Herr Spörl, bei unserem letzten Tele­fonat waren Sie in Buenos Aires, und ich habe Sie mor­gens aus den Federn geklin­gelt. Was war der Grund für ihren Auf­ent­halt?

(lacht) Ich bin Scout des Ham­burger SV. Da muss man sich auch mal in Argen­ti­nien umgu­cken.

Wie kann man sich die Arbeit als Scout genau vor­stellen? Gehen Sie von Fuß­ball­verein zu Fuß­ball­verein und schauen sich Jugend­spiele an?

Beim HSV ist das Scou­ting in meh­rere Abtei­lungen auf­ge­glie­dert. Wir haben zwei Scouts für den Jugend­be­reich und vier für den Her­ren­be­reich, der noch zwi­schen Bun­des­liga und Ama­teuren auf­ge­teilt ist. Ich scoute haupt­säch­lich Spieler, die direkt für die Bun­des­liga inter­es­sant sind.

Also schon fer­tige Spieler?

Na ja, was heißt fer­tige Spieler? Ein junger Spieler wie etwa Pitroipa ist ja noch nicht fertig. Der hat großes Poten­tial, muss sich aber noch ent­wi­ckeln.

Sie sind also viel auf Reisen. Welche Spra­chen spre­chen Sie?


Mit Eng­lisch kommt man eigent­lich meis­tens klar. Natür­lich gibt es auch mal Berater, Trainer oder Betreuer, die kein Eng­lisch spre­chen, aber in der Regel kann man sich immer irgendwie ver­stän­digen. Man muss jeden­falls nicht unbe­dingt Fran­zö­sisch oder Por­tu­gie­sisch können.

Wie lange sind Sie denn schon als Scout tätig?

Eigent­lich seitdem es ein Scou­ting­system beim HSV gibt, seit 2002.

Hatten Sie nie Lust, als Trainer zu arbeiten?

Ich war ja Trainer, doch irgend­wann musste ich die Ent­schei­dung treffen, ob ich ins Trai­ner­ge­schäft gehe oder ins Scou­ting. Das Scou­ting hat sich in den letzten Jahren stark ver­grö­ßert. Mitt­ler­weile ist das ein Full­time-Job, man ist teil­weise sechs, sieben Monate im Jahr nicht zu Hause. Dabei kann man natür­lich nicht nebenbei noch eine Mann­schaft trai­nieren. Falls ein Verein aus der Regio­nal­liga noch mal anfragen würde, dann werde ich mir schon noch mal Gedanken machen.

Es würde Sie also noch reizen, einen Pro­fi­verein zu trai­nieren?

Ja, aber die Mög­lich­keit ist sehr gering. Eigent­lich steigt man ja direkt nach der Fuß­ball­kar­riere ins Trai­ner­ge­schäft mit ein. Nun bin ich seit einigen Jahren nicht mehr als Trainer tätig und kann mir auch nicht vor­stellen, dass jemand kommt uns sagt: Du bist ein netter Kerl, du kennst dich aus in der Fuß­ball­branche, willst Du unseren Zweit­li­gisten trai­nieren?“ Sie kamen 1987 zum HSV und blieben dort 14 Jahre bis 2001. Was macht den HSV so beson­ders für Sie?

Ers­tens haben sie mir da die Mög­lich­keit gegeben, pro­fes­sio­nell Fuß­ball zu spielen – dass war das Wich­tigste. Zudem ist Ham­burg eine schöne Stadt, der Familie hat es gefallen, und ich habe mich rundum wohl gefühlt. Es hat ein­fach Spaß gemacht, und nach ein paar Jahren hatte sich bei mir eine Art Ver­eins­treue ent­wi­ckelt. Für mich kam eigent­lich nie ein Wechsel in Frage.

Wollten Sie wirk­lich nie weg?

Nein. Ich habe meis­tens auch schon ein halbes Jahr vor Ver­trags­ende ver­län­gert. Ich war nie jemand, der gepo­kert hat. Ich wollte in Ham­burg bleiben, und es hat gepasst. Solche Ver­eins­treue war damals schon selten, und heut­zu­tage gibt es das ja so gut wie gar nicht mehr.

Bevor Sie kamen, holte der HSV 1987 den Pokal und wurde Zweiter in der Liga – eine so gute Saison ist den Han­seaten bis heute nicht mehr gelungen. Was ver­passte der HSV, um den Erfolg fort­zu­setzen?

Im Jahr darauf sind wir Fünfter geworden. Wir hatten in der Zeit zwi­schen 1987 und 2001 immer wieder eine gute Mann­schaft bei­sammen. Doch hatten wir das Pro­blem, dass die Stützen, sei das ein Thomas Doll oder ein Jörg Albertz, am Ende der Saison ver­kauft wurden. Wohl aus finan­zi­ellen Gründen, da bin ich mir aber nicht so sicher. Diese Schlüs­sel­spieler zu ver­lieren war schlecht für das Gefüge der Mann­schaft, und danach hat es immer so ein, zwei Jahre gedauert, bis sich die Mann­schaft wieder neu for­miert hatte.

Bei den Fans waren sie immer sehr beliebt. Wer hat Ihnen den Spitz­name Lumpi“ gegeben?

Ich habe den, seit ich zehn Jahre alt bin. Warum, weiß ich nicht mehr. Ich habe ihn bis heute behalten, selbst in meiner Heimat nennen sie mich noch so. War wahr­schein­lich so ein Jugend­streich – da quatscht einer mal ein biss­chen blöd herum, und dann hat man so einen Namen an der Backe. Aber mich stört das nicht. Meine Frau nennt mich übri­gens auch so.

Sie spielten 1995/96 eine über­ra­gende Saison, in der Sie 14 Tore schossen und somit bester HSV-Schütze wurden. Damals stand die EM in Eng­land vor der Tür. Waren Sie damals kein Kan­didat für die Natio­nal­mann­schaft?

Doch, klar. Ich war öfters ein Thema für die Natio­nalelf. Nur hat das leider nie geklappt. Damals hatten wir ja noch rich­tige Knal­ler­spieler, es war unglaub­lich schwer an denen vorbei zu kommen. Heute hätte ein Mit­tel­feld­spieler, der 14 Tore in einer Saison macht, ver­mut­lich keine Pro­bleme, nomi­niert zu werden.

Wer war denn die Kon­kur­renz auf Ihrer Posi­tion in der Natio­nal­mann­schaft?

Ich habe ja meh­rere Posi­tionen gespielt. Meis­tens im Mit­tel­feld, und das war damals sehr stark besetzt: Reuter, Häßler, Mat­thäus – das war ein­fach ein guter Jahr­gang. Die Leis­tungs­dichte war immens hoch. Mich hat es aber nicht groß­artig gestört, dass ich nicht nomi­niert wurde.

Sie hatten ja ihren HSV.

Den hatte ich – und den habe ich immer noch.

Der HSV steht momentan so gut wie schon lange nicht mehr da. Wie beur­teilen Sie die der­zei­tige Situa­tion?

Letztes Jahr um diese Zeit kämpften wir noch um die Klasse. Seitdem Huub Ste­vens da ist, läuft alles top. Er hat die Mann­schaft wieder in die Spur bekommen. Den­noch: Es wird nicht ein­fach, den aktu­ellen Cham­pions League-Platz zu ver­tei­digen.

Die Meis­ter­schaft ist kein Thema mehr?

Nein, das Thema ist durch. Wobei das ja eigent­lich auch nie ein Thema war. Unser Sai­son­ziel war es, unter die ersten Fünf zu kommen – und auch da muss man kämpfen um es noch zu errei­chen. Im schlimmsten Fall kann sogar dieses Ziel noch mal in Gefahr geraten. Doch das glaube ich nicht: Die Mann­schaft ist stabil, wir hatten zwar den einen oder anderen Rück­schlag, etwa Mathij­sens Rote Karte, aber ich denke, dass wir das kom­pen­sieren können. Der Kader ist in der Breite gut besetzt.

Wenn Huub Ste­vens im Sommer geht, wird sich einiges ver­än­dern müssen. Wel­chen Trainer würden Sie sich als Nach­folger wün­schen?

Ich wün­sche mir einen Trainer, der die Mann­schaft im Griff hat. Wer das dann letzt­end­lich sein wird (über­legt)... ist eigent­lich egal. Der Trainer wird ja immer am Erfolg gemessen. Wenn du gewinnst, hast du alles richtig gemacht, dann ist es egal, ob ein Nobody oder ein ein alter Fuchs draußen sitzt. Umge­kehrt genauso. Wenn ein Mour­inho vier oder fünf Spiele hin­ter­ein­ander ver­liert, hilft ihm sein großer Name auch nicht weiter.

Wäre es Ihr Traum, mal den HSV zu trai­nieren?

Ich denke, das wäre nicht nur ein Traum von mir son­dern von vielen Trai­nern. Der HSV ist einer der besten Ver­eine in Deutsch­land. Es han­delt sich ja hier nicht um einen No-Name Verein, die Ham­burger sind die Ein­zigen, die immer in der Bun­des­liga gespielt haben. Das ist schon etwas Beson­deres. Das wäre für mich das Größte, ganz klar! Aber ich bin ja kein Trainer.

Aber träumen…

Ja, natür­lich. Träumen ist erlaubt.

Gehen wir davon aus, dass Rafael van der Vaart den HSV im Sommer ver­lässt: Welche Spieler könnten die Lücke, die er hin­ter­lässt, schließen?

Van der Vaart ist ein Spieler, der unge­mein tor­ge­fähr­lich ist – so wie ich damals (lacht). Spaß bei­seite. Man muss abwarten, was pas­siert. Viel­leicht ver­län­gert er ja doch. Einen Spieler wie van der Vaart oder auch einen Diego eins zu eins zu ersetzten, ist unmög­lich. Wenn van der Vaart irgend­wann den HSV ver­lässt, wird der neue Mann kein Abbild von ihm sein, er wird andere Qua­li­täten haben, die der Mann­schaft auf eine andere Art und Weise zu Gute kommen.

Nachdem Thomas Doll mit dem HSV die Cham­pions League erreichte, ver­ließen viele Spieler – etwa Van Buyten und Bou­lah­rouz – flucht­artig den Verein. Haben Sie keine Angst, dass sich ein sol­ches Sze­nario wie­der­holt?


Natür­lich war es schade, dass van Buyten und Bou­lah­rouz gingen. Bei van Buyten wussten wir aller­dings recht­zeitig Bescheid, wir konnten ohne ihn planen. Dass wir drei Wochen nach Sai­son­be­ginn auch noch Bou­lah­rouz abgeben mussten war natür­lich nicht geplant. Er war – rück­bli­ckend betrachtet – ein zwei­fel­hafter Cha­rakter. Und wenn du so einen solch unzu­frie­denen Spieler hast, von dem man nicht weiß, wie er sich in bestimmten Situa­tionen ver­hält, ist es auf jeden Fall besser für die Mann­schaft, diesen Spieler zu ver­kaufen. In der darauf fol­genden Saison brauchten wir recht lange, um wieder die Form der Vor­saison zu errei­chen. Im Prinzip war ja die ganze Innen­ver­tei­di­gung weg, die bis dahin die Stütze der Mann­schaft war. Nichts­des­to­trotz haben wir uns wieder gefangen.

Hat man aus dieser Saison gelernt?

Ja. Wichtig ist – wie ich eben schon sagte –, planen zu können und Gewiss­heit zu haben, wer geht und wer kommt. Bei Bou­lah­rouz hingen wir bis zuletzt in der Luft. Heute hin­gegen wissen wir seit einiger Zeit, dass Huub Ste­vens geht. Ich denke, die Situa­tion ist ein­fa­cher als vor zwei Jahren.