Dedé, wie gefällt es Ihnen in der Türkei?
Mir gefällt es sehr gut. Die Leute sind krank nach Fuß­ball, ver­gleichbar mit der Lei­den­schaft aus Bra­si­lien. Es fehlt auch hier teil­weise das Geld, um regel­mäßig ins Sta­dion zu gehen. Aber wenn dann erstmal 30.000 Leute im Sta­dion stehen, ent­steht eine unfass­bare Atmo­sphäre. Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich mich hier so schnell zurecht finden würde.

Womit haben Sie denn gerechnet?
Ich habe 13 Jahre für Borussia Dort­mund gespielt, da ver­liert man das Gefühl, noch einmal sein Herz an einen anderen Verein ver­lieren zu können. Ich habe nicht geglaubt, dass das mög­lich ist. Doch mitt­ler­weile fühle ich mich hier wohl, auch weil ich zu Beginn mit meinem ersten Trainer Michael Skibbe eine ver­traute Person in meinem Umfeld hatte.

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Dieser war letzt­lich ent­schei­dend für Ihren Wechsel in die Türkei. War Herr Skibbe der prä­gendste Trainer wäh­rend ihrer Zeit beim BVB?
Das kann man schon so sagen. Er war der erste Trainer, unter dem ich in Deutsch­land trai­nierte. Er war damals noch sehr jung, gerade 33 Jahre alt, und eine ganz wich­tige Person für mich. Doch der Trainer, unter dem ich am meisten gelernt habe, war Mat­thias Sammer.

Und wel­cher Spieler hat ihnen zu Beginn ihrer Kar­riere am meisten geholfen?
Jürgen Kohler. Er hat mir gezeigt, wie man in der Bun­des­liga ver­tei­digt. Ich war als Bra­si­lianer zu Beginn noch etwas leicht­sinnig. Im Grunde bin ich als Baby nach Deutsch­land gekommen und stand plötz­lich neben Größen wie Jürgen Kohler, Julio Cesar oder Stefan Reuter in der Ver­tei­di­gung. Diese Männer haben die Cham­pions League gewonnen. Das muss man erstmal ver­dauen.

Ihr Abschied aus Dort­mund war beson­ders emo­tional. Sind die Tränen nach knapp zwei Jahren getrocknet?
Mitt­ler­weile fühlt es sich gut an, auf diese Zeit zurück­zu­bli­cken. Ich bin unend­lich stolz auf meine Jahre bei der Borussia und kann gar nicht beschreiben, wie schön sie war. Viele Jour­na­listen haben mir nach meinem Wechsel gesagt, dass mein Abschied aus der Bun­des­liga ein­malig gewesen sei. Es haben schon andere Spieler die Bun­des­liga ver­lassen. Grö­ßere und bes­sere Spieler als ich es gewesen bin, doch einen derart emo­tio­nalen Abschied hatte noch nie­mand erlebt. Selbst meine Familie in Bra­si­lien saß vor dem Fern­seher und hat geweint.

Wie sieht Ihr Kon­takt nach Dort­mund heute aus?
Ich habe noch immer mein Haus in Dort­mund, meine Freundin und natür­lich meinen Hund. Einmal im Monat bin ich dort, und es ist jedes mal ein Ereignis. Selbst am Flug­hafen werde ich von den Poli­zisten darauf ange­spro­chen, dass ich doch eigent­lich nach Dort­mund gehören würde. Diese Momente zeigen mir, dass ich in meiner Kar­riere alles richtig gemacht habe.

In ihren letzten drei Heim­spielen wurde von der Süd­tri­büne regel­mäßig ab der Schluss­vier­tel­stunde ihre Ein­wechs­lung gefor­dert. Wie wichtig war es Ihnen, sich noch auf dem Platz von den Fans ver­ab­schieden zu können?
Dass die Fans meine Ein­wechs­lung gefor­dert haben, war eine wei­tere emo­tio­nale Beson­der­heit. Für mich war es schön, noch einmal das Tor ver­tei­digen zu können, das ich all die Jahre zuvor ver­tei­digt habe. Zudem konnten sich die Fans auf dem Platz von mir ver­ab­schieden.

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Im letzten Spiel gegen Ein­tracht Frank­furt bekam der BVB kurz vor Ende einen Elf­meter zuge­spro­chen. Und das Sta­dion for­derte Sie als Schützen.
Und ich habe ver­schossen (lacht). Aber das war in diesem Moment egal. Die Leute haben mich gefeiert, als ob ich den Elf­meter ver­wan­delt hätte. So etwas habe ich noch nir­gendwo gesehen. Diese Situa­tion beschreibt per­fekt meine Zeit beim BVB.

Auch inner­halb der Mann­schaft wurden Sie gefeiert. Mario Götze jubelte nach einem Tor mit ihrem Jersey unter dem Trikot. Haben sie gewusst, dass er etwas plante?
Nein, das habe ich damals nicht gewusst. Dieser Junge ist unglaub­lich. Wir ver­stehen uns sehr gut, tele­fo­nieren und treffen uns, wann immer ich mal wieder in Dort­mund bin. Er ist wie ein Bruder für mich. Ich war in der Situa­tion genauso über­rascht wie alle anderen auch.

Bis er dann auf Sie zuge­rannt kam.
Er hat das Tor geschossen und kam auf mich zuge­rannt. Die Leute um mich rum haben schon gerufen: Guck mal, er trägt dein Trikot.“ Ich konnte das aus der Ent­fer­nung noch gar nicht erkennen. Dann kam er immer näher und näher in meine Rich­tung. Das war schon ein Schock (lacht).

Haben Sie sich die Bilder noch­mals ange­schaut?
Ich kann viele Dinge von damals immer noch nicht schauen. Das ist noch immer zu emo­tional. Gele­gent­lich schaue ich mir die ein oder andere Situa­tion an, aber alles ist immer noch nicht mög­lich.