Ihr Sohn ist am 6. Mai 2010 für den deut­schen WM-Kader nomi­niert worden. Wo haben Sie die Ent­schei­dung sei­ner­zeit ver­folgt?

Bei uns zu Hause. Wir saßen mit der Familie vor dem Fern­seher, meine Frau, seine jün­gere Schwester, ich, und mein Sohn natür­lich.

Er kam zu Besuch?

Nun, er wohnt ja quasi bei uns.

Er wohnt noch zu Hause?

Wir haben zwei Dop­pel­haus­hälften, direkt neben­ein­ander. Früher wohnten wir in einer Woh­nung ganz in der Nähe, die war durchaus okay, doch sie lag an einer großen Straße, direkt über einer Kneipe. Nachts klin­gelten häufig betrun­kene Men­schen an der Tür. Nun ist es viel ruhiger, gut für meine Frau und mich, besser noch für meinen Sohn.

Ihr Sohn spielt seit seiner Jugend in der­selben Region. Können Sie sich vor­stellen, dass er eines Tages ins Aus­land geht?

Schwer. Mein Sohn ist ja noch nie alleine gewesen. Wir waren immer zusammen, und wir sind so glück­lich. Wenn er geht, tja, was machen wir dann? Viel­leicht geht seine Mutter dann mit, oder wir besu­chen ihn jede Woche.

Sind Sie ein strenger Vater?

Ich glaube, ja. Ich schaue mir jedes Spiel an, bin bei Heim­spielen immer im Sta­dion, Aus­wärts­spiele sehe ich im Fern­sehen. Ich gehe sogar häufig zum Trai­ning. Was den Fuß­ball betrifft, bin ich jeden­falls keiner, der ihm ständig auf die Schulter klopft.

Sie sind ein Kie­bitz?

Ich würde mich eher als seinen größten Kri­tiker bezeichnen. Das liegt aber auch daran, dass mir die Spiele so nah gehen. Schon wenn der Ball die Rich­tung von meinem Sohn ein­schlägt, zieht sich bei mir alles zusammen, ich bin dann sehr ange­spannt, und hoffe, dass er keinen Fehler macht. Ich bin ver­mut­lich auf­ge­regter als mein Sohn selbst.

Nimmt Ihr Sohn Ihre Kritik an?

Durchaus. Früher gab es häufig Situa­tionen, da habe ich mich dar­über auf­ge­regt, dass er auf meine Vor­schläge nicht hörte. Da sagte er stets: Papa, der Trainer hat aber gesagt, ich soll es so oder so machen.“ Einmal sagte er sogar: Mensch, der Trainer hat zu mir gesagt, ich war gut, ich war sehr gut. Für dich bin ich immer schlecht.“

Aber Sie finden schon, dass er sich ver­bes­sert hat?

Ja. Er ist ein guter Spieler.


Schauen Sie gemeinsam die Sport­schau?

Klar, wir schauen viel Fuß­ball gemeinsam, auch aus­län­di­sche Ligen.

Wem schaut Ihr Sohn am liebsten zu?

Sein Vor­bild war immer Fabio Can­na­varo, früher fand er auch Guido Buch­wald toll. Da lag übri­gens auch unser Streit­punkt: Ich erklärte ihm bestimmte Situa­tionen und belegte diese am Spiel seiner Idole. Er ant­wor­tete dann: Papa, ich muss meinen eigenen Stil finden. Ich will ein moderner Innen­ver­tei­diger werden. Ich kann auch mal nach vorne gehen, ich will das Spiel auch mal auf­bauen.“

Sie haben seine Mei­nung akzep­tiert?

Klar, wobei ich gestehen musste, dass ich keine Ahnung habe, was ein moderner Innen­ver­tei­diger ist. Doch wenn der Trainer diese offen­siven Aktionen tole­riert, will ich ihm da nicht rein­reden. Außerdem gefällt es mir, wenn mein Sohn auch mal Tore schießt.

Wie ver­hält sich Ihr Sohn nach Nie­der­lagen?

Er zieht sich sehr zurück, spricht wenig, ruft nie­manden an. Wenn er dann nach Hause kommt, dis­ku­tieren wir auch nicht mehr über das Spiel, wir schauen noch nicht einmal mehr die anderen Spiele an. Wir essen, reden über etwas anderes. Am nächsten Tag fangen wir mit der Kritik an.

Wie hat Ihre Frau eigent­lich reagiert, als Ihr Sohn sagte, er wolle Fuß­ball­profi werden?


Sie war nicht begeis­tert. Dabei ist sie eigent­lich auch Fuß­ballfan, sie ist fast noch fana­ti­scher als ich. Doch sie wollte gerne, dass unser Sohn stu­diert, sie hatte Sorge, dass diese Fuß­ball­sache nicht klappt. Da ist ja auch viel Glück dabei.

Sie waren sofort Feuer und Flamme?

Als mein Sohn fünf Jahre alt war, ent­deckte er den Fuß­ball für sich. Eines Tages kam er ange­laufen und sagte, dass er nun richtig spielen wolle, mit anderen Kin­dern. Ich habe mich wahn­sinnig gefreut, und wir haben noch am glei­chen Tag Fuß­ball­schuhe gekauft. Am nächsten Tag sind wir zum Sport­platz des ört­li­chen Klubs gegangen, und ich habe ihn ange­meldet.

Ihr Sohn wech­selte bald zu den beiden großen Ver­einen der Region. Seine Kar­riere schien vor­ge­zeichnet.

Wir waren natür­lich glück­lich über die Ange­bote der großen Klubs. Auf einmal lief mein Sohn in der Jugend­mann­schaft des Ver­eins auf, den er früher mit Schal um den Hals in der Fan­kurve ange­feuert hatte. Zugleich blieb bei mir aber eine gewisse Skepsis. Es gibt ja so unend­lich viele Spieler, die es ver­su­chen und dann schei­tern. Doch mein Sohn hat an seinen Traum geglaubt. Ich erin­nere mich, wie er einmal sagte: Papa, wenn im ganzen 87er-Jahr­gang fünf oder zehn Spieler Profi werden, bin ich einer davon.“ Da habe ich geant­wortet, okay, wenn das deine Mei­nung ist, dann ist das auch meine Mei­nung.

Der tür­ki­sche Ver­band buhlte sehr stark um Ihren Sohn. Hätten Sie ihn gerne mit dem Halb­mond auf der Brust gesehen?

Es war tat­säch­lich mein großer Traum. Und ich hatte des­wegen viele schlaf­lose Nächte. Doch heute spielt Serdar für Deutsch­land, und ich bin stolz.

Danke für das Gespräch, Nihat Tasci.