Guido Buch­wald, wie schauen Sie die WM?

Am liebsten mit Freunden oder Bekannten, sel­tener alleine. Ich bin der Mei­nung, Fuß­ball sollte man mit anderen teilen. Daher werde ich auch einige Male zum Public Viewing“ gehen – bei zwei Vor­run­den­spielen der deut­schen Mann­schaft bin ich etwa als so genannter Experte ein­ge­laden.



Und dann wird mit Ihnen die Frage geklärt, wie man Welt­meister wird?

Ach, dafür gibt es ja kein all­ge­mein gül­tiges Rezept. Es wird kon­kret um die Spiele gehen. Um Tak­tiken, Tore, darum, was kann man besser machen.

Sie waren bei zwei Welt­meis­ter­schaften dabei, es hätten sogar drei sein können, doch 1986 strich Franz Becken­bauer Sie drei Tage vor dem Abflug nach Mexiko aus dem Kader. Zu Unrecht?

Natür­lich war ich der Mei­nung, dass ich besser war als andere, die Franz letzt­end­lich mit­ge­nommen hat. Doch muss man als Spieler eine solche Mei­nung akzep­tieren. Im ersten Moment war es hart, doch ich war immer ein Typ, der auch mit Rück­schlägen gut umgehen konnte. Ich fiel in den Monaten danach nicht in ein Loch, ich arbei­tete an mir – und wurde mit der Nomi­nie­rung vier Jahre später belohnt.

Wie viele Spieler standen denn vor der WM 1986 im erwei­terten Kader?

Ich glaube, es waren 27. Vier Spieler wurden also aus­sor­tiert: Frank Mill, Wolf­gang Funkel, Heinz Gründel und ich. Schon vor dem Trai­nings­lager war klar: 15 bis 16 Spieler sind sicher, die anderen Wackel­kan­di­daten.

Zählten Sie sich zu den Wackel­kan­di­daten?

Ich wusste jeden­falls, dass ich nicht zu den 15 Spie­lern mit WM-Garantie zählte, denn diese hatten bereits vor dem Trai­nings­lager Sport­ta­schen mit festen Num­mern erhalten. Meine Tasche hatte keine Nummer.

Wie bewerten Sie dieses lang­wie­rige Nomi­nie­rungs­pro­ze­dere, das sich vor jedem Tur­nier wie­der­holt?

Ich fand es schon damals nicht gut. Und das hatte nichts damit zu tun, dass ich gestri­chen wurde. Ich würde es besser finden, wenn man 23 Spieler nomi­niert und dann vier oder fünf Spieler ins Trai­nings­lager ein­lädt, diesen aber von vorn­herein den Status auf Abruf“ gibt. So würde man keine fal­schen Hoff­nungen schüren.

Suchten Sie nach Ihrem Gespräch mit Franz Becken­bauer nach Gründen für Ihre Nicht­no­mi­nie­rung?


Natür­lich – doch ich konnte ein­fach keine finden. Zumal wir wenige Tage zuvor ein Vor­be­rei­tungs­spiel in Bochum gemacht hatten, bei dem mir Horst Köppel, der dama­lige Co-Trainer, signa­li­sierte, dass ich in Mexiko dabei sei. Doch Franz setzte am Ende ein­fach auf die Bayern-Achse und gab dem einen oder anderen Spieler eine Chance, der zuvor kaum ein Län­der­spiel gemacht hatte.

Vor einer Woche wurde Andreas Beck mit­ge­teilt, dass er in Süd­afrika nicht dabei sei. Wäre eine WM nicht eh zu früh für ihn gekommen?

Ich glaube, ein großes Tur­nier kann nie zu früh kommen. Solche Erfah­rungs­werte, die sehr wichtig für eine wei­tere Kar­riere sind, sam­melt man als Profi bes­ten­falls im jungen Alter. Doch Andreas Beck soll den Kopf nicht hängen lassen, in zwei Jahren vor der EM kann die Welt ganz anders aus­sehen, denn nach großen Tur­nieren findet in der Natio­nal­mann­schaft meist eine Zäsur statt. Wie groß die dieses Mal ist, wird sich zeigen. Doch wer weiß, ob der Bun­des­trainer wei­ter­macht, wer kann schon sagen, welche Spieler 2012 noch dabei sind.

1990 wurde Deutsch­land auch dank Ihrer Leis­tung Welt­meister. Waren die WM-Spiele in Ita­lien für Sie eine Genug­tuung?

Genug­tuung ist das fal­sche Wort. Ich war ein­fach froh über den Titel und meine Leis­tung. Es wurde ja auch nicht so, dass nach 1986 schmut­zige Wäsche gewa­schen wurde. Ich habe nach dem Sieg in Rom sogar mal mit Franz Becken­bauer gescherzt: Franz, wenn du mich 1986 mit­ge­nommen hät­test, wären wir jetzt zweimal in Folge Welt­meister geworden.“

1990 wurde Ihr Spitz­name Diego“ geboren. Einige sagen, sie hätten den Namen bekommen, weil sie Diego Mara­dona zum Sta­tisten degra­dierten. Andere behaupten, Gerd Ruben­bauer hätte den Namen nach Ihrem Über­steiger im Ach­tel­fi­nale gegen die Nie­der­lande eta­bliert. Was stimmt denn nun?

In Wahr­heit ist Klaus Augen­thaler der Namens­geber. Er nannte mich schon wäh­rend der Vor­runde Diego“. Ich glaube, ihm impo­nierte eine Finte in einem gewöhn­li­chen Trai­nings­spiel­chen.