Die 11FREUNDE-Diens­tags­ko­lumne: Jeden Dienstag machen sich Lucas Vogel­sang, Titus Chalk und Frank Baade im Wechsel Gedanken über den Fuß­ball, die Bun­des­liga und was sonst noch so pas­siert. Wenn unser heu­tiger Kolum­nist Lucas Vogel­sang nicht gerade für uns unter­wegs ist, schreibt er für den Tages­spiegel, recher­chiert für Thea­ter­stücke oder fla­niert beseelt durch Berlin.


Besuche beim Nach­barn sind immer eine heikle Ange­le­gen­heit. Das fängt oft­mals schon im Kleinen an, wenn der Mieter eine Tür weiter die eher läs­tige Ange­wohn­heit besitzt, mor­gens um Sechs auf­zu­stehen, um Beet­ho­vens Fünfte auf dem Schlag­bohrer zu inter­pre­tieren. Kom­pli­zierter aber wird es, wenn es sich bei den Nach­barn um zwei Länder han­delt, deren Ver­hältnis allein durch die gemein­same Ver­gan­gen­heit nach­haltig belastet ist. Oder anders for­mu­liert: Wäre Zen­tral­eu­ropa eine Gar­ten­ko­lonie, Deutsch­land und Polen würden sich wohl eher sel­tener zum gemein­samen Grill­abend ver­ab­reden.

Die Reise der deut­schen Natio­nal­mann­schaft nach Danzig ist des­halb auch kein reines Län­der­spiel, son­dern, wie so oft, ein Staats­be­such in kurzen Hosen. Vor allem dieser Tage, da der deut­sche Außen­mi­nister aus den eigenen Reihen beschossen und ohne Eng­lisch­kennt­nisse durch ein gelbes Meer der Tränen irr­lich­tert, fällt Löw und seinen Spie­lern die Rolle der lächelnden Diplo­maten zu.

Eigent­lich erschöpft sich diese Auf­gabe im Wech­sel­spiel der Gesten, dieser gene­ral­stabs­mä­ßigen Eti­kette der Uefa: Sich der gegen­sei­tigen Wert­schät­zung ver­ge­wis­sern, Shake­hands, die Hoch­ach­tung vor dem jeweils anderen betonen, Fair­play-Bot­schaft ver­lesen, noch mal Shake­hands, diesmal der Kapi­täne, und dann erst Wimpel (vor dem Spiel) und später Tri­kots (nach dem Spiel) tau­schen.

Man sollte Polen nicht mit Russ­land ver­glei­chen“

Doch weil das inter­na­tio­nale Span­nungs­feld mit Fett­näpf­chen über­säht ist, lohnt es sich diesmal, beson­ders vor dem Hin­ter­grund der Stil-Debatte um Philipp Lahm, auch die grund­sätz­li­chen Benimm­re­geln für den Trip über die Grenze zu beher­zigen.

Im Aus­lands-Knigge für Polen ist hier pas­sen­der­weise zum Thema Tabus“ fol­gendes zu lesen: Man sollte Polen nicht mit Russ­land ver­glei­chen, neben­ein­an­der­stellen oder in die gleiche kul­tu­relle Gruppe ordnen. Außerdem ist es sehr unhöf­lich, die Haupt­städte zu ver­wech­seln.“ Dem ent­spre­chend sollte Lahm eher darauf ver­zichten, seine Ban­kett­rede in Danzig vorab in der Bild“-Zeitung abzu­dru­cken. Ebenso wäre es unan­ge­bracht, wenn Deutsch­lands neuer Jun­g­li­terat nun die Erst­auf­lage seines Debüts mit der Sack­karre nach Danzig schafft, selbst wenn es hier wei­terhin heißt: Es emp­fiehlt sich immer ein Gast­ge­schenk mit­zu­bringen: Wein für den Haus­herrn, Scho­ko­lade für die Kinder und Bücher für alle.“

Viel eher sollte sich die deut­sche Dele­ga­tion zuvor bei Alt­kanzler Helmut Schmidt erkun­digen, welche Geschenke tat­säch­lich die Herzen der Polen öffnen. Denn 1977 hatte der dama­lige Regie­rungs­chef neben vier Por­träts pol­ni­scher Adliger aus der Hand deut­scher Meister des 16. Jahr­hun­derts auch einen Zwei-Mil­lionen-Scheck für die Reno­vie­rung des von den Deut­schen zer­störten War­schauer Schlosses in seinem Koffer. Und für Par­tei­chef Gierek gab es, als Zugabe, ein Litho von Käthe Koll­witz, das Schmidt noch per­sön­lich in Ham­burg besorgt hatte.

Daran muss sich Theo Zwan­ziger messen lassen. Aber immerhin hat sich auch der DFB nicht lumpen lassen und dem pol­ni­schen Ver­band, quasi als vor­ge­zo­genes Gast­ge­schenk, bereits Sebas­tian Boe­nisch und Eugen Polanski über­lassen. Ob das reicht, wird sich zeigen. Denn deut­sche Meister sind diese beiden nicht und zudem fehlen sie heute Abend auch noch ver­letzt. Viel­leicht hätte sich Zwan­ziger doch eher einen Prä­sent­korb von Uli Hoeneß zusam­men­stellen lassen sollen. Frän­ki­sche Fleisch­waren für den erneuten Ver­such des gemein­samen Grill­abends.

Kein Pfer­de­fleisch essen oder anbieten!

Doch auch hier ist Vor­sicht ange­bracht. Denn was sich in der Theorie brat­ma­xelecker anhört, birgt laut Aus­lands­knigge eben­falls ein gewisses Gefah­ren­po­ten­zial: In Polen tritt man in ein großes Fett­näpf­chen, wenn man Pfer­de­fleisch isst oder anbietet. Für Polen ist das, als wenn man seinen Freund auf­isst.“ Gar nicht so ein­fach das mit der Völ­ker­ver­stän­di­gung. Kein Wunder, dass nie­mand mit Wes­ter­welle tau­schen will. Man merke sich des­halb der Ein­fach­heit halber: Scho­ko­lade ja, Wein sowieso. Freunde auf­essen hin­gegen lieber nicht. Und wenn Lukas Podolski heute Abend wieder demütig jubel­schweigt, dann klappt’s auch mit dem Nach­barn.