Es war keine Schnaps­idee, keine Ent­schei­dung, die ich plötz­lich und über Nacht traf. Ich hatte schon oft den Gedanken, mal im Aus­land zu spielen, und häu­figer dachte ich dabei an Aus­tra­lien. In Aus­tra­lien wirst du mit Fuß­ball­spielen natür­lich kein Mil­lionär, das war mir klar. Sogar in der deut­schen Regio­nal­liga kannst du mit­unter mehr ver­dienen. Aber ans große Geld dachte ich damals, im Früh­jahr 2006, nicht – das kam an vierter oder fünfter Stelle. Ich war fest ent­schlossen, etwas Neues zu wagen, ich wollte etwas aus­pro­bieren, was ich mich vorher nie getraut hätte. Man kann sagen, dass der Wechsel zu den Queens­land Roars die Erfül­lung eines heim­li­chen Traums war. Und auch eine ideelle Ent­schei­dung.



Der Kon­takt nach Bris­bane kam über den Berater von Spase Dilevski zustande, mit dem ich in der Saison 2003/04 bei Rot-Weiß Essen spielte. Die aus­tra­li­schen Ver­eine scannen ja nicht gezielt den deut­schen Markt nach neuen Spie­lern, da muss man schon eine gewisse Eigen­in­itia­tive zeigen. Ich wurde dann schnell mit den Roars einig und fragte dann beim VfL Osna­brück, meinem dama­ligen Verein, ob die Mög­lich­keit bestünde, aus meinem lau­fenden Ver­trag raus zu kommen. Sie stimmten zu.

Als ich dann in meinem Freundes- und Ver­wand­ten­kreis erzählte, dass ich fortan in Aus­tra­lien Fuß­ball spielen werde, war die Ver­wun­de­rung schon groß. Ich hatte das ja immer wieder mal erwähnt, doch man erzählt ja manchmal viel… Als sie dann merkten, dass es mir ernst war mit der Ent­schei­dung, kün­digten zahl­reiche Freunde, schon vor meiner Abreise, ihren Besuch an.

Die letzten Tage vor dem Umzug waren natür­lich stressig, aber trotzdem haupt­säch­lich von Vor­freude geprägt. Ich hatte kei­nerlei Bedenken, keine Angst. Ich war mir ganz sicher, alles richtig gemacht zu haben. Ich kannte das Land schon ein wenig, denn ich war mit einem Freund ein halbes Jahr zuvor im Urlaub Down Under“. Und das hat mich in der Ent­schei­dung bestä­tigt. Aus­tra­lien übte schon damals eine ganz beson­dere Fas­zi­na­tion auf mich aus.

Den Umzug und die Woh­nungs­suche habe ich alleine gemacht. Meine Freundin kam sechs Wochen später. Ich habe anfangs bei dem Schweizer Remo Buess gewohnt. Er spielte schon seit 2005 bei den Roars. Eine eigene Bleibe fand ich aber erstaun­lich schnell. Das geht in Aus­tra­lien viel unbü­ro­kra­ti­scher als in Deutsch­land.

Die Sprache öffnet Türen. Ich finde es immens wichtig, dass man sich ver­stän­digen kann. Mein Eng­lisch war vorher nicht über­ra­gend, es war okay. Die Aus­tra­lier spre­chen teil­weise schon ein anderes Eng­lisch, haben natür­lich einen eigenen Slang. Daher frischte ich mein Eng­lisch in den ersten Wochen etwas auf. So kam ich pro­blemlos auch mit Ein­hei­mi­schen in Kon­takt und suchte – sowohl in der Mann­schaft als auch fern vom Fuß­ball – nicht nur Kon­takt zu Deutsch­spra­chigen. Und das wollte ich auch. Denn die Men­ta­lität von Aus­tra­lier gefiel mir immer schon – dieses Lockere, Unge­zwun­gene, Ent­spannte.

Es fiel mir aber auch nicht schwer, auf die Leute zuzu­gehen. Ich wurde überall mit offenen Armen emp­fangen. Schon in den ersten Wochen gewann ich den Ein­druck, dass der Zusam­men­halt ein ganz anderer ist als in Deutsch­land. Und dieser Ein­druck sollte sich bestä­tigen. Es gibt weniger dieses Kon­kur­renz­denken und diese Grüpp­chen­bil­dungen, die ich aus Deutsch­land gewohnt war. So ent­wi­ckelten sich schnell Freund­schaften.

Aus­tra­lien ist einer­seits sehr euro­pä­isch, ande­rer­seits aber auch eine voll­kommen andere Welt. Das merkt man schon beim Essen: Wie in den USA gibt es sehr viel Fast­food, kein dunkles Brot, son­dern fast nur Toast. Die Bohnen zum Früh­stück sind wohl ein eng­li­scher Ein­fluss. So sehnte ich mich manchmal nach einem deut­schen Früh­stück. Als wir in der Vor­be­rei­tung in den Norden in einen kleinen Ort in der Nähe des Great Bar­rier Reefs fuhren, wurde mir dann end­gültig bewusst, dass ich ganz weit weg von zu Hause bin. Wir waren dort von einem Dorf­verein zu einer Art Test­spiel ein­ge­laden – eigent­lich hatte das Spiel aber eher PR-Cha­rakter. Es war ein Abend­spiel unter Flut­licht. In der Kabine hüpfte mir eine fette Kröte ent­gegen, und als ich das Spiel­feld betrat, fielen mir die Netze auf, die weit­läufig um das gesamte Spiel­feld gespannt waren. Ein Mit­spieler grinste und sagte: Die sollen uns vor den Schlangen schützen, die hier vom Flut­licht ange­zogen werden und aufs Spiel­feld drängen.“

Fuß­ball ist in Aus­tra­lien im Kommen. Ähn­lich wie in den USA galt Fuß­ball in Aus­tra­lien lange als Mäd­chen­sport. Ein unge­schrie­benes Gesetz lau­tete: Wer Fuß­ball spielt, ist nicht hart genug für Rugby und Aussie Rules Foot­ball. Doch durch die Welt­meis­ter­schaft und das gute Abschneiden der Aus­tra­lier ist Fuß­ball heute mehr im Fokus. Gerade Kinder und Jugend­liche haben nun Blut geleckt und die Ver­eine und der Ver­band ver­markten den Fuß­ball schon recht pro­fes­sio­nell. Man ver­sucht die Leute ins Sta­dion zu locken. Und die Zuschau­er­zahlen steigen stetig. Wir hatten einen Schnitt von 17.000 Besu­chern pro Spiel. Das Finale der letzten Saison ver­folgten 60.000 Fans. Den­noch steht Fuß­ball in der Popu­la­rität immer noch hinter Foot­ball, Rugby und viel­leicht sogar hinter Cri­cket. Ver­mut­lich liegt das auch daran, dass Fuß­ball in Aus­tra­lien keine Tra­di­tion hat, es gibt keine mit Europa ver­gleich­baren Fan­struk­turen, die über Jahr­zehnte gewachsen sind.

Im Gegen­satz dazu steht Aussie Rules, ein Spiel, das eine über 150-jäh­rige Geschichte hat. Aussie Rules – manche nennen es auch ein­fach Foot­ball oder Footy“ – ist ver­gleichbar mit dem Ame­rican Foot­ball, da es auch mit einem ovalen Ball gespielt wird. Die Regeln sind aber voll­kommen anders. Die aus­tra­li­schen Kids lernen das Spiel schon in der Schule. Wir haben auch gele­gent­lich im Trai­ning Rugby oder Aussie Rules gespielt, aller­dings sah ich dabei nicht beson­ders gut aus. Ich war auch mal bei einem Spiel, in Bris­bane gibt es ein AFL- und ein Rugby-Team. Da geht es richtig hart zur Sache, und ich glaube, der Cha­rakter und die Atti­tüde, die man in diesen Sport­arten zeigt, über­trägt sich auch auf den Fuß­ball. Ich habe es in den Spielen der Fuß­ball-A-League jeden­falls nie erlebt, dass jemand thea­tra­lisch zu Boden fällt, weil er leicht am Trikot gezupft wurde. In der aus­tra­li­schen Fuß­ball­liga will sich nie­mand die Blöße geben. Und ich glaube, dass diese Ein­stel­lung vom Rugby und Aussie Rules rührt. Dort ist es das oberste Gebot, Stärke zu zeigen.

Wirk­lich Zeit, um das Land zu erkunden, hatte ich dem Jahr nicht. Durch die Spiele kommt man ein biss­chen rum, doch es ist ein ähn­li­ches Dilemma wie in Deutsch­land: Man sieht das Hotel und hat nach und vor dem Spiel kaum Zeit. Oft­mals ist es noch extremer: Wir spielten auch in Perth, an der West­küste, und da fliegst du ja fast sechs Stunden hin. Und in Neu­see­land hatten wir auch Spiele. Das war eine ähn­liche Odyssee. Vor Weih­nachten hatten wir mal eine Woche frei, da bin ich mit meiner Freundin zum Tau­chen ans Great Bar­rier Reef gefahren – das war schon sehr beein­dru­ckend. Die spiel­freien Wochen­enden haben wir genutzt, um mal nach Sydney oder Mel­bourne zu fliegen. Ab und zu hatten wir auch Besuch aus Deutsch­land, mein Vater war mal da, und wir erkun­deten die Umge­bung rund um Bris­bane.

Wenn ich heute zurück­blicke, ver­misse ich schon ein paar Sachen. Natür­lich das Wetter, aber auch die Ent­spannt­heit der Leute, vor allem im Stra­ßen­ver­kehr. Ich habe das Gefühl, dass man mehr auf­ein­ander achtet. Die Men­schen gehen mit einem Lächeln durch die Straßen. Viel­leicht liegt das auch an der Abge­schie­den­heit des Landes. In Aus­tra­lien steht das Leben im Vor­der­grund, nicht der Besitz. Daher lebt man oft etwas ein­fa­cher, ver­zichtet auf das Super­auto, auf die Super­villa. Dafür lebt man in Aus­tra­lien auch exklu­siver.

Nun will ich Deutsch­land nicht schlecht reden, ich lebe gerne hier. Und auch in Aus­tra­lien ist nicht alles Gold, was glänzt. Doch ich würde jedem Profi einen sol­chen Schritt emp­fehlen. Und wenn es nicht Aus­tra­lien ist, dann ein anderes Land. Doch es ist auch klar: Wer in Deutsch­land gut im Geschäft ist, wird es gar nicht in Erwä­gung ziehen nach Aus­tra­lien zu gehen. Es ist finan­ziell ein­fach nicht lukrativ. In der A‑League spielen meist solche Spieler, die zuvor in Europa in den zweiten oder dritten Ligen kickten. Oder auch solche, die längst über ihrem Zenit sind. Einige Zeit spielte etwa Romario in Ade­laide. Er machte vier Spiele und schoss ein Tor. Sicher, das war eine Art Mar­ke­ting-Gag. Doch auch andere ehe­ma­lige bra­si­lia­ni­sche Top­stars wech­selten nach Aus­tra­lien, zum Bei­spiel Jun­inho Pau­lista, der früher bei Celtic, Midd­les­b­rough oder Atlétco Madrid spielte, und dann für den Sydney Foot­ball­club aktiv war. Oder auch der ehe­ma­lige Porto- und Spor­ting-Star Mário Jardel.

Ich bin mitt­ler­weile nach Deutsch­land zurück­ge­kehrt. Es war eine Hals-über-Kopf-Heim­kehr. Doch im Grunde war das alles zweit­rangig. Wichtig ist, dass es meiner Tochter gut geht. Sie war der Haupt­grund für unsere Rück­kehr nach Deutsch­land. Meine Freundin und ich wollten, dass sie in Deutsch­land zur Welt kommt. Und meine Freundin hat sich in dem Jahr in Aus­tra­lien nicht so wohl gefühlt wie ich. Daher kann ich auch nicht sagen, ob wir noch mal zurück­gehen. Ich weiß aber, dass ich, wenn ich heute spontan nach Bris­bane fahren würde, immer irgendwo unter­kommen könnte. Und wer weiß, viel­leicht fühlen wir uns eines Tages doch bereit für einen zweiten Ver­such.