Tuğba Tekkal, vor wenigen Monaten hat der DFB-Prä­si­dent Fritz Keller im Aktu­ellen Sport­studio“ den Ras­sismus im deut­schen Fuß­ball klein geredet. In Eng­land und den Nie­der­landen sei das Pro­blem größer. Wie emp­finden Sie das?
Ich mag Fritz Keller, aber in dem Gespräch hat er sich nicht gut ver­kauft. Es ist fatal, beim Thema Ras­sismus auf andere zu ver­weisen. Der DFB muss Ver­ant­wor­tung über­nehmen, und die fängt damit an, Ras­sismus zu erkennen. Es reicht nicht aus, ab und zu ein Trikot mit dem Slogan No racism“ aus dem Schrank zu holen.

Sie waren Profi beim Ham­burger SV und dem 1. FC Köln. Welche Form von Ras­sismus haben Sie in Ihrer Kar­riere erlebt?
Von der Tri­büne habe ich Sprüche gehört wie Da kommt der Döner­spieß“. Oder auch Zuschrei­bungen wie die Türkin“, obwohl ich kur­di­sche Wur­zeln habe. Die meisten ras­sis­ti­schen Erfah­rungen habe ich aber abseits des Platzes gemacht. Vor allem in meiner Kind­heit.

Können Sie Bei­spiele nennen?
Als Kind wurde ich oft gefragt, wo ich her­komme. Wenn ich sagte, dass ich aus Han­nover bin, folgte die nächste Frage: Aber wo kommst du wirk­lich her?“ Andere waren direkter und sagten: Geh zurück in deine Heimat!“ Oder sie reagierten erstaunt, dass ich Hoch­deutsch spreche: Das hätte ich jetzt nicht erwartet!“ In der Bahn haben Damen ihre Hand­ta­schen fest­ge­halten, wenn ich mich neben sie gesetzt habe. Ein älterer Mann hat mich auf der Straße beschul­digt, ich hätte das Fahrrad geklaut, auf dem ich saß, wor­aufhin ich einen schlimmen Heul­krampf bekommen habe. In der Schule hat mich mal ein Mit­schüler in den Schwitz­kasten genommen und gesagt, Hitler hätte mich ver­gessen. Beson­ders schlimm war ein Erlebnis in der fünften oder sechsten Klasse, als mir eine Leh­rerin sagte, ich könnte mich noch so sehr anstrengen, aus mir würde doch nur eine Putz­frau werden, so wie meine Mutter. Und als wir einmal unseren Stamm­baum auf­malen sollten, sagte sie: Tuğba, du nicht, das würde bei dir zu lange dauern.“ Ich habe mich damals oft für meine Fami­li­en­her­kunft geschämt, schließ­lich lernte ich, dass wir nicht mal ein Land haben.

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Geboren und auf­ge­wachsen in Han­nover. In der 1. und 2. Bun­des­liga spielte Tekkal für den HSV und den 1. FC Köln. Mit ihrer Schwester, der Jour­na­listin Düzen Tekkal, grün­dete sie die Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tion Háwar.help. später rief sie die Initia­tive Sco­ring Girls ins Leben. Sie ist Red­nerin und refe­riert in ihren Vor­trägen über ihre Rolle als Frau, Sport­lerin und Deut­sche mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund.

Die Autorin Alice Has­ters schreibt in ihrem Buch Was weiße Men­schen nicht über Ras­sismus hören wollen, aber wissen sollten“ von Mücken­sti­chen: Kaum sichtbar, im Ein­zelnen aus­zu­halten, doch in der Summe wird der Schmerz uner­träg­lich.“
Viele ver­stehen gar nicht, dass Ras­sismus nicht erst beim prü­gelnden Neo­nazi anfängt. Es beginnt viel eher, und ich kann mich an Phasen erin­nern, wo ich mich dafür geschämt habe, über­haupt dar­über zu reden. Aber das Pro­blem sind nicht die­je­nigen, die vom Ras­sismus betroffen sind. Es sind die, die ihn begehen. Des­wegen sind wir als ganze Gesell­schaft gefragt, wenn wir den Ras­sismus bekämpfen wollen.

Wie haben Sie denn die nega­tiven Erfah­rungen in Ihrer Kind­heit ver­ar­beitet?
Ich habe das meiste hin­ge­nommen und mit mir selbst aus­ge­macht. Es schien irgendwie normal. Aber natür­lich macht das was mit einem. Ich war damals intro­ver­tiert und ängst­lich. Meine Eltern haben mich als Sor­gen­kind gesehen. Der Fuß­ball hat mir damals sehr geholfen.

Hatten Sie Vor­bilder?
Fuß­ball spie­lende Frauen kannte ich nicht, höchs­tens ein paar Ame­ri­ka­ne­rinnen. Vor­bilder hatte ich eher im Män­ner­fuß­ball. Bei Jerome Boateng oder Sami Khe­dira habe ich gesehen, dass Men­schen mit Migra­ti­ons­ge­schichte es schaffen können.

Wie haben Sie mit dem Fuß­ball ange­fangen?
Ich bin in einer Familie mit zehn Geschwis­tern auf­ge­wachsen. Mit meinen Brü­dern war ich oft auf dem Bolz­platz. Da war ich sechs, sieben Jahre alt. Irgend­wann merkten sie, dass ich ganz gut war, besser sogar als sie selbst. (Lacht.) Als ich 16 war, schlugen sie mir vor, in einen Verein ein­zu­treten. Ich fragte, wie ich das Mama und Papa sagen sollte, und sie ant­wor­teten: Wir sagen ihnen erst mal gar nichts.“