Ein Sta­dion erzählt Geschichten. Von Auf­stiegen oder Welt­po­kal­sie­ger­be­sie­ger­spielen zum Bei­spiel, von Der­by­schlachten, vom Jubel in der letzten Minute, von Grät­schen auf der Tor­linie, blu­tigen Schläfen, von bit­teren Nie­der­lagen, von Abstiegen. Ein Sta­dion ist für viele Fans ein hei­liger Ort, manche nennen es des­wegen auch Kathe­drale oder Tempel.

Die Gegen­ge­rade im Ham­burger Mil­l­erntor-Sta­dion ist für St.Paulianer noch ein biss­chen hei­liger als der Rest des Sta­dions, denn es erzählt nach all den Jahren – nach Toten­kopf, Freu­den­haus, Kult, Retter – immer noch die Geschichten aus den Acht­zi­gern, als hier die Punks und Hafen­stra­ßen­be­wohner ein­zogen, und aus einem bie­deren Fuß­ball­klub mit rechten Ten­denzen in Fan­kreisen ein Sam­mel­be­cken ver­schie­dener Sub- und Gegen­kul­turen machten. Die Gegen­ge­rade war viele Jahre dre­ckig und laut. Sie war Aus­druck, Zuflucht und Heimat. Die Wiege der Fan­kultur.

Nun wird diese Gegen­ge­rade umge­baut. Als dritter Abschnitt des neuen Mil­l­erntor-Sta­dions, das bald 30.000 Zuschauern Platz bieten soll. In den ver­gan­genen Jahren wurde viel dar­über dis­ku­tiert, wie die neue Gegen­ge­rade denn aus­zu­sehen habe. Ein Archi­tek­ten­büro bestehend aus St.Pauli-Fans ent­wi­ckelte etwa eine bis zu 14.000 Zuschauer fas­sende Tri­büne über vier Ränge, sie sollte 136 Meter lang sein, 27 Meter hoch, 32 Meter tief. Die Ober­ränge sollten sich wieder zurück in Rich­tung Spiel­feld staf­feln. Sie hieß des­wegen im Volks­mund Die Welle“ und wurde von vielen St.Pauli-Fans gou­tiert, denn sie stellte in dieser Form einen Gegen­ent­wurf zu all den Tri­bünen anderer Bun­des­li­ga­sta­dien dar, die sich mit­unter so sehr ähneln, dass man glauben könnte, sie seien alle­samt von der Stange gekauft. Doch die Welle verlor gegen einen kon­ven­tio­nellen Ent­wurf. Es nennt sich Basis­mo­dell, wenn­gleich es sich immer noch von her­kömm­li­chen Tri­bünen unter­scheidet. Und so arran­gierte sich die Fans irgend­wann wohl oder übel mit den Plänen. 

Doch im Laufe der Zeit sickerten Details aus den Plänen der neuen Tri­büne durch, die nie­mand so richtig toll fand. Sie waren schon im Früh­jahr 2011 einer kleinen Öffent­lich­keit bekannt, doch damals sah scheinbar nie­mand die Dring­lich­keit auf sie hin­zu­weisen. Die Gegen­ge­rade sollte – egal ob Basis­mo­dell oder Welle – eine Poli­zei­wache beher­bergen, die sich laut Plänen direkt neben den Fan­räumen befindet. Dafür wollte die Polizei die alte Dom­wache auf dem Hei­li­gen­geist­feld auf­geben, die nicht mehr ihren Ansprü­chen genügte. Die Ver­ein­ba­rung wurde in der Ära Corny Litt­mann getroffen, irgend­wann 2005/2006.

Im Grunde ist dieser Vor­gang nicht unge­wöhn­lich, schließ­lich muss ein Sta­dion laut Ver­bands­sta­tuten eine Poli­zei­wache und einen Arrest­be­reich haben. Die Fans stoßen sich den­noch an den Plänen, denn es han­delt sich nicht um eine Wache, die aus­schließ­lich an Spiel­tagen öffnet, son­dern dar­über hinaus drei mal im Jahr für jeweils einen Monat durch­gängig in Betrieb ist – und zwar immer dann, wenn der Dom“, das große Ham­burger Volks­fest, statt­findet.

Man hätte früher dar­über dis­ku­tierten müssen“, sagt Sönke Gold­beck. Doch Corny Litt­mann hatte kein Gefühl für die Fan­szene. Er hat anschei­nend nicht geahnt, dass diese Ent­schei­dung bei uns nicht gut ankommt.“ Gold­beck geht seit Mitte der neun­ziger Jahren ins Mil­l­erntor-Sta­dion, er steht auf der Gegen­ge­rade. Seit Anfang 2011 ist er zudem Mit­glied der AG Sta­di­onbau. Die Initia­tive begleitet und berät die Ver­eins­füh­rung bei Pla­nung und Durch­füh­rung der Sta­di­on­neu­bauten und ver­steht sich dar­über hinaus als kri­ti­sche Instanz, die zwi­schen der Klub­füh­rung und den Fans den Dialog hält. Sie ver­sucht etwa seit über einem Jahr, andere Räume für die Poli­zei­wache durch­zu­setzen und hat dabei auch mit Archi­tekten aus den eigenen Reihen ver­schie­dene alter­na­tive Vari­anten ent­worfen. Die ursprüng­liche For­de­rung war eine Umset­zung unter­halb der Gäs­te­blocks in der Nord­kurve.

Woran man sich in der Fan­szene indes am meisten stört, ist die ideo­lo­gi­sche Unver­ein­bar­keit der mög­li­chen neuen Nach­barn. Ver­gessen Sie die David­wache. Hier kommt Ihr Groß­kult­re­vier!“, schreibt etwa Gegen­ge­raden-Gerd in seinem sati­ri­schen Text Traum­quote mit der Goli­a­thwache“. Und auf dem Blog stpauli​.nu schreibt der Autor vom Finale des Mythos der Gegen­ge­rade. (…) Ver­gleichbar mit einer Roten Flora mit Schüco-Fens­tern und Star­bucks-Filiale“.

Wahr­lich mutet dieses Sze­nario gro­tesk an: Eine Fan-Polizei-WG im Erd­ge­schoss der Gegen­ge­rade, dort also, wo alles begann. Dort, wo man sich in den acht­ziger Jahren mit den Bewoh­nern der besetzten Hafen­stra­ßen­häuser im Kampf gegen die harte Hand der der Stadt und der Polizei posi­tio­nierte. Und nun soll man sich unter der Woche zum gemüt­li­chen Plausch auf Kaffee und Ziga­rette auf den Gängen vor der Gegen­ge­rade treffen?
Auch heute noch ist das Ver­hältnis der beiden Lager gestört. Im Januar dieses Jahres wurden etwa 1000 St.Pauli-Fans bei einem Ham­burger Hal­len­tur­nier ein­ge­kes­selt, wäh­rend rechte Schläger durch die Halle maro­dierten. Für das Spiel gegen Hansa Ros­tock am Sonntag hatte die Polizei nicht nur die Aus­wärts­fans aus­ge­schlossen, son­dern auch ein Gefah­ren­ge­biet“ mit Son­der­rechten ein­ge­richtet, trotzdem soll es nach dem Spiel gegen Hansa Ros­tock zu Kra­wallen auf den Straßen gekommen sein. Von rund 400 St.Pauli-Randalierern“ schreibt die Ham­burger Mor­gen­post. Tat­säch­lich habe die Polizei, so Gold­beck, auf eine sehr kleine Gruppe von Stö­ren­frieden mit unver­hält­nis­mä­ßigen Mit­teln reagiert. Auch wegen sol­chen Vor­fällen glaubt Gold­beck, dass eine Ent­zer­rung der Situa­tion im Sinne der Polizei sein“ sollte.

Der Klub hat sich mitt­ler­weile auch posi­tio­niert. Nach anfäng­li­chem Unver­ständnis, hat die Füh­rungs­spitze erkannt, wie sen­sibel das Thema in Fan­kreisen ist. Vom Verein steht Vize­prä­si­dent Dr. Gernot Stenger seit geraumer Zeit in Kon­takt mit der Polizei und der AG Sta­di­onbau. Ich kann ver­stehen, dass es für die Anhänger ein unge­müt­li­cher Zustand wäre“, sagt er. Ich möchte das aber zum jet­zigen Zeit­punkt nicht dra­ma­ti­sieren.“ Er weist zwar darauf hin, dass sich die Wache im Sta­dion nur in direkter Nach­bar­schaft zu den Fan­räumen rea­li­sieren ließe, also nach den ver­ab­schie­deten Plänen nicht im Bereich der Nord­kurve. Den­noch hält er es für mög­lich, dass die alte Dom­wache ent­spre­chend saniert und moder­ni­siert wird: Wenn der Platz aus­reicht und die Kosten dies her­geben.“ So würde für die Polizei über­haupt nicht mehr die Not­wen­dig­keit eines Umzugs ins Sta­dion bestehen. Er glaubt, dass die Polizei in diesem Falle auch mit sich reden lasse. Eine Ent­schei­dung soll in den nächsten Wochen fallen.

Für alle Betei­ligten scheint das die beste Lösung zu sein. Die Polizei müsste nicht als von vorn­herein unbe­liebter Mit­be­wohner ins Erd­ge­schoss der Gegen­ge­rade ziehen, die Fans könnten wei­terhin in Ruhe ihre Ziga­rette rau­chen und die knapp 600 Qua­drat­meter, die für die Wache vor­ge­sehen waren, könnten anders genutzt werden. An dem Punkt stößt sich Gold­beck näm­lich vor­nehm­lich. Denn eine Sta­di­onwache muss laut Sta­tuten nicht mal 300 Qua­drat­meter groß sein. Und Platz ist ein kost­bares Gut am Mil­l­erntor. Auf der Geschäfts­stelle soll es mitt­ler­weile recht eng geworden sein. Für das Museum, von dem man schon länger träumt, gibt es immer noch keine Räum­lich­keiten. Und das sollte einem Verein wie dem FC St. Pauli und der Stadt Ham­burg wich­tiger sein als eine Poli­zei­wache in Turn­hal­len­größe.