haben einen Trainer der phan­tas­tisch ist. Wenn man es richtig ver­steht, ist er sogar sehr phan­tas­tisch. Nahezu galak­tisch. Er spricht nach einem Tag schon besser Deutsch als das gesamte Nach­mit­tags­pro­gramm des hie­sigen Pri­vat­fern­se­hens. Er ist enga­gierter als Green­peace, die Peta und die Land­ju­gend zusammen. Er ist belesen. Er ist ein Fuß­ball­kul­tur­schaf­fender. Er sieht gut aus. Ist gut gekleidet. Er ist per­fekt. Wie Ihr Verein. Wie Ihre Mann­schaft. Alles irgendwie per­fekt. 

Man hat das Gefühl, dass Ihr Verein unan­greifbar, unan­tastbar, unschlagbar ist. Alle zit­tern vor Ihrem Klub. Und dabei hat noch nicht einmal irgendein erst­zu­neh­mender Wett­be­werb begonnen.

Doch es gibt ein Pro­blem. Ich muss Sie warnen. Vor Über­heb­lich­keit. Vor Über­sät­ti­gung. Dem Gefühl von Zufrie­den­heit. Dem Nage­tier unter den Selbst­ge­fäl­lig­keiten. Es frisst sich so lange in die Hirne der Spieler, bis diese aus­ge­höhlt sind. Bis der Virus der Selbst­ver­liebt­heit ein­ge­pflanzt ist. Die Bäuche dicker werden. Die Schritte lang­samer. Die Lauf­wege weniger. Und schon sind alle Titel futsch. Ist das Para­dies abge­brannt. His­to­ri­sche Bei­spiele gibt es viele. Schauen Sie mal im Internet. Oder zeigen Sie Uli Hoeneß mal das Internet. Der wird sich wun­dern.

Denn auch des­wegen mache ich mir Sorgen. Eigent­lich müsste Ihr Sport­di­rektor Mat­thias Sammer doch gerade jetzt als Mahner auf die Bühne treten. So hat er es im ver­gan­genen Jahr auch gemacht. Und am Ende stand das Triple. Aber von ihm kommt: nichts. Ist er müde? Sind seine sen­si­blen Antennen aus­ge­fallen? Oder eben von Uli Hoeneß, dem Groß­meister des anti­zy­kli­schen Spiels Zucker­brot und Peit­sche“. Auch er ist abge­taucht. Hat er etwa das Steuer aus der Hand gegeben? Statt­dessen sieht man eben nur wun­der­bare Spiel­züge, herr­liche Tore, lachende Spieler. Sehen Sie denn nicht die dunklen Wolken über die Alpen ziehen? Was ist nur los?

Des­wegen Obacht, lieber FC Bayern Mün­chen: Heben Sie nicht ab. Bleiben Sie am Boden. Bleiben Sie der Verein des kleines Mannes. Der kleine Klub, regional ver­wur­zelt im beschau­li­chen Bayern, der sich alle selbst erar­beitet hat. Selbst­be­wusst zwar, aber eben auch demütig. Passen Sie auf, dass sich dieses Para­dies nicht in Sodom und Gomorra ver­wan­delt. Es wäre so schade.

Wenn man sich ein Arsch­haar raus­reißt

Falls es noch einen Beweis für den sich anbah­nenden Schlen­drian braucht, dann nehmen Sie das: Beim Sieg gegen Mön­chen­glad­bach ent­schwand ein Spieler namens Patrick Herr­mann Ihrem Außen­ver­tei­diger Diego Con­tento. In der Folge fiel der Ehren­treffer der Glad­ba­cher. Und Arjen Robben, frisch mit der Kapi­täns­binde aus­ge­stattet, ließ einmal für zwei Sekunden seinen Gegen­spieler ent­wi­schen, weil er dum­mer­weise in die Mitte zog, anstatt auf der Außen­bahn auf die Bal­ler­obe­rung zu lauern wie ein Blut­hund. Zum Glück hatte ein Mit­spieler auf­ge­passt, ein wei­teres Gegentor konnte ver­hin­dert werden. Am Ende stand es 5:1. Ein knapper Sieg. Noch einmal Glück gehabt. Merken Sie was?

Anders for­mu­liert: Kennen Sie die Geschichte vom Flü­gel­schlag eines Schmet­ter­lings, der auf der ganzen Welt Stürme aus­lösen kann? Das heißt, dass in kom­plexen, nicht­li­nearen dyna­mi­schen Sys­temen eine große Emp­find­lich­keit auf kleine Abwei­chungen in den Anfangs­be­din­gungen besteht. Klingt kom­pli­ziert, ist aber in End­ef­fekt ganz ein­fach. Lassen Sie es mich im bay­ri­schen Weiß­bier-Duktus sagen: Wenn man sich ein Arsch­haar raus­reißt, tränt plötz­lich das Auge. Lassen Sie sich das ruhig mal von Pep Guar­diola erklären. Der kann so etwas besser. Es ist sein Job. Es wird Ihnen helfen.

Und jetzt: schön wei­ter­ma­chen – aber auf­merksam bleiben. Fokus­siert. Sie wissen schon, was ich meine.

Beste Grüße,

Ben­jamin Kuhl­hoff