Meine Lieblingself (4)

Das Spektakel

Marcelinho (zentrales Mittelfeld)
Eigentlich wurde Marcelinho nur zu Hertha BSC geholt, um dem einsamen Alex Alves einen Landsmann an die Hand zu geben. Dass Marcelinho dann phasenweise so häufig Tore schoss, wie er seine Haarfarbe wechselte (mindestens ein Mal pro Woche), hat an der Spree jeden überrascht. Schönste Aktion des in Europa noch nicht so kulturfesten Südamerikaners: Um zu zeigen, wie wohl er sich in Deutschland fühlt, wollte Marcelinho seine Haare in den Farben der deutschen Fahne färben. Beschissene Idee, beschissene Umsetzung. Statt mit schwarz, rot und gold lief der Brasilianer 2005 beim Spiel gegen Dortmund mit rot, gelb und schwarz – der Flagge Belgiens – ins Olympiastadion ein. Marcelinhos Kommentar: »Wichtig ist doch, dass das schöne Farben sind.« Eben. 



Ronaldinho (linkes Mittelfeld)
Ronaldinho lässt ein professionelles Fußballspiel aussehen wie einen Tag am Strand. Das liegt nicht am Surfer-Gruß, den er nach seinen Toren zelebriert, sondern an seiner Leichtigkeit. Übersteiger machen viele, aber bei keinem gerate ich so ins Schwärmen wie bei Ronaldinho. Sicher, manchmal wirkte er auf dem Platz mehr wie ein Zirkusdarsteller als ein Fußballspieler, trotzdem hatte ich nie den Eindruck, dass es ihm um Selbstdarstellung geht. In seiner Zeit beim FC Barcelona hat er Spektakel mit Erfolg vereint wie ein Trapezkünstler, der beim Balanceakt ein Mittel gegen Krebs entwickelt. Ich habe in meinem jungen Leben sicherlich noch nicht viele Legenden live erlebt, aber Ronaldinho hat diesen Status verdient. Dass ich damit nicht ganz so falsch liege, bewiesen 2005 die Fans von Real Madrid. Die Anhänger der Königlichen spendeten Ronaldinho Standing Ovations, weil dieser das Weiße Ballett aussehen ließ wie ein paar pummelige Funkenmariechen. Ich bin des Portugiesischen nicht mächtig, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass »Ronaldinho« und »Joga Bonito« Synonyme sind.



Sebastian Deisler (rechtes Mittelfeld)
Jimi Hendrix, Jim Morrison, Kurt Cobain. Sie alle gingen mit 27 Jahren, weil sie dem Druck, dem sie ausgesetzt waren, nicht standhalten konnten. Sebastian Deisler beendete im Alter von 27 Jahren nicht sein Leben, dafür aber das, was bis dahin sein Lebensinhalt war - seine Fußballkarriere. Auch ihn haben die Erwartungen zerstört, die in ihn gesetzt wurden. Er sollte den deutschen Fußball im Alleingang retten, Zeit dazu bekam er keine. Was sein Können betrifft, ist wahrscheinlich nur Michael Ballack aus dieser Generation mit Deisler vergleichbar. Der Unterschied war jedoch, dass Ballack im beschaulichen Kaiserslautern spielte und vier Jahre älter war. Deisler kam 1999 aus Gladbach nach Berlin und sollte Hertha im ersten Jahr gleich mal mindestens zur Meisterschaft schießen. Der Boulevard pries den schüchternen Jungen als »Basti-Fantasti« an. Nike plante mit ihm eine große Marketing-Kampagne, die Deisler als »upcoming shining star« zeigen sollte. Damals war er 19 Jahre alt. Später kamen dutzende Verletzungen an Knien und Leiste hinzu - sechs Mal wurde Deisler operiert, 19 Mal fiel er länger aus. Er litt an Depressionen, die durch die ständigen Rückschläge weiter angefacht wurden und die ihm später die Karriere kosteten. Doch wann immer er auf dem Platz stand, war ihm das alles nicht anzumerken. Vielleicht habe ich es auch als kleiner Junge nicht verstanden. Für mich war Deisler immer der Held, mein erstes Trikot trug seinen Namen. 

Thierry Henry (Sturm)
Für Red Bull muss man als Fußball-Fan keine Sympathie empfinden, aber Thierry Henry macht den Laden irgendwie erträglicher. 2010 wechselte der Franzose nach New York. Für mich war er damit unter dem Radar. Ich dachte Henry würde seine Karriere in Übersee langsam ausklingen lassen, sich durch die MLS tunneln und vielleicht noch ein paar No-Look-Tore schießen. Zwei Jahre später kehrte Henry dann plötzlich für zwei Monate zu Arsenal zurück. Der Franzose sollte der durch den Afrika-Cup personell geschwächten Truppe aushelfen. In seinem ersten Spiel im FA-Cup erzielte er dann das 1:0 gegen Leeds. Es war sein 228. Tor für den FC Arsenal. Damit ist er mit 43 Toren Abstand Rekordtorschütze der »Gunners«.  

Marko Pantelic (Sturm)
Ach, Marko Pantelic, ich vermisse dich. Deine langen, schmierigen Haare, dein divenhafter Gestus, der dich so arrogant wirken ließ, dass man dich eigentlich nur mögen konnte. Bevor du nach Berlin kamst, irrtest du als zielloser Vagabund durch die Ligen Europas. Hier eine Liste der Vereine, für die du gespielt hast bevor du zu Hertha gekommen bist:

Iraklis Saloniki
Paris St. Germain 
SK Sturm Graz
FC Yverdon
Lausanne-Sport 
FK Obilić 
FK Sartid Smederovo
Roter Stern Belgrad

Acht Vereine und sechs Länder in zehn Jahren - Respekt. Dann kam Hertha. Du und die Alte Dame das passte. Wenn über Hertha berichtet wurde, dann über dich. Eine Leistung, die in der Berliner Medienlandschaft beispiellos ist. Dass du sie vollbringen konntest, lag an deiner besten Eigenschaft, deinem Selbstbewusstsein. Nicht nur hast du dich selbst 2008 zum besten Spieler der Liga erklärt, du hattest zudem den Mut vier Elfmeter hintereinander zu schießen. Alle in dieselbe Ecke, alle verschossen.