Torsten Lie­ber­knecht, Sie sind in Hass­loch auf­ge­wachsen.
Dem deut­schen Durch­schnitt­sort, das stimmt.

Wo die Gesell­schaft für Kon­sum­for­schung (GfK) vor der Markt­ein­füh­rung zahl­lose Kon­sum­güter testet. Wie prägt das Leben in so einer Stadt einen Men­schen?
Davon habe ich lange nichts mit­be­kommen. Meine Mutter sagte nur, wenn wir zum Ein­kaufen gingen: Ver­giss die GfK-Haus­halts­karte nicht!“ Ernst­haft Notiz davon genommen, dass Hass­loch anders ist, habe ich erst, als unsere Fri­seur­meis­terin von gegen­über, Frau Hand­rich, sich furchtbar über einen Spiegel“-Artikel auf­ge­regt hat.

Was erregte denn das Gemüt der Dame?
In dem Bei­trag stand, dass Hass­loch so durch­schnitt­lich sei, dass selbst die Fri­suren aller Frauen iden­tisch seien. Da ist sie auf die Bar­ri­kaden gegangen. Aller­dings muss ich sagen: Es gab sie wirk­lich, die Frisur Marke Beton“.

Ist Ein­tracht Braun­schweig für den Trainer Torsten Lie­ber­knecht die Test­sta­tion für höhere Auf­gaben?
Nach zehn Jahren kann man nicht mehr von einer Zwi­schen­sta­tion spre­chen. Und für einen Test ist die Ver­ant­wor­tung ehr­lich gesagt zu hoch. Von den Stadt­oberen bis zu dem kleinen Mann auf der Straße – alle hier sind Ein­tracht.

Als Sie die Lizenz­mann­schaft 2008 in der Regio­nal­liga über­nahmen, stand Ein­tracht sport­lich und wirt­schaft­lich am Abgrund. Hatten Sie irgend­einen Plan, wie Sie den Klub zurück in die Erfolgs­spur bringen?
Ich könnte jetzt davon spre­chen, dass wir alles von langer Hand geplant haben, aber zu diesem Zeit­punkt Mehr­jah­res­pläne auf­zu­stellen, war unmög­lich, weil es einzig und allein darum ging, den Verein für die dritte Liga zu qua­li­fi­zieren und dem damit ver­bun­denen, oft­mals schlei­chenden Tod von der Schippe zu springen. Danach konnten wir anfangen, plan­voll zu arbeiten.

Und jetzt liegen Sie an der Spitze der zweiten Liga – dabei stammt der über­wie­gende Teil des Kaders noch aus der dritten Liga.
Genauer gesagt, 70 Pro­zent. Wir sind selbst über­rascht, auch wenn wir wussten, dass unsere Mann­schaft in der Lage ist, sich sport­lich wei­ter­zu­ent­wi­ckeln.

Sie haben seit der Saison 2008/09 angeb­lich ins­ge­samt nur gerade mal 290 000 Euro für die Ver­pflich­tungen neuer Spieler aus­ge­geben.
Ich kenne diesen Betrag zwar nicht, aber er kommt mir immer noch relativ hoch vor.

Vor dieser Saison war die Trans­fer­bi­lanz sogar aus­ge­gli­chen.
Als ich die erste Mann­schaft 2008 über­nahm, hatte Ein­tracht Schulden. Wir konnten und wollten also kein Geld für neue Spieler aus­geben. Unser Ziel ist es, ent­wick­lungs­fä­hige Jungs zu finden, das als Leit­bild der Kader­pla­nung zu haben und uns so in der zweiten Liga zu eta­blieren. Das war aus meiner Sicht mit den getrof­fenen Maß­nahmen machbar. Natür­lich gehört dazu auch eine Por­tion Glück. Wenn wir mit vier Neu­zu­gängen aus der Ober­liga Süd­west in die erste Zweit­li­ga­saison gehen, gibt es keine Garantie, dass es klappt. Aber ich weiß, dass unsere Phi­lo­so­phie vom ganzen Verein mit­ge­tragen wird.

Und diese Spar­po­litik ziehen Sie jetzt so lange durch, bis der Ein­bruch erfolgt?
Lang­fristig werden wir uns – vor­aus­ge­setzt, der Erfolg hält an – natür­lich auch öffnen müssen und öfter mal einen für unsere Ver­hält­nisse exo­ti­schen Transfer machen.

Wann passt einer zu Ein­tracht?
Wenn ein Spieler beim ersten Gespräch fragt, wo er in Braun­schweig eine Straße wie die Kö“ findet, könnte es sein, dass er sich in dieser Stadt nicht wohl fühlen wird. Braun­schweig hat sehr viele schöne Ecken, man muss nur in der Lage sein, sie selb­ständig zu suchen.

Sie sagen, Sie erkennen schon an der Art, wie ein Tele­fon­ge­spräch abläuft, ob ein Spieler Ihren Erwar­tungen ent­spricht.
Es gibt so eine Form von Pro­fi­ge­habe, das meine ich auch am Telefon erkennen zu können. Eine Art, sich bitten zu lassen. Aber wenn es mit der Ent­schei­dungs­fin­dung zu lange dauert, wenn einer par­tout nicht zurück­ruft, obwohl es abge­spro­chen war, oder Manager Marc Arnold oder ich das Gefühl haben, wir werden hin­ge­halten, bre­chen wir die Gespräche auch mal von uns aus ab.

Ist Arnold der Bad Cop und Sie der Good Cop?
Ich bin nur für das Sport­liche ver­ant­wort­lich, um den Rest küm­mert er sich. Mit einer stoi­schen Ruhe, die ihn aus­zeichnet und sehr im Sinne des Ver­eins ist.

Zu bedächtig?
Als Trainer wartet man eben ungern, aber Papier­kram dauert halt seine Zeit. Es kam jeden­falls schon vor, dass sich ein Spieler nach vier Monaten Ver­hand­lung immer noch nicht für uns ent­scheiden konnte und ich dann zu Marc gesagt habe: Wenn er es jetzt noch nicht weiß, dann lassen wir es halt.“

Das Ziel, sich in der zweiten Liga zu eta­blieren, sollte mit der Herbst­meis­ter­schaft abge­hakt sein. Sie könnten sich neue Ziele setzen.
Eben nicht. Da bin ich ein gebranntes Kind.

Warum?
Ich habe lange für Mainz 05 gespielt und erlebt, dass ein Verein wegen eines Punktes am Ende nicht auf­steigt. Wir haben damals gedacht, schlimmer kann es nicht kommen. Doch nur ein Jahr später ver­passen die 05er wieder den Auf­stieg – wegen eines ein­zigen Tores.

Der Unter­schied zum FSV Mainz 05 ist jedoch, dass Ein­tracht auf eine große Tra­di­tion zurück­blickt, die das Anspruchs­denken im Umfeld befeuert.
Moment, der FSV Mainz 05 ist im Süd­westen auch ein Klub mit viel Tra­di­tion.

Die aber nicht mit der Braun­schweiger ver­gleichbar ist.
Es ist eine Kunst, mit einer großen Ver­gan­gen­heit umzu­gehen. Klar ist, von der Geschichte können wir uns nichts mehr kaufen – abge­sehen von einem alten Jäger­meister-Shirt viel­leicht. Aber wir haben in den ver­gan­genen Jahren gelernt, die Tra­di­tion als Chance und nicht mehr als Last zu ver­stehen. Wir haben die His­torie lange wie Bal­last mit uns her­um­ge­schleppt und jetzt einen guten Weg gefunden, mit ihr zu leben und doch in die Zukunft zu schauen.

Und was sagen die Vete­ranen auf der Haupt­tri­büne, die sich nach glor­rei­chen Bun­des­li­ga­tagen zurück­sehnen?
Die gibt es bei Fuß­ball­ver­einen auf der ganzen Welt und bei uns sind deren Stimmen deut­lich leiser geworden. Es sollten doch alle danach lechzen, dass Ein­tracht wieder erfolg­reich ist. Mitt­ler­weile haben die meisten ver­standen, dass dafür Geduld nötig ist. Meckerer gibt es halt immer.

Der Titel ihrer Abschluss­ar­beit beim Trai­ner­lehr­gang lau­tete Der schwie­rige Spagat zwi­schen Tra­di­tion und Zukunft bei Ein­tracht Braun­schweig“. Was macht denn die Tra­di­tion aus?
Vor allem drei Bau­steine: Die Meis­ter­schaft von 1967, Günter Mast und Jäger­meister und das Team um Paul Breitner und Danilo Popi­voda, ver­bunden mit extrem emo­tio­nalen Fans. Es ist aber auch die lange Geschichte. Und wissen Sie, was uns diese Geschichte lehrt?

Sagen Sie es uns!
Dass Ein­tracht vor allem dann erfolg­reich gespielt hat, wenn Ruhe im Verein war. In der Hin­sicht können wir uns an der Tra­di­tion ein Bei­spiel nehmen.

Lassen sich neue Spieler noch damit locken, wenn Sie erfahren, dass Welt­meister Paul Breitner hier mal gespielt hat?
Wenn ich den Namen erwähne, höre ich eher: Breitner? Dann müssen die Erfolge aber schon sehr lange her sein!“ Aber mit Fuß­bal­lemo­tionen sollten sich die Jungs schon locken lassen. Zumin­dest achten wir genau darauf, ob neue Spieler für die Tra­di­tion und die beson­dere Atmo­sphäre des Klubs Feuer fangen und sich damit iden­ti­fi­zieren.

Sie führen mit Ihrer kon­se­quenten Hal­tung das Sprich­wort von Geld schießt Tore“ ad absurdum.
Ich hatte in meiner aktiven Zeit das Glück, oft in team­ori­en­tierten Mann­schaften zu spielen. Waldhof, Kai­sers­lau­tern, Braun­schweig – das waren alles sehr gut zusam­men­ge­stellte Kader, in denen die Cha­rak­tere zuein­an­der­passten. Und wir waren im Rahmen unserer Mög­lich­keiten erfolg­reich. Viel­leicht lege ich des­wegen als Trainer nicht so viel Wert auf die Vita eines Spie­lers. Wir sind mit dem schlech­testen Kader der dritten Liga auf­ge­stiegen und haben nun wieder dem Ver­nehmen nach den schlech­testen Kader in der zweiten. (lacht) Aber wir haben einen Team­geist, der offenbar beflü­gelt.

Ihre Mann­schaft soll in der Lage sein, zwi­schen vier ver­schie­denen Sys­temen auf Zuruf zu vari­ieren.
Das stimmt. Diese Varia­bi­lität erwarte ich von einer Pro­fi­mann­schaft, und es ist meine Auf­gabe, den Spie­lern diese fle­xible Spiel­weise zu ver­mit­teln.

Gibt es Codes, über die Sie einen Sys­tem­wechsel anzeigen?
Die gibt es. Grund­sätz­lich geben wir aber vor jedem Spiel eine Stra­tegie vor und greifen wäh­rend der Partie – wenn es sein muss – immer wieder ein. Was dieses Umschalten angeht, stehen wir aktuell vor einer neuen Ent­wick­lungs­stufe. Denn die Spieler sind der­zeit noch zu sehr auf das Trai­ner­team ange­wiesen.

Wie meinen Sie das?
Die Mann­schaft ist extrem im Emp­fän­ger­modus. Über­trieben gesagt, wenn ich die Jungs auf­for­dern würde: Bei einer Ecke bleiben wir alle vorne und decken hinten nicht ab“, dann machen die das! Wir müssen dafür sorgen, dass zuneh­mend Dinge aus der Mann­schaft heraus ent­schieden werden.

Woher kommt dieser Gehorsam?
Es zeugt von großem Cha­rakter, dem Trainer zuzu­hören und zu ver­su­chen, dessen Ideen umzu­setzen. Auch des­wegen wählen wir unsere Spieler nicht nur unter sport­li­chen, son­dern spe­ziell unter cha­rak­ter­li­chen Gesichts­punkten aus.

Das heißt, die Jungs folgen Ihnen blind?
Und dieses Ver­trauen würde ich nie aufs Spiel setzen. Inner­halb der Mann­schaft werden aber dar­über auch mal Späße gemacht.

Zum Bei­spiel?
Als wir ins Trai­nings­lager nach Öster­reich fuhren, haben ein paar Rou­ti­niers den Jün­geren gesagt, was sie ein­pa­cken müssen: Leib­chen, Bälle, und vor allem den Kühl­schrank sollten sie nicht ver­gessen. Und siehe da: Als wir uns am nächsten Morgen trafen, hatten zwei 19-Jäh­rige tat­säch­lich den Kühl­schrank raus­ge­schleppt.

Sie pflegen trotz einer Dekade in Braun­schweig noch fleißig Ihren pfäl­zi­schen Dia­lekt und haben allein sechs Spieler aus der Pfalz im Team. Sind Pfälzer die bes­seren Men­schen?
Der Pfälzer an sich ist wirk­lich team­ori­en­tiert, da mögen Sie recht haben. Aber er neigt auch leicht zum Ein­schnappen. Dass wir so viele Spieler aus der Pfalz haben, war eher Zufall. Die Korte-Zwil­linge hat mein Bruder ent­deckt. Der wohnt noch in der Pfalz und hat ein gutes Auge für Fuß­baller. Matze Henn war schon hier, und die anderen passten sport­lich gut rein.

Wie bitter ist es für Sie als Ex-Lau­terer, der auf dem bren­nenden Betze“ groß geworden ist, in einem Mul­ti­funk­ti­ons­sta­dion mit Lauf­bahn spielen zu müssen?
Kein Pro­blem. Ich mag diesen Old-School-Stil ganz gerne, denn das Sta­dion hat Charme, und es lebt durch die vielen unter­schied­li­chen Schichten, die sich hier treffen. Die Fans machen die Musik. Die Lauf­bahn kann ich mir allein des­halb schön­reden, weil ich weiß, wie viele Klubs sich reine Fuß­ball­sta­dien gebaut haben und nun sehr unter den wirt­schaft­li­chen Folgen leiden müssen.

Aber nei­disch sind Sie schon, wenn Sie mit der Ein­tracht nach Kai­sers­lau­tern kommen?
Natür­lich sind diese modernen Sta­dien sehr schön, aber vor und nach dem Spiel kann dort eine Mann­schaft kaum noch Nähe zu den Zuschauern auf­bauen. Am Bet­zen­berg fährt man mit dem Bus ins Sta­dion, steigt aus, fährt im Fahr­stuhl hoch auf den Platz, spielt und macht sich wieder auf den Heimweg. Das hat mich erschreckt, denn die Lau­terer brau­chen tra­di­tio­nell die Nähe zu ihren Spie­lern. Hier in Braun­schweig muss man durch die Zuschauer durch, wenn man auf den Platz will.

So was kann natür­lich auch oft unschön sein.
Ich stelle mich, wenn es sein muss, dem Gespräch. Aller­dings sage ich dem betref­fenden Fan vorab, dass ich even­tuell eine andere Mei­nung habe, wenn er mit mir über Fuß­ball reden will. Da kann es auch vor­kommen, dass ich einem über den Mund fahre.

Wenn ein Chef­trainer jedem Fan erklärt, was in einem Spiel falsch­ge­laufen ist, reibt er sich aber schnell auf.
Ich bin so ein Typ, und ich kann nicht abschätzen, ob es mir irgend­wann zu viel wird. Ich will diesen Verein und die Stim­mungen ver­stehen, das ist für mich ein Teil der Iden­ti­fi­ka­tion. Das ver­suche ich auch meinen Spie­lern zu ver­mit­teln. Nur so können sie sich von Zeit zu Zeit auch das Recht her­aus­nehmen, dem Fan mal die Mei­nung zu geigen.

Wie läuft so was bei Ihnen kon­kret ab?
Wenn einer pöbelnd auf mich zuge­stürmt kommt, sage ich: Jetzt beru­hige dich erstmal.“ Und wenn ich den Ein­druck habe, er hört mir zu, kommt es auch vor, dass er am Ende weg­geht und sagt: So habe ich das noch gar nicht gesehen.“

Torsten Lie­ber­knecht, welche Trainer haben Sie geprägt?
Ich war lange auch ein extremer Emp­fänger, immer auf Anwei­sungen gepolt. Des­wegen war Wolf­gang Frank ein prä­gender Trainer, denn er erwar­tete gedank­lich sehr viel von seinen Spie­lern. Er hat mich übri­gens als Erster mit der Idee kon­fron­tiert, über den Trai­nerjob nach­zu­denken. Viel­leicht hat er geahnt, dass aus mir kein großer Spieler wird.

Bei wel­cher Gele­gen­heit?
Wäh­rend einer län­geren Ver­let­zungs­pause nahm er mich zur Seite und sagte: Eigent­lich wäre es besser, du hörst auf und wirst Trainer.“ Er wollte mich sogar in die Schweiz zum FC Glarus ver­mit­teln.

Was haben Sie geant­wortet?
Als gefrus­teter Spieler: Ich will kein Trainer sein. Ich will spielen!“ Im Nach­hinein kann man ihm sehe­ri­sche Fähig­keiten zuspre­chen. Er hat auch früh die Trai­ner­kar­rieren von anderen 05ern, dar­unter auch Jürgen Klopp, auf den Weg gebracht.

Klopp war zu Mainzer Zeiten Ihr Zim­mer­nachbar…
Aber nur im ersten Trai­nings­lager. Wir beide waren Neu­zu­gänge und wurden in ein Zimmer gesteckt. Kloppo war damals starker Rau­cher und ließ es sich nicht nehmen, im Zimmer zu qualmen. Ich habe ihn gebeten, sich net­ter­weise im Bad direkt unter den Abzug zu stellen. Ich war ein sehr akri­bi­scher Spieler, aber das war ihm suspekt. Nach einer Woche haben wir ent­schieden, uns neue Zim­mer­partner zu suchen.

Wenn man Sie beide am Spiel­feld­rand beob­achtet, erkennt man den­noch einige Par­al­lelen. Klopp sagt, wenn er sich im Fern­sehen sieht, würde er am liebsten umschalten.
Das geht mir leider auch so. Wenn ich man­chen Aus­druck sehe, stelle ich mir schon die Frage: Um Himmel willen, wie siehst du aus?“

Gibt es eine See­len­ver­wandt­schaft zwi­schen Ihnen und Jürgen Klopp?
In Mainz haben wir zusammen die rechte Seite beackert und waren auch emo­tional auf einem Level. Und wir waren beide eher der Typ Abräumer“, wie übri­gens fast achtzig Pro­zent der dama­ligen Mainzer Mann­schaft.

Wie sehr steckt der Abräumer“ noch im Trainer Lie­ber­knecht?
Meine Kar­riere war geprägt von zwölf Ope­ra­tionen. Da war vom Kreuz­band­riss bis zur Gesichts­fraktur alles dabei, und trotzdem habe ich x‑mal ver­sucht zurück­zu­kommen. Wenn mir heute ein Spieler mit einem ein­ge­wach­senen Zehen­nagel das Trai­ning absagen will, ist es fast ein Reflex, ihn zu über­zeugen, dass er es trotzdem ver­su­chen sollte.

Waren Klopp und Sie in der dama­ligen Mainzer Mann­schaft die­je­nigen, die Fuß­ball am ehesten ana­ly­tisch betrach­teten?
So weit war ich noch nicht, das war Jürgen alleine. Die Sit­zungen um halb acht mor­gens waren gefürchtet. Wir saßen auf alten guss­ei­sernen Gar­ten­mö­beln in einem win­zigen Raum und früh­stückten, wäh­rend Wolf­gang Frank seine Video­kas­sette in den Rekorder schob und anfing vor- und zurück­zu­spulen. Und dann fingen Jürgen und der Trainer an zu dis­ku­tieren. Da ent­sponnen sich die ver­rück­testen Dia­loge, die Sit­zungen dau­erten ewig. Der Rest saß nur still da, bis irgend­wann einer nach Stunden sagte: Ich glaube, es reicht jetzt.“ Einmal ist der Zeug­wart mit dem Kopf auf die Tisch­platte auf­ge­schlagen – er war ein­ge­schlafen.

Vor Jahren sagten Sie, Ihnen impo­niere, was Holger Sta­nis­lawski mit St. Pauli auf­ge­baut hat.
Das war zu einer Zeit, als Holger aus der dritten in die erste Liga durch­mar­schiert ist und par­allel seinen Trai­ner­schein in Köln machte. Ich fand es vor­bild­lich, wie er sich bei der Dop­pel­be­las­tung mit seinem Trai­ner­stab abstimmte. Auch weil ich im Jahr drauf in der glei­chen Situa­tion war. Mein Ehr­geiz bestand darin, diese Dop­pel­be­las­tung erfolg­reich zu meis­tern.

Mitt­ler­weile ist Sta­nis­lawski Trainer in Köln. Als Ihr Team am 18. Spieltag in der Nach­spiel­zeit den 2:2‑Ausgleich erzielte, haben Sie mit der Mütze vor dessen Trai­ner­bank her­um­ge­turnt. Gibt es da einen Klein­krieg?
Nein, wir ver­stehen uns eigent­lich bes­tens. Aber als Köln in der 88. Minute die 2:1‑Führung erzielte, ist er aus­ge­rastet, riss sich die Mütze vom Kopf, schwenkte sie in der Luft und rannte – offenbar unbe­wusst – aus seiner Coa­ching­zone vor unsere Bank. Da bro­delte es in mir. Als wir dann zwei Minuten später aus­gli­chen, überkam mich spontan das Gefühl, mit der Mütze zurück­we­deln zu müssen. Wir konnten später drüber lachen, und hier in Braun­schweig hatte die Aktion einen posi­tiven Effekt.

Näm­lich?
Unser Mer­chan­di­sing-Leiter sagte mir, dass dadurch der Müt­zen­ver­kauf im Fan­shop extrem ange­stiegen sei. Beim letzten Heim­spiel vor der Win­ter­pause winkten mir die Fans im ganzen Sta­dion mit ihren Mützen zu. Wahn­sinn!

Klopp, Tuchel, Streich, Sta­nis­lawski, Lie­ber­knecht – täuscht der Ein­druck oder gibt es immer mehr erfolg­reiche Trainer, die als Aktive nicht die totalen Über­flieger waren?
Ich glaube, als Trainer musst du fach­lich über­zeugen und den Spie­lern Dinge glaub­haft ver­mit­teln. Es gibt wohl einige Welt­klas­se­spieler, die das ein­fach nicht geba­cken bekommen, aber dann gibt es eben auch Leute wie Jupp Heynckes oder Pep Guar­diola. Dass der­zeit so viele eher unbe­kannte Ex-Profis als Trainer über­zeugen, hat nichts mit dem Niveau zu tun, auf dem sie früher mal gespielt haben, son­dern schlicht mit ihrem Ver­ständnis von Fuß­ball.

Kon­zept­trainer hat es also schon immer gegeben?
Kein Trainer der Welt arbeitet ohne Kon­zept. Ohne Stra­tegie kannst du im Fuß­ball keine Woche über­leben. Des­wegen ist allein das Wort schon despek­tier­lich. Gerade Jupp Heynckes ist ein über­ra­gendes Bei­spiel für einen Trainer mit Kon­zept. Denn er hat es geschafft, sich über Jahr­zehnte stets an neue Ent­wick­lungen im Fuß­ball und neue Spiel­erge­nera­tionen anzu­passen.

Im Inter­net­portal trans​fer​markt​.de haben Sie Ihre Traumelf auf­ge­stellt. Mehr als die Hälfte der Mann­schaft bestand dabei aus veri­ta­blen Zweit­li­ga­profis: u.a. Michael Müller, Jürgen Klopp, Sven Demandt, Lars Schmidt, Chris­tian Hock, Fabrizio Hayer.
Bei sol­chen Gele­gen­heiten will ich nicht nur die übli­chen Ver­däch­tigen unter­bringen. Das waren Leute, mit denen ich zusam­men­ge­spielt habe. Und zu einer Traumelf gehören ja nicht nur Traum­fuß­baller, son­dern auch Typen, mit denen man schöne Stunden ver­lebt hat, oder? Die haben schließ­lich etwas dafür geleistet, dass sie in meiner Traumelf auf­tau­chen.

Mit wel­chem Spieler aus Ihrer Elf konnten Sie am besten feiern?
Mit Michael Müller, der mich in den Mainzer Kar­neval ein­ge­führt hat, und mit Fabi Hayer, bei dem man auf dem Platz nie wusste, wo genau er eigent­lich hin­ge­hört. Wenn er auf dem Feld war, tauchte er prak­tisch überall auf.

Die beiden popu­lärsten Namen in Ihrer Traumelf sind Andreas Brehme und Ciriaco Sforza, mit denen Sie Anfang der Neun­ziger beim FCK spielten. Haben Sie in Ihrem aktu­ellen Kader Spieler dieser Kate­gorie?
Nein, die beiden waren über­ra­gende Spieler.

Wer war Ihr Vor­bild als Jugend­li­cher?
Ich war eher der unkon­ven­tio­nelle Fan-Typ. Als Anhänger des FCK liebte ich es natür­lich, wenn Hans Peter Briegel mit her­aus­hän­gender Zunge von einer Seite zur anderen des Platzes hetzte. Und wäh­rend meine Freunde eher den FC Liver­pool bewun­derten, gefiel mir eher der AS St. Eti­enne.

Wegen Michel Pla­tini?
Hat der da gespielt? Das hatte ich gar nicht mehr auf dem Schirm. Nein, weil die so hüb­sche grüne Rin­gel­stutzen hatten.

Stellen Sie sich vor, Manager Marc Arnold kommt jetzt rein und sagt: Torsten, ich habe alles noch mal durch­ge­rechnet, wir haben 100 Mil­lionen Euro Über­schuss. Du hast einen Transfer frei.“
100 Mil­lionen? Das ist so absurd, das wird in diesem Leben nicht mehr pas­sieren. Aber noch mal: Wer in diese Mann­schaft passt, muss nicht zwangs­läufig sport­lich der Beste sein.

Aber es muss doch Leute geben, die cha­rak­ter­lich passen und Ihnen sport­lich impo­nieren.
Soll ich jetzt Messi sagen? Das wäre doch lang­weilig.

Fällt Ihnen sonst noch jemand ein?
Andreas Lam­bertz von For­tuna Düs­sel­dorf, den finde ich super. Der hat eine tolle Ein­stel­lung, der mar­schiert. Ohne eine kon­krete Vor­stel­lung zu haben, wo ich ihn ein­bauen würde. Ich kenne ihn nicht näher, aber ich bin sicher, der passt cha­rak­ter­lich per­fekt.

Lam­bertz geht auf die Dreißig zu. Viel­leicht wird der für Sie bald erschwing­lich?
So einen dürfen die in Düs­sel­dorf auf keinen Fall abgeben, der ver­kör­pert den Verein, der ist allein mensch­lich kaum zu ersetzen.

Ist Ein­tracht Braun­schweig noch eher ein Stein­bruch oder schon ein Haus kurz vor der Fer­tig­stel­lung?
Ein kleines, nettes Rei­hen­end­haus, an das noch einige Anbauten gemacht werden müssen, damit es ein schönes Gesamt­bild ergibt.

Wann ist das Rei­hen­haus fertig?
Kommt auf die Größe der Sied­lung an.

Es könnte eine Lebens­auf­gabe werden?
Boah, in sol­chen Kate­go­rien denke ich nicht.

Aber Sie leben seit zehn Jahren hier, Ihre Frau fühlt sich wohl.
Den­noch sind wir in der Hin­sicht völlig offen. Und sollte es irgend­wann so sein, dass es mich zum Bei­spiel nach Kasach­stan zieht, sind wir so frei und machen das.