Mat­thias Brandt, Sie hatten als 12-Jäh­riger einen großen Auf­tritt als Fuß­baller: Sie schossen im Aktu­ellen Sport­studio“ auf die Tor­wand. Wie kam es dazu?
Mat­thias Brandt: Es war im Jahr 1974. Mein Vater, der Bun­des­kanzler, war in die Sen­dung ein­ge­laden worden. Seine PR-Stra­tegen hatten jedoch Angst, dass man ihn fragen würde, ob er auf die Tor­wand schießen wolle. Das hätte seinen Ruhm in der Tat nicht gemehrt. Also kamen sie auf die Idee, mich schießen zu lassen…

Ist doch toll!
Mat­thias Brandt: Ja, aber es ist ande­rer­seits auch ein Trauma für mich. Ich durfte vier Mal schießen, traf zwei Mal – dann schob mich Hans Joa­chim Fried­richs plötz­lich aus dem Bild und fing an zu mode­rieren. Nach wütenden Zuschau­er­an­rufen durfte ich zwar noch mal schießen, da haben meine Nerven aber nicht mehr mit­ge­macht. Mir hätte nur ein Treffer gefehlt, dann würde mein Name heute noch auf der Sportstudio“-Ehrentafel stehen, neben Netzer und Becken­bauer! Man hat mich darum betrogen. Der Sta­chel sitzt heute noch tief.

Ihr Leben wäre ganz anders ver­laufen.
Mat­thias Brandt: Viel­leicht wäre ich dann nicht Schau­spieler geworden, son­dern hätte Deutsch­land 1986 zum Titel geschossen.

Sie sollen sich legen­däre Duelle mit den Leib­wäch­tern ihres Vaters gelie­fert haben.
Mat­thias Brandt: Das waren sport­liche Herren in den besten Jahren, und ich dachte: Bevor die untätig rum­sitzen, spiele ich mit denen Fuß­ball!

Hat Ihr Vater dabei als Schieds­richter fun­giert?
Mat­thias Brandt: Nein, er hat sich nicht beson­ders für Fuß­ball inter­es­siert. Er hat schon mal hin­ge­guckt, wenn ein wich­tiges Spiel im Fern­sehen lief, aber meiner Mei­nung nach über­haupt nichts ver­standen. Ehr­lich gesagt: Ich war froh drum, wenn ich allein Fuß­ball schauen konnte, denn Ahnungs­lo­sig­keit kann ja extrem nerven. Mein Vater hat das respek­tiert. Und für mich war das auch in anderer Weise von Vor­teil, denn dadurch war ich der Fach­mann für Fuß­ball­fragen und konnte zu Rate gezogen werden.

Sie waren also Staats­se­kretär!
Mat­thias Brandt: Eine graue Emi­nenz gera­dezu! Und das mit zwölf!

Konnten Sie wenigs­tens mit Außen­mi­nister Gen­scher fach­sim­peln?
Mat­thias Brandt: Auch das nicht. Die Nähe der Politik zum Fuß­ball war damals noch nicht so aus­ge­prägt. Heute müssen die Herr­schaften ja von Staats wegen so tun, als ver­stünden sie etwas davon. Die armen Leute! Die müssen doch das Recht haben, sich nicht dafür zu inter­es­sieren.

Der Fuß­ball der Sieb­ziger löst bei vielen Wehmut nach einer irgendwie rebel­li­schen Zeit aus. Bei Ihnen auch?
Mat­thias Brandt: Ich bin kein Nost­al­giker. Aber ich bin froh, dass ich diese Zeit mit­be­kommen habe. Wie alle Kind­heits­er­in­ne­rungen sind mir auch diese heilig. Diese Jungs waren cool, im Gegen­satz zu vielen, die sich später dafür hielten. Wenn ich zehn Jahre jünger wäre, hätte ich mich an Bodo Ill­gner abar­beiten müssen.

Wel­chen Fuß­baller würden Sie gern ver­kör­pern?
Mat­thias Brandt: Mich reizt die Rolle eines Trai­ners, etwa Peter Neururer auf Job­suche. Wie gestaltet ein Raus­ge­fal­lener seinen Tag? Wie bringt er sich wieder ins Gespräch? Wie sitzt er ein­fach nur da und wartet? Das hätte dra­ma­ti­sches Poten­tial.

Manche Fuß­baller gelten als Schau­spieler. Gibt es unter Schau­spie­lern umge­kehrt auch bru­tale Klopper?
Mat­thias Brandt: Es fällt in unserem Beruf deut­lich schwerer, jemandem die Beine zu bre­chen. Dafür gibt es starke Ähn­lich­keiten in der Grup­pen­dy­namik. Ein Ensemble funk­tio­niert ganz ähn­lich wie eine Mann­schaft: Es braucht Spiel­ma­cher und Was­ser­träger, die in dem, was sie tun, glei­cher­maßen gut sind. Je homo­gener das Gefüge ist, desto besser ist das Resultat. Siehe gute Fern­seh­pro­duk­tionen. Siehe auch Borussia Mön­chen­glad­bach in dieser Saison.

Laden Sie Ihre Kol­legen am Set zum Fuß­ball­gu­cken in den Wohn­wagen ein?
Mat­thias Brandt: Nein, nie! Wie gesagt: Wenn zu viel geredet wird, geht mir das auf die Nerven. Des­wegen gehe ich auch nur mit einem bestimmten Kumpel ins Sta­dion, mit dem ich da sehr ein­ge­spielt bin. Wir schweigen gemeinsam.

Grund zum Schweigen haben Sie ja: Sie sind, wie Ihre Polizeiruf“-Figur Hanns von Meuf­fels, Werder-Fan.
Mat­thias Brandt: Es ist nicht immer schön. Es gibt Tage, an denen ich dar­über nach­denke, dass es ja auch noch andere schöne Sport­arten gibt.

Was emp­finden Sie, wenn Sie Marko Arn­au­tovic zuschauen?
Mat­thias Brandt: Ich bin froh, dass Sie ihn erwähnen und ich es nicht tun muss. Sagen wir so: Es gehört Mut dazu, so zu sein, wie er ist – so gegen jede Kon­ven­tion, wie Sym­pa­thie zustande kommt. Wenn ich heute zehn Jahre alt wäre, würde er mich viel­leicht auch elek­tri­sieren. Aber zum Glück bin ich etwas älter und würde mir nicht unbe­dingt ein Trikot von ihm kaufen.

Wer müsste Thomas Schaaf spielen, wenn sein Leben ver­filmt würde?
Mat­thias Brandt: Ich hätte es dem jungen Anthony Hop­kins zuge­traut.

Viel Text hätte er nicht aus­wendig lernen müssen.
Mat­thias Brandt: Ja, aber die wenigen Sätze hätten sitzen müssen. Das ist die große Kunst.

Auch Sie reden nicht gern, wenn es um Fuß­ball geht.
Mat­thias Brandt: Was aber nicht heißt, dass ich mir des­halb diesen Verein aus­ge­sucht habe. Es ist reiner Zufall gewesen. Die Liebe zu einem Verein lässt sich nicht erklären. Und wenn das jemand mir gegen­über ver­sucht, dann beende ich sofort das Gespräch.

Also müssten auch wir gemeinsam schweigen.
Mat­thias Brandt: Genau, eine leere Seite mit einem schönen Foto, das würde voll­kommen aus­rei­chen.