Sepp Blatter, wo werden Sie die Spiele der WM in Russ­land ver­folgen?
Die meisten auf der Groß­bild­lein­wand in meinem Haus in Zürich. Aber ich habe auch eine Ein­la­dung des Staats­prä­si­denten bekommen.

Des Schweizer Prä­si­denten?
Nein, Mon­sieur Putin hat mich ein­ge­laden.

Die Fifa hat Sie 2016 für sechs Jahre vom Fuß­ball­be­trieb sus­pen­diert.
Diese Sus­pen­sion bezieht sich nur auf die Akti­vität auf dem Rasen: Ich darf kein Spieler, kein Trainer, kein Schieds­richter sein. Aber ein Sta­dion darf ich selbst­ver­ständ­lich betreten.

Werden Sie WM-Spiele an der Seite von Putin live im Sta­dion ver­folgen?
Wenn er mir diese Ehre erweist. Der Staats­chef ent­scheidet, wie das Pro­gramm aus­sieht.

Hat es Sie nie genervt, ständig an der Seite von Staats­leuten Fuß­ball zu schauen, die gar keine Ahnung vom Spiel haben?
Ein biss­chen Ahnung haben sie alle. Poli­tiker brau­chen den Fuß­ball schließ­lich, denn er begeis­tert die Men­schen. Und wo Begeis­te­rung ist, zeigen sich Poli­tiker gern. Aber ich gebe zu, als ich in Anwe­sen­heit des japa­ni­schen Kai­sers das WM-Finale 2002 ange­sehen habe, war es ziem­lich still an meiner Seite. Der Kaiser hat die meiste Zeit ein fra­gendes Gesicht gemacht.

Aber Stim­mung kommt auf der Ehren­tri­büne auch sonst eher selten auf?
Für mich war es oft schwer, nach außen ruhig zu bleiben. Denn ich spiele im Kopf mit. Ihrer Kanz­lerin geht es übri­gens ähn­lich.

Ach ja?
Beim Eröff­nungs­spiel der Frauen-WM 2011 gegen Kanada sprang Angela Merkel neben mir plötz­lich auf und rief laut: Schiiieds­richter, Schiiieds­richter“ Als sie merkte, was pas­siert war, setzte sie sich wieder hin und flüs­terte: Das war jetzt nicht klug.“ Sie hatte sich wie ein Fan ver­halten. Nach ein paar Minuten fügte sie hinzu: Aber, Herr Blatter, Sie stimmen mir doch zu, dass es eine Fehl­ent­schei­dung war?“

Sie waren ein Ver­fechter der WM-Ver­gabe nach Russ­land. Mit wel­chen Emp­fin­dungen schauen Sie vor dem Tur­nier dorthin?
Sehr positiv. Ich bin über­zeugt, dass Russ­land alles daran setzen wird, dass die nega­tiven Schlag­zeilen, die das Tur­nier seit Jahren begleiten, nicht ein­treffen. Die Welt­meis­ter­schaft ist eine große Chance, sich als welt­of­fenes Land zu prä­sen­tieren.

Sie sind nicht mehr Fifa-Prä­si­dent. Sie können uns doch als Pri­va­tier offen sagen, dass es Sie erschüt­tert, was in Russ­land pas­siert.
Ich war in der Fifa – und bin nach wie vor im Fuß­ball. Ich kann Ihnen nicht als Pri­vat­mann ant­worten.

Schon als Prä­si­dent wird Ihnen aber auf­ge­fallen sein, dass große Sport­er­eig­nisse mit den damit ver­bun­denen hor­renden Kosten inzwi­schen leichter in Schwel­len­länder mit auto­ri­tären Macht­ha­bern zu ver­geben sind als in Länder wie Deutsch­land, wo viele eine skep­ti­sche Hal­tung ein­nehmen, wie die Volks­ent­scheide zu Olympia in Ham­burg und Mün­chen bewiesen haben.
Es ist klar, dass Men­schen die Nach­hal­tig­keit von Olympia nicht ver­stehen. Was bringt es, für einen 14-tägigen Wett­be­werb rie­sige Schwimm­hallen oder Velo­drome zu bauen, die hin­terher keiner braucht. Aber die Welt­meis­ter­schaft ist das Sport­event Nummer Eins. Von der Reso­nanz und Aus­strah­lung unge­fähr fünf Mal größer als Olym­pi­sche Spiele. Und wenn Sie sagen, dass die Deut­schen keine WM wollen, warum bewirbt sich der DFB dann um die Aus­rich­tung der EM 2024?

Auch in Süd­afrika und Bra­si­lien wurden WM-Sta­dien gebaut, die heute kein Mensch mehr braucht.
In Bra­si­lien wollten die Aus­richter sogar 17 neue Sta­dien bauen, am Ende wurden es zwölf, von denen sicher nicht alle sinn­voll waren. Den­noch ist eine WM etwas anderes.

Blutet Ihnen das Herz, wenn Sie sehen, dass der Fuß­ball­tempel Mara­cana nicht mal vier Jahre nach dem WM-Finale 2014 eine Ruine ist?
So etwas würde in Eng­land oder Deutsch­land nie pas­sieren. Dass eine Stadt wie Rio de Janeiro es nicht schafft, eine solche Stätte zu erhalten, die extra zur WM reno­viert wurde, will auch mir nicht in den Kopf.

Die Fifa hat einen umfas­senden Anfor­de­rungs­ka­talog an die Aus­rich­ter­länder. Hätten Sie mit den Orga­ni­sa­toren nicht vorab ver­ein­baren können, dass so etwas im Sinne des Fuß­balls nie pas­sieren darf.
Wir haben Bra­si­lien 100 Mil­lionen Euro für Ent­wick­lungs­ar­beit über­wiesen. Da würden Sie auch nicht davon aus­gehen, dass dort ein Sta­dion so schnell kaputt geht.

Freuen Sie sich auf die Winter-WM in Katar?
Soll ich dar­über scherzen? Das tue ich nicht. Katar ist der klare Beweis, wie einer Ent­schei­dung für ein Sport­groß­ereignis eine direkte poli­ti­sche Inter­ven­tion vor­an­ge­gangen ist.

Das sagen Sie so ein­deutig?
Es gab im Vor­feld der Ver­gabe ein Mit­tag­essen des fran­zö­si­schen Prä­si­denten Nicolas Sar­kozy mit dem heu­tigen Emir, damals Kronz­prinz, Tamim bin Hamad Al Thani, bei dem sie über die wirt­schaft­li­chen Bezie­hungen ihrer Länder, über die gigan­ti­schen Erd­gas­vor­kommen in Katar und über Flug­zeuge in Frank­reich spra­chen – und dar­über, dass es schön wäre, wenn die WM nach Katar käme. Und später lud Sar­kozy den Uefa-Prä­si­denten Michel Pla­tini zum Kaffee ein und machte ihm klar, dass es gut sei, wenn einige seiner Wahl­leute für Katar stimmen würden.

Was halten Sie von der Ein­füh­rung des Video­be­weises zur WM 2018?
Da stehen mir meine letzten Haare zu Berge.

Warum?
Es gab sehr, sehr viele Tests, bis wir ent­schieden haben, dass die Tor­li­ni­en­technik aus­ge­reift ist und wir sie ein­führen. Beim Video­be­weis war der Grund­ge­danke, dass ein Coach pro Halb­zeit wie im Tennis ein, zwei Szenen hin­ter­fragen kann. Aber dass es zur WM über Nacht so gedreht wird, dassdas Fern­sehen den Schieds­richter ersetzt, ent­setzt mich. Fern­sehen soll dem Fuß­ball Öffent­lich­keit ver­schaffen, ihn pro­moten, aber doch nicht Teil des Spiels sein.

Sie glauben nicht an den Erfolg?
Wie kann man etwas zulassen, das nicht aus­ge­reift ist? Bis­lang gibt es den Video­be­weis nur in sehr wenigen Ligen. Und jetzt geben sie ihn in die Welt­meis­ter­schaft, wo die meisten Spieler und Schieds­richter damit nicht ver­traut sind? Er wird die Struktur des Fuß­balls ver­än­dern. Es wird die skur­rile Situa­tion geben, dass ein Spieler ein wun­der­bares Tor erzielt und sich genau über­legt, ob er jubelt oder erst abwartet, was das Fern­sehen ent­scheidet. Und wenn es dann ein Tor ist, wird die Freude schon nicht mehr so groß sein.

Wie beur­teilen Sie die Arbeit Ihres Nach­fol­gers Gianni Infan­tino?
Ich möchte mich nicht zu seiner Arbeit äußern. Er macht seinen Job mit viel Selbst­be­wusst­sein und tut oft seine Mei­nung kund. Nach den Sta­tuten ist er aber ein reprä­sen­ta­tiver und nicht ein exe­ku­tiver Prä­si­dent, wie er nun sein Amt aus­führt.

Fehlt Ihnen die Macht, über die Sie so viele Jahre ver­fügten?
Am Anfang hat es mich schon getroffen. Dann hatte ich einen kleinen Zusam­men­bruch, der mir Zeit gab, übers Leben nach­zu­denken. Und nun bin ich 82 Jahre alt und noch etwas reifer geworden. Ob ich weiser bin, kann ich Ihnen nicht sagen.

Bei der WM 2022 wären Sie 86 Jahre alt.
Also noch ein junger Mann. Ich glaube, der da oben hat der­zeit anderes zu tun, als mich zu holen.