willDie 11FREUNDE-Diens­tags­ko­lumne: Jede Woche machen sich Frank Will­mann, Lucas Vogel­sang, Titus Chalk und Frank Baade im Wechsel Gedanken über den Fuß­ball, die Bun­des­liga und was sonst noch so pas­siert. Dass unser heu­tiger Kolum­nist, der Buch­autor und Ost­fuß­ball-Experte Frank Will­mann über­haupt noch Zeit für eine Kolumne hat, ist ein Wunder. Sein neu­estes Werk heißt Zonen­fuß­ball“ („Verlag Neues Leben“.)

In der Hel­den­stadt Leipzig gibt’s viel für uns zu lernen. Denn dort hat es gleich fünf beach­tens­werte Ver­eine, die sich um Sym­pa­thie und Welt­an­schauung in der Sach­sen­me­tro­pole balgen. Zu DDR-Zeiten fiel die Wahl ziem­lich leicht. Wer ein­fach nur guten Fuß­ball sehen wollte, ging zum 1. FC Lok Leipzig. Die pro­te­gierte Leip­ziger Lok dampfte 1987 immerhin bis ins Finale des euro­päi­schen Pokal­sie­gercup.


Wer ein bissel gegen die DDR und ihre Dach­de­cker­dik­tatur stän­kern wollte, oder zufällig im Leip­ziger Arbei­ter­be­zirk Leutzsch auf­wuchs, trabte zur BSG Chemie Leipzig. Dem ewigen Underdog, der trotz aller Benach­tei­li­gu­neng durch die Funk­tio­näre 1951 und 1964 als soge­nannter Rest von Leipzig“ (RvL) DDR-Meister wurde. Chemie war berüch­tigt für seinen bit­ter­bösen Mob, der gern die Fäuste spre­chen ließ, wenn der Schuh drückte. Ich durfte ihnen in den frühen Acht­zi­gern als Fan von Carl Zeiss Jena mehr­fach begegnen. Wehr­hafte Sachsen mit langer Mähne und der Lizenz zum Klein­holz machen. Chemie, das war die Gal­lier­horde, umringt von sys­tem­treuen Böse­wich­tern!

FC Sachsen Leipzig = BSG Chemie + SG Leipzig-Leutzsch

Die BSG Chemie hieß nach 1989 plötz­lich FC Sachsen Leipzig und ver­sagte regel­mäßig, wenn die Wurst ganz nah vor der Nase bau­melte. Ver­gan­genes Jahr gingen für Sachsen Leipzig bin­dend die Lichter aus. Der bereits mehr­fach in Insol­venz gegan­gene Club war end­gültig Pleite und wurde aus dem Ver­eins­re­gister gelöscht. Aus der Insol­venz­suppe ging die Nach­fol­ge­truppe, SG Leipzig-Leutzsch hervor, welche die Spiel­be­rech­ti­gung der 2. Mann­schaft des FC Sachen in der Lan­des­liga Sachsen über­nahm und sich als legi­timer Erbe des FC Sachsen Leipzig, alias BSG Chemie Leipzig, sieht. Schon 2007 hatten sich viele Fans, unter ihnen die Ultra­gruppe Dia­blos“, vom FC Sachsen getrennt und feu­erten fortan die 1997 wieder gegrün­dete BSG Chemie Leipzig in den unteren Ligen des deut­schen Spiel­be­triebs an.

Seitdem streiten sich zwei kun­ter­bunte Brüder um das Erbe von Chemie“ in Leipzig-Leutzsch. Natür­lich spielen beide in den alt­ehr­wür­digen Farben grün-weiß im tra­di­tio­nellen Alfred-Kunze-Sport­park. Lok Leipzig gibt’s übri­gens auch noch, neben Roter Stern Leipzig und der von einem stink­rei­chen Brau­se­fa­bri­kanten kürz­lich in den Ring gewor­fenen Retor­ten­bude RB Leipzig.

2690 Zuschauer beim Leutz­scher Derby

RB Leipzig ist für all jene Leip­ziger, denen der Fuß­ball Lebens­eli­xier ist, keine Beach­tung wert. Lok hat seine spe­zi­elle Kli­entel, ebenso wie Roter Stern Leipzig. Die einen ziehen eher Fans aus dem rechten, die anderen aus dem linken Lager an. Obgleich noch immer diverse SG Leipzig-Leutz­scher voller Stolz grölen: Nur ein Leutz­scher ist ein Deut­scher!“ Solche Däm­lich­keiten, die nicht ohne Grund in die Welt posaunt werden, sorgten u.a. dafür, dass es Chemie“ nun dop­pelt bolzt.

Am ver­gan­genen Sonntag trafen nun die beiden neuen Klubs auf­ein­ander. Nur 2690 Zuschauer wollten beiden Ver­einen beim Kicken zuschauen. Eine ent­täu­schende Kulisse. Ob das nor­male Fuß­ball­volk Kra­walle fürch­tete? Heim­recht hatte die BSG Chemie. Deren Ordner und die Polizei ließen einige unan­ge­nehme Bur­schen nicht zum Spiel ins Sta­dion. Sie waren ent­weder als Nazis, Hools und Schläger bekannt, oder trugen Kla­motten mit ein­deutig rechtem Bezug.

Einen grün-weißen Popo für den Weih­nachts­mann

Vor und wäh­rend des Spiels war die Stim­mung im Sta­dion gut und fried­lich. Chemie bestimmte lärm­tech­nisch die Ränge. Der recht müde Kick endete 0:0. Da beide Mann­schaften mit dem Auf‑, bzw. Abstieg nix zu tun haben, war´s relativ egal.

Leider hatten die Sicher­heits­kräfte die Lage vorm Sta­dion nicht im Griff. Dort sam­melten sich abge­wie­sene Hoo­li­gans und anderer Tölpel. Nach dem Abpfiff gelangten sie wie durch ein Wunder ins Sta­dion und pro­vo­zierten den Chemi­an­hang. Ein Schelm, wer böses dabei denkt. Steine und Böller flogen, letzt­lich räumte die über­for­derte Polizei das Sta­dion. Die Possen zogen sich außer­halb des Sta­dion in die Länge. Auf einem Weih­nachts­markt gingen die erhitzten Gemüter durch. Einem Weih­nachts­mann wurde DER BLANKE Popo Grün­weiß ange­malt.

Mein Leipzig lob ich mir!