Was Billy“ dachte, ist nicht über­lie­fert. Nicht einmal, ob er sich über­haupt Gedanken machte. Wahr­schein­lich hat er ein­fach instinktiv gehan­delt, an diesem 28. April 1923. Er schien selbst­ver­ständ­lich zu ver­stehen, was von ihm ver­langt wurde“, sagte Police Cons­table George A. Scorey einmal über sein Pferd, das dem White Horse Final“ seinen Namen gab.



Es war das erste Finale um den FA Cup im neuen Empire Sta­dium im Lon­doner Stadt­teil Wem­bley. Der Vor­ver­kauf lief schlep­pend, nur 36.047 Karten wurden für die etwa 120.000 Zuschauer fas­sende Arena ver­kauft. Doch ein spär­lich besetztes Sta­dion wollte man Georg V. nicht zumuten. Der König sollte den Pokal vor vollen Rängen an den Sieger des Spiels Bolton Wan­de­rers gegen West Ham United über­geben. Des­halb rührten die Ver­an­stalter die Wer­be­trommel. Viel Platz und exzel­lente Sicht“ wurde ver­spro­chen, das Inter­esse stieg.

Mein Vater sagte: Los, wir fahren mal hin und ver­su­chen rein­zu­kommen“, erin­nerte sich der damals acht­jäh­rige Zeit­zeuge Denis Higham am Rande der Neu­eröff­nung des Wem­bley-Sta­dions im ver­gan­genen Jahr. Die Hig­hams waren nicht die ein­zigen Kurz­ent­schlos­senen: Die Kon­trol­leure ließen wei­tere 90.000 Zuschauer ein, ehe sie die Tore schlossen. 126.047 Fans waren nun offi­ziell drin. Doch zehn­tau­sende begehrten noch Ein­lass, auch die Hig­hams: Wir sahen, wie die Leute über die Absper­rungen klet­terten – und folgten ihnen.“ Schät­zungen zufolge waren weit über 200.000 Fans im Sta­dion, als das Spiel los­gehen sollte.

Es war aben­teu­er­lich. In dem Chaos habe ich meinen Vater ver­loren“, sagte Higham. An Fuß­ball war nicht zu denken, bis Cons­table Scorey mit Billy“ Ord­nung schaffte. Mein Pferd war wun­derbar. Es hat die Leute sanft mit der Nase und seinem Schwanz über die Tor­linie gedrängt“, erin­nerte sich Scorey später. Weil der graue Hengst auf den Fotos weiß aus­sieht, spricht man heute vom White Horse Final“.

Betrachtet man die Auf­nahmen genau, erkennt man wei­tere, dunkle Pferde. Ross und Reiter sind ver­gessen, weil sie nicht auf­fällig genug waren. So erin­nerte sich auch Higham nur an den Schimmel“.

Mit nur 45 Minuten Ver­zö­ge­rung begann schließ­lich das Spiel. David Jack brachte Bolton in Füh­rung – und schoss dabei einen Fan K. o., der direkt hinter dem Netz stand. Der Zuschauer war einer von etwa 1000 Ver­letzten, Tote gab es wie durch ein Wunder nicht. Nach dem 1:0 wurde die Partie für zehn Minuten unter­bro­chen, weil erneut Men­schen den Platz gestürmt hatten. In der Pause blieben die Spieler auf dem Feld, weil der Weg in die Kabinen ver­sperrt war und an der Ent­ste­hung des Tores von Jack Smith zum 2:0‑Endstand soll ein Fan betei­ligt gewesen sein – in die chao­ti­schen Umstände passt diese Anek­dote.

Nach dem Spiel blieb es dann weit­ge­hend ruhig, und auch Higham fand seinen Vater wieder. Billy“ starb 1930, doch das weiße Pferd“ lebt weiter. Bei der Lon­doner Polizei genießt es heute Legen­den­status. Er ist das wohl berühm­teste Pferd in der Geschichte der Metro­po­litan Police“, heißt es auf der Home­page der MET“. Vor dem neuen Wem­bley-Sta­dion ist eine Fuß­gän­ger­brücke nach dem white Horse“ benannt.