Rainer Bonhof, waren Sie am ver­gan­genen Sonntag über­rascht vom Auf­tritt Ihres Welt­meis­ters Chris­toph Kramer?
Eigent­lich nicht. Wieso sollte ich?

Kramer hat sich nach seiner Ein­wechs­lung gegen den VfB Stutt­gart voll rein­ge­hauen, keine Welt­meister-Allüren gezeigt.
Wir kennen Chris­toph doch gar nicht anders.

Sie haben aber mal gesagt, dass Sie 1974 nach dem WM-Titel zwei Monate gebraucht haben, bis Sie wieder auf Wolke null waren.
Das war aber nicht auf meine Leis­tungen gemünzt.

Son­dern?
Es war dieses Gefühl, Welt­meister zu sein. Sie müssen bedenken, dass das damals noch eine ganz andere Zeit war, dass wir im Bun­des­liga-Alltag nicht so im Fokus gestanden haben wie die Spieler jetzt. Nach der Welt­meis­ter­schaft hat­test du auf einmal ein paar Schul­ter­klopfer mehr. Da sagst du dir natür­lich: Oh, jetzt hast du etwas Groß­ar­tiges erreicht. Sich dann wieder auf das Wesent­liche zu kon­zen­trieren, auf das also, was dich erst in diese Situa­tion gebracht hat – das war nicht ganz so ein­fach.

Auf wel­cher Wolke waren Sie denn nach dem WM-Tri­umph?
Irgendwo zwi­schen 17 und 95.

Sie waren mit 22 Jahren der jüngste Spieler im deut­schen Kader. Hat Sie das beson­ders anfällig gemacht für die Ver­lo­ckungen?
Ich weiß nicht, ob das was mit dem Alter zu tun hatte. Ist ja auch schon ein paar Tage her. Ich weiß nur, dass sich bei mir erst Ende Sep­tember, Anfang Oktober das Gefühl ein­ge­stellt hat, wieder der Vor­he­rige zu sein.

Das ist schwer vor­stellbar, wenn man vor Augen hat, wel­cher Typ Spieler Sie waren, ein Kämpfer, jemand, der sich alles erar­beitet hat.
Das haben Ihre Kol­legen damals auch immer geschrieben. Da muss also was dran sein. Aber irgendwo ist man ja auch Mensch. Das war ein­fach eine Phase. Die hat bei mir zwei Monate gedauert, danach war ich wieder normal.

Wer hat Sie denn wieder von der Wolke run­ter­ge­holt?
Irgend­wann habe ich mich selbst gefragt: Wie dumm bist du eigent­lich? Vor allem aber war es meine heu­tige Frau. Die hat damals zu mir gesagt: Kannst du nicht mal wieder Rainer Bonhof werden?“ Zum Glück siehst du irgend­wann selbst ein, dass du ein paar Dinge getan hast, die eigent­lich nicht zu dir passen; dass du Ver­hal­tens­weisen an den Tag gelegt hast, bei denen du heute nur noch den Kopf schüt­teln kannst.

Zum Bei­spiel?
Als Profi hat­test du ja bestimmte Ver­pflich­tungen, zu denen du erscheinen muss­test und für die es auch eine Auf­wands­ent­schä­di­gung gab. Da hast du eben gesagt: Nee, das mache ich heute mal nicht. Das ist mir nicht gut genug. Ich bin ja jetzt Welt­meister.“ So ein Quatsch eben. Aber das war eine gute Lehre. Meiner Ent­wick­lung hat es nicht geschadet, dass ich einmal gegen eine Wand gelaufen bin.

Können Sie noch rekon­stru­ieren, was Sie im Sommer 1974 gemacht haben: Beach­partys auf Ibiza?
Nein, nein, Ibiza war damals ja noch gar nicht in.

Son­dern?
Ich bin mit Berti Vogts in Tor­re­mo­linos an der Costa del Sol gewesen. Es gab damals ein Buch : Die Kinder von Tor­re­mo­linos“. Das hat uns neu­gierig gemacht.

Ferien mit Berti Vogts – das deutet eher auf einen Arbeits­ur­laub hin als auf echte Erho­lung…
Das war auch so. Damals gab es vom Verein noch keinen Trai­nings­plan für den Urlaub, da haben wir uns eben ein eigenes Pro­gramm zusam­men­ge­stellt. Wir haben uns abends nur angu­cken müssen, dann sind wir am nächsten Morgen laufen gegangen. Aber wir haben es uns auch gut gehen lassen.

Die Welt­meister von 2014 erleben gerade eine Ehrung nach der nächsten – in wie viele Gol­dene Bücher haben Sie sich damals ein­ge­tragen?
Keine Ahnung, aber es waren nicht so viele. Ich glaube, wir haben uns ins Gol­dene Buch der Stadt Mön­chen­glad­bach ein­ge­tragen. Das war es dann auch schon fast. Später haben wir noch das Sil­berne Lor­beer­blatt vom Bun­des­prä­si­denten bekommen. Heute wird ja alles heroi­siert, damals gab’s nichts. Ich glaube, uns haben wäh­rend der WM acht Jour­na­listen dau­er­haft begleitet. Heute brau­chen Sie bei einer Welt­meis­ter­schaft eine Zelt­stadt für die ganzen Medi­en­ver­treter.

Gibt es sonst Ver­an­stal­tungen, Ein­la­dungen, die Ihnen beson­ders in Erin­ne­rung geblieben sind?
Eigent­lich nicht.

War es trotzdem schwierig für Sie, in den fuß­bal­le­ri­schen Alltag zurück­zu­finden?
Ich war ja im fuß­bal­le­ri­schen Alltag, ich habe auch meine Leis­tung gebracht, habe nicht weniger trai­niert, nicht weniger Ein­satz gezeigt. Aber mein Wesen hatte sich ver­än­dert. Ich habe eben aus­ge­lotet, wie weit ich gehen kann. Aber damit war irgend­wann auch wieder Schluss.

Hat es für Sie wirk­lich keinen Unter­schied gemacht, ob Sie im WM-Finale gegen Johan Cruyff spielen oder ein paar Wochen später in der Bun­des­liga gegen, sagen wir, Tennis Borussia Berlin?
Nein. Natür­lich hast du in den Wochen nach dem Titel auch ein biss­chen gefeiert – ob das in meiner Heimat Emme­rich mit meiner Familie war oder mit Berti in Tor­re­mo­linos. Aber dann zurück­zu­kommen und zu sagen: So, jetzt müssen wir wieder Gas geben – das war eigent­lich okay. Es war auf jeden Fall nicht so, dass ich gedacht habe: Mensch, ich bin Welt­meister, ich muss jetzt nur noch die Hälfte machen. Meine Art Fuß­ball war nicht darauf aus­ge­richtet, nur mit halber Kraft zu spielen.

Wenn über die Schwie­rig­keiten gespro­chen wird, die man als Welt­meister mit dem Bun­des­liga-Alltag hat, dann landet man immer wieder bei den Bayern. Die haben 1974 ihr erstes Spiel nach der WM 0:6 gegen Kickers Offen­bach ver­loren. Wissen Sie noch, wie Sie mit Borussia Mön­chen­glad­bach nach der WM in die neue Saison gestartet sind?
Keine Ahnung. Sie haben wahr­schein­lich nach­ge­schaut, oder?

Sie haben zu Hause 1:3 gegen den HSV ver­loren.
Das pas­siert schon mal. (lacht) Aber ob das was mit der WM zu tun hat – das weiß ich nicht. Kann ich mir nicht vor­stellen. Viel­leicht waren wir am Anfang der Saison noch nicht richtig fit. Viel­leicht war es auch so, dass wir danach gesagt haben: Hallo, jetzt müssen wir mal wach werden. Das wäre uns ja auch ganz gut gelungen. Wir sind am Ende der Saison Deut­scher Meister geworden und haben den Uefa-Cup gewonnen.

Was kann man daraus für die Titel­chancen der Bayern in dieser Saison ableiten?
Daraus kann man nichts ableiten.