Kurz vor dem Abgrund ist das normal. Wer Han­nover 96 mag, ein wenig son­derbar findet oder sich auf irgend­eine andere Art und Weise mit diesem Verein beschäf­tigt, blickt noch einmal weh­mütig zurück. Warum bloß ist der Abstieg aus der Bun­des­liga kaum zu ver­hin­dern? Welche Momente der Saison fühlen sich im Nach­hinein schön oder zumin­dest beson­ders an? Tja.

Da war mal dieses flotte 0:0 gegen Borussia Dort­mund. Das ist jetzt acht Monate her und liegt gefühlt Licht­jahre zurück. Vor kurzem flossen Tränen von Mit­tel­feld­spieler Edgar Prib. Er hat nach zwei Kreuz­band­rissen sein Come­back gegeben und voller Glück tief in seine Sport­ler­seele bli­cken lassen. Das ist eine Woche her, klang echt und hat auf­ge­wühlt. Doch der Höhe­punkt der Saison 2018/19 war für Han­nover 96 die Mit­glie­der­ver­samm­lung am 23. März. Sie hat einen tiefen Riss quer durch den Verein offen­bart.

Die Schärfe der Kritik hatte ihre Gründe

Wieder einmal war das Drum­herum wich­tiger als der Sport. Die sieg­reiche Oppo­si­tion fei­erte ihren Sieg mit Sprech­chören wie im Sta­dion. Der gerade abge­tre­tene Prä­si­dent Martin Kind (Bild rechts oben) sah extrem unglück­lich aus, als die Macht­ver­hält­nisse in dem von ihm regierten Verein gekippt waren. Die tur­bu­lente Mit­glie­der­ver­samm­lung führte noch einmal vor Augen, worum es in den ver­gan­genen Monaten bei Han­nover 96 wirk­lich gegangen ist. Ver­eins­füh­rung und Oppo­si­tion haben sich mit Anfein­dungen, Klagen und Vor­würfen wech­sel­seitig eine öffent­liche Schlamm­schlacht gelie­fert. Der 75 Jahre alte Unter­nehmer, der mehr als 20 Jahre lang als Prä­si­dent an der Spitze des Ver­eins stand, wurde übelst beschimpft. Als Huren­sohn zum Bei­spiel. Oder als geld­geiler Dik­tator. Ein sol­ches Niveau ist schwer zu ertragen und lenkt vom Wesent­li­chen ab. Aber die Schärfe der Kritik hatte auch ihre Gründe.

Die Fülle an Macht, mit der Kind die haupt­säch­lich von ihm finan­zierte Fuß­ball­firma anführt, hat über Jahre vieles an die Wand gedrückt. Vor­stands­chef, mehr­fa­cher Geschäfts­führer, Investor und Mäzen in Per­so­nal­union: Das war früher einmal gut, als 96 in einer sport­lich und finan­ziell schwie­rigen Zeit Hilfe benö­tigte. Kind hat den Verein zwei Jahr­zehnte auf seine Art diri­giert und sor­tiert. Der Wille unzu­frie­dener Mit­glieder fand bei ihm kaum Gehör. Wer spricht schon gerne mit einer lauten Masse, die ständig Kind muss weg“ brüllt? Es wurde geschrien, kri­ti­siert und pole­mi­siert. Han­nover 96 hat in der aktu­ellen Saison deut­lich mehr Pres­se­mit­tei­lungen ver­öf­fent­licht als Tore geschossen. Tag für Tag poppte neuer Ärger hoch. Kann man als Profi unter diesen Umständen über­haupt einen guten Job ablie­fern?

Ewig geht das nicht gut“

Die öffent­liche Vari­ante der Spieler lautet: Ist nicht unsere Bau­stelle. Können wir nicht beein­flussen. Kon­zen­trieren uns auf das, was auf dem Platz pas­siert. Nur ganz selten haben sich Stamm­spieler ver­ein­zelt getraut, das Durch­ein­ander im Verein zu kri­ti­sieren. Ewig geht das nicht gut“, meinte etwa Spiel­ge­stalter Pirmin Schwegler.

Über Monate hatten sich die Heim­spiele wie Aus­wärts­spiele ange­fühlt, weil sich die Ultras in der Nord­kurve gewei­gert hatten, die eigene Mann­schaft zu unter­stützen. Fast alles in dieser Spiel­zeit blieb durch Ärger und Kon­fron­ta­tionen über­la­gert. An diesem Dilemma und einer erfolg­losen Per­so­nal­po­litik dürfte auch Horst Heldt (Bild rechts Mitte) geschei­tert sein. Er war ursprüng­lich als Kron­prinz von Kind aus­er­koren. Der lang­jäh­rige Profi sollte für mehr sport­li­chen Erfolg sorgen, zwi­schen dem ganz oben sowie denen weiter unten die Wogen glätten und sogar zum Geschäfts­führer beför­dert werden.

Doch Heldt war zu klein für die tiefen Gräben. Er beklagte ent­nervt die Viel­zahl an haus­ge­machten Pro­blemen, wollte den Verein zwi­schen­zeit­lich zweimal ver­lassen und wurde Anfang April ent­lassen. Auch mit sol­chen Per­so­na­lien kann man es als Bun­des­li­gist schaffen, sich als Meister der Unruhe zu eta­blieren und bun­des­weit belä­chelt zu werden.