Früher stand er in der Nord­kurve oder der Gegen­ge­rade und feu­erte seinen FC St. Pauli nach vorne. Ab 2002 lief er selbst unter tosendem Applaus in seinen Lieb­lings­tri­kots auf den Platz. Kurz vor seinem Kar­riere-Ende haben wir Fabian Boll für ein Foto-Shoo­ting in einem Kiez-Hin­terhof auf St. Pauli getroffen. Dort öff­nete Fabian Boll seine Trikot-Schatz­kiste. Das Ergebnis seht ihr im neuen Heft 11FREUNDE #150: Jetzt am Kiosk und im App-Store.

Nebenbei spra­chen wir noch über eine zwölf­jäh­rige Kar­riere am Mill­erntor. Das Inter­view lest ihr hier:

Fabian Boll, sind Sie ein Tri­kot­sammler?
Nein. Doch ich wollte zum Kar­rie­re­ende gerne alle Tri­kots besitzen, die ich in zwölf Jahren beim FC St. Pauli getragen habe.
 
Das sind ins­ge­samt 33.
Richtig. Dum­mer­weise hatte ich einige Tri­kots im Laufe der Zeit ver­schlampt oder an letzten Spiel­tagen ins Publikum geworfen. So fehlten mir bis vor einigen Wochen noch fünf Stück zur Kom­plet­tie­rung der Samm­lung. Also habe ich einen Aufruf über meine Face­book-Seite und in der Sta­di­on­zei­tung gestartet. Wichtig war: Es mussten ori­gi­nale Match­worn-Tri­kots sein, also Tri­kots, die ich tat­säch­lich mal in einem Spiel getragen haben, die auf der Rück­seite zusätz­lich mit der 17 und meinem Namen bedruckt sind und die auf dem Ärmel den ori­gi­nalen Werbe- oder Wett­be­werbs-Patch auf­weisen.
 
Und die Fans haben gelie­fert?
Ja, die waren super hilfs­be­reit. Das letzte Trikot erhielt ich von einer netten Dame, die den Aufruf in der Sta­di­on­zei­tung gelesen hatte.
 
Wir wollen heute mit Ihnen über die Lieb­lings­stücke aus Ihrer Samm­lung spre­chen. Welche Tri­kots sind Ihnen beson­ders in Erin­ne­rung?
Natür­lich vor allem die, mit denen die Mann­schaft und ich große Spiele bestritten haben. Fangen wir mal mit diesem hier an (zeigt auf die Tri­kots der Ober­liga-Mann­schaft von 2002/03, d. Red.): Das war meine Pre­mieren-Saison bei den Ama­teuren des FC St. Pauli. Das erste Mal dieses Wappen tragen – das war ein sehr beson­deres Gefühl!
 
Weil Sie schon lange Fan des FC St. Pauli waren?
Zuge­geben: Meine ersten Sta­di­on­er­leb­nisse hatte ich beim HSV. Die Mann­schaft ist damals häufig zum Trai­nings­lager in meine Heimat, Bad Bramstedt, gekommen. Die Spiele in dieser rie­sigen Beton­schüssel waren aller­dings echt trostlos, sowohl das Sport­liche als auch die Atmo­sphäre. Mit 15 oder 16 Jahren bin ich dann mit Freunden das erste Mal ans Mill­erntor gegangen.
 
Kurze Zeit später wech­selten Sie aber in die A‑Jugend des HSV. Gab es da keine Inter­es­sen­kon­flikte?
Und ob. Zumal ich im Trai­ning sogar gele­gent­lich ein St. Pauli-Trikot ange­zogen habe. Da gab es den einen oder anderen Rüffel. Doch ich ließ mich nicht mehr abbringen von meinen Besu­chen am Mill­erntor. Das erste Spiel Mill­erntor war ein Schlüs­sel­er­lebnis. Ein Frei­tag­abend­spiel unter Flut­licht gegen Hansa Ros­tock. Wir gewannen 2:0.
 
Wo haben Sie gestanden?
In der Nord­kurve. Ich habe auch einige Jahre eine Dau­er­karte besessen. Später bin ich in die Gegen­ge­rade gewech­selt, hinein in die Sin­ging Area. Gele­gent­lich war ich sogar aus­wärts mit dabei. Weil ich damals schon höher­klassig gespielt habe, kol­li­dierten die Spiele der Profis häufig mit unseren, und meine Besuche wurden sel­tener.
 
Erin­nern Sie sich noch an den Moment, als Sie sich in der Kabine zum ersten Mal das Trikot über­ge­zogen haben?
Klar, ein Kappa-Jersey, eng geschnitten, ange­nehmer Stoff, ein schönes Teil. Es ging gleich gegen Altona 93, ein Derby vor über 1000 Leuten in der Adolf-Jäger-Kampf­bahn.
 
Haben Sie damals schon die Nummer 17 getragen?
Nein, bei den Ama­teuren hatte ich die 10. Und ich muss auch zugeben, dass die beiden Tri­kots aus dieser Ober­liga-Zeit nicht match­worn sind, son­dern soge­nannte Fan­tri­kots. Die Ori­gi­nale habe ich jah­re­lang ver­geb­lich gesucht.
 
Wel­ches Trikot liegt Ihnen noch am Herzen?
Natür­lich das aus der Saison 2003/04, mein erstes Jahr als Profi. Optisch gefiel mir das schwarze Aus­wärts­trikot zwar besser, doch mit dem weißen Jersey habe ich gegen Chem­nitz mein erstes Tor erzielt. Ein Dop­pel­pass mit Philipp Albrecht über 50 Meter. Herr­lich!
 
Die Umstel­lung von den Ama­teuren lief also pro­blemlos?
Nicht unbe­dingt. Ich hatte Schwie­rig­keiten, mich auf das neue Trai­nings­pensum ein­zu­stellen. Vorher hatten wir nur dreimal die Woche trai­niert, nun musste ich jeden Tag ran. Zusätz­lich hatte ich ja noch meinen Job als Kom­missar. Die Folge: Ich habe mich prompt ver­letzt, eine Scham­bein­ent­zün­dung, die mich drei oder vier Monate außer Gefecht setzte. Als ich wieder fit war, wurde mir ein Ver­eins­wechsel nahe gelegt. Es hieß, ich sei nicht gut genug für die Regio­nal­liga. Doch wie es so ist im Fuß­ball: Die Situa­tion kann sich inner­halb einer Woche kom­plett ändern.
 
Wie kamen Sie denn zurück?
Die erste Mann­schaft legte im Früh­jahr 2004 eine beson­ders üble Nie­der­la­gen­serie hin, die in einer Pleite bei Rot Weiss Essen mün­dete. Wir gewannen an dem Wochen­ende mit den Ama­teuren zeit­gleich ein Spiel mit 5:0, und ich schoss zwei Tore. Prompt waren ich und zwei, drei andere aus der Ama­teur­mann­schaft wieder im Pro­fi­team. Ein paar Tage später kam das Spiel gegen Chem­nitz, eine Bogen­lampe, ein irri­tierter Tor­wart, und drin war das Ding – im ersten Spiel bei den Profis gelang mir gleich der Sieg­treffer.
Sind Sie eigent­lich ein Trikot-Ästhet?
Nicht wirk­lich. Das Gesamt­paket muss stimmen.
 
Das Heim­trikot Ihrer ersten Pro­fi­saison 2003/04 besticht durch Steh­kragen und Knöpfe.
Im Grunde war es mir immer egal, ob Tri­kots Steh- oder Rund­kragen haben. Ich mochte eine gewisse Schlicht­heit, aber die hatten ja fast alle Tri­kots. Da fällt mir noch eine lus­tige Anek­dote zu dem weißen Trikot dieser ersten Pro­fi­saison ein: Das habe ich vor dem DFB-Pokal­spiel gegen Arminia Bie­le­feld (St. Pauli gewann die Erst­run­den­partie mit 4:3 n.E., d. Red.) von allen Mit­spie­lern unter­schreiben lassen. Ich dachte: So ein Spiel erlebe ich nie wieder.
 
Sie sollten sich irren. In der Saison 2005/06 besiegte der Regio­na­li­gist St. Pauli im DFB-Pokal hin­ter­ein­ander Wacker Burg­hausen, den VfL Bochum, Hertha BSC und Werder Bremen.
Das Trikot ist daher unver­gessen (zeigt auf das Pokal­trikot, d. Red.), auch wenn uns das Mate­rial an man­chen Tagen ver­rückt gemacht hat. Die Dinger sind ständig ein­ge­laufen, so dass ich immer XXL trug, in der Hoff­nung, dass es nach dem fünften Wasch­gang passt. Aber zum Thema: Diese Pokal­spiele waren wahr­lich dra­ma­tisch, das 4:3 nach Ver­län­ge­rung gegen Hertha oder das 3:1 gegen Werder Bremen. Der Verein hat durch diese Spiele so viel Geld ein­ge­nommen, dass er sich mal eben sanieren konnte. Nach fünf Spielen hatte er plötz­lich eine schwarze Zahl auf dem Konto.
 
Gegen Werder Bremen haben Sie im Vier­tel­fi­nale das wich­tige 2:1 gemacht. Erin­nern Sie sich noch an die Ent­ste­hung des Tref­fers?
Das Tor werde ich nie ver­gessen. Schulle (Timo Schultz, d. Red.) trat eine Ecke, und der Ball drehte sich so scharf zum Tor, dass Andi Reinke nur noch mit den Fin­ger­spitzen dran kam. Fabio (Morena, d. Red.) stand ein­schuss­be­reit, doch die alte Holzkuh traf den Ball nicht richtig. Irgendwie kam sein Auf­setzer zu mir, Getümmel, Seit­fall­zieher – und plötz­lich war der Ball drin.
 
Das Spiel hat später für einigen Dis­kus­si­ons­stoff gesorgt.
Die Werder-Ver­ant­wort­li­chen haben sich beschwert, dass das Spiel über­haupt ange­pfiffen wurde. Zuge­geben: Die Bedin­gungen waren nicht gut, das Spiel fand auf schnee­be­decktem Boden statt, und Miroslav Klose ver­letzte sich. Aber das war nicht der Grund für unseren Sieg.
 
Son­dern?
Wir waren ein­fach heiß. Dieses Spiel steht exem­pla­risch für den dama­ligen Mann­schafts­geist. Wir hatten ja in keiner dieser Pokal­runden die bes­seren Ein­zel­spieler, doch als Team sind wir stets über uns hinaus gewachsen.
 
Gegen Bayern war dann im Halb­fi­nale Schluss.
Obwohl wir auch hier gut mit­ge­halten haben, Bayern hat das Spiel ja erst in den letzten zehn Minuten ent­schieden. Ich erin­nere noch, dass es bei diesem Spiel unfassbar laut im Sta­dion war. Schon als wir zum Warm­ma­chen aufs Feld liefen, war das kom­plette Mill­erntor bis auf den letzten Platz besetzt. So war es in dieser Pokal­serie häu­figer. Was natür­lich zwangs­weise zu einem Kul­tur­schock geführt hat, als wir wenige Tage später gegen Kickers Emden zu Gast hatten. Da bist du dann auf den Platz gelaufen und hast gedacht: Geis­ter­spiel?
 
Sie haben mal gesagt, Sie seien aber­gläu­bisch. Haben Sie später das Trikot dieser Pokal­serie unter ein anderes gezogen?
Ich bin ein biss­chen aber­gläu­bisch, das stimmt. Doch wissen Sie was? Ein aus­ge­prägter Aber­glaube im Fuß­ball bedeutet vor allem eines: Stress. Man muss sich jede Woche daran erin­nern, wel­chen Schuh man bei dem tollen Sieg vor acht Wochen zuerst zuge­macht, welche Stutzen man bei der fan­tas­ti­schen Auf­hol­jagd vor vier Wochen als erste hoch­ge­zogen hat. Dann kommst du irgend­wann durch­ein­ander, und dann geht gar nichts mehr.
 
Sie hatten also nie ein Glück­s­trikot oder ein Ritual?
Doch. Sogar in der Saison 2005/06. Denn die Pokal­spiele fielen in eine Phase, wo wir auch in der Liga zwölf Spiele in Folge unge­schlagen blieben. Da spielten wir mit den braunen Cong­star-Tri­kots. Und weil es in der Liga so gut lief, haben Ralph Gunesch und ich dieses Leib­chen wäh­rend der Pokal­spiele immer drunter gezogen. Hat scheinbar geholfen. Da fällt mir noch eine andere Geschichte zum Thema Aber­glaube ein.
 
Erzählen Sie.
Weil wir nach dieser legen­dären Pokal­serie in den fol­genden DFB-Pokal-Jahren stets so früh aus­ge­schieden sind, legte der Klub in der Spiel­zeit 2012/13 das Camou­flage-Pokal­trikot von 2005/06 neu auf. Der Erfolg war über­schaubar: Wir sind in der zweiten Runde mit 0:3 gegen den VfB Stutt­gart raus­ge­flogen.
 
Wie wichtig ist Ihnen das Trikot der Saison 2006/07?
Das ist ein wei­terer Mosa­ik­stein gewesen: der Auf­stieg in die Zweite Liga. Das war immens wichtig für den Klub, denn nach der Pokal­serie, die den Verein auf einen Schlag ent­schuldet hat, hatte er nun end­lich wieder regel­mäßig hohe Ein­nahmen. Das Sta­dion war immer aus­ver­kauft, die Stim­mung bom­bas­tisch.
 
Was hat St. Pauli in dieser Saison so stark gemacht?
Wir hatten uns gut ver­stärkt, ein paar gestan­dene Profis wie Flo­rian Bruns, Jens Schar­ping oder Daniel Stendel geholt. Aller­dings gelang uns anfangs recht wenig. Nach der Hin­runde standen wir nur auf Platz 12. Andreas Berg­mann musste gehen, Holger Sta­nis­lawski kam. Und plötz­lich lief es. Wir haben uns in einen Rausch gespielt. Zuhause haben wir bis zum sicheren Auf­stieg jedes Spiel zu Null gewonnen, es wehte wieder dieser Pokal-Geist durch das Mill­erntor. Wir haben gemerkt, was man für eine Power ent­wi­ckeln kann, wenn alle an einem Strang ziehen.
 
Gab es ein Schlüs­sel­spiel?
Viel­leicht die Aus­wärts­partie gegen die zweite Mann­schaft von Werder Bremen: Ein Flut­licht­spiel unter der Woche, 10000 Zuschauer im Weser­sta­dion, davon 8500 St. Pauli-Fans. Das Spiel gucke ich mir manchmal bei You­tube an, da bekomme ich immer wieder eine Gän­se­haut. Nach dem Spiel waren wir zum ersten Mal Spit­zen­reiter. Jeder wusste: Wir können es packen!
Drei Jahre später: Neues Trikot, neuer Auf­stieg.
Da fällt mir sofort das erste Sai­son­spiel gegen Rot Weiss Ahlen ein. Unser Para­de­bei­spiel für Effek­ti­vität, Nils Pichinot, kam in der 77. Minute ins Spiel und schoss den 2:1‑Siegtreffer in der 90. Minute (es war Pichi­nots erstes und letztes Pro­fi­spiel für den FC St. Pauli, d. Red.). Danach kam die Maschine wieder ins Rollen. In der Saison gab es etliche über­ra­gende Spiele, zum Bei­spiel in Aachen, wo wir bei der Sta­di­on­ein­wei­hung des neuen Tivolis mit 5:0 gewonnen haben. Oder das 4:0 in Karls­ruhe, das 5:1 und das 6:1 gegen Koblenz, die beiden 2:0‑Siege gegen Ros­tock.
 
Dra­ma­tisch wurde es am Ende doch noch, als es gegen Ver­folger Augs­burg ging.
Mit Augs­burg war das in jenen Wochen so eine Sache. Die waren uns immer dicht auf den Fersen, und ich weiß noch, wie ich jedes Wochen­ende vor den Internet-Live­ti­ckern klebte, um zu sehen, wie Augs­burg gespielt hat – sehr zum Leid­wesen meiner Frau. (lacht)
 
Am 30. Spieltag hätte Augs­burg mit einem Punkt her­an­kommen können.
Es war ein klas­si­sches Sechs-Punkte-Spiel. Doch Marius Ebbers hat gran­dios gespielt und zwei Tore geschossen. Am Ende haben wir 3:0 gewonnen.
 
Wie haben Sie den Auf­stieg gefeiert?
Drei Wochen später in Fürth. Das halbe Sta­dion war voll mit St. Pauli-Fans, inklu­sive Platz­sturm und einer rie­sigen Party. Im braunen Dacia-Aus­wärts­trikot mit Brust­ring. Unver­gess­lich.
 
Was hat es eigent­lich mit dem Dacia-Trikot auf sich, auf dem das alte Wappen prangt?
Mit dem haben wir ein ein­ziges Freund­schafts­spiel bestritten: 2010, zur 100-Jahr-Feier, gegen Celtic Glasgow. Das Trikot ist dem ersten St. Pauli-Jersey nach­emp­funden, altes Wappen, Knüpf­kragen und Woll­stoff. Daher ist Trikot eigent­lich auch das fal­sche Wort, denn es gleicht eher einem Pull­over, der irgend­wann so schwer wurde, dass man sich nur noch über den Rasen schleppen konnte.
 
Kommen wir zur Bun­des­li­ga­saison 2010/11 und zu den Derbys.
Gerne.
 
Beim 1:1‑Hinspiel gegen den HSV lief der FC St. Pauli mit einem Trikot auf, das die Spieler danach nie wieder getragen haben. Auch Aber­glaube?
Nein, das war eine Son­der­edi­tion, quasi das dritte Trikot der Saison. Einmal pro Saison erlaubt die DFL das Tragen eines sol­chen Spe­zi­al­tri­kots.
 
Was hat es so beson­ders gemacht?
Wenn man näher ran­geht, erkennt man eine detail­ver­liebte Col­lage aus wich­tigen Ereig­nissen und prä­genden Per­sonen der Klub- und Stadt­teil­ge­schichte. Ganz abge­sehen vom Aus­gang des Spiels ist das mein abso­lutes Lieb­lings­trikot. Es ist wirk­lich schön.
 
Sie haben in dem Spiel das 1:0 geschossen. Das beste Erlebnis Ihrer Kar­riere?
Ich habe nie zuvor und nie mehr danach gespürt, dass ein Sta­dion so stark beben kann. Es war der helle Wahn­sinn.
 
Beschreiben Sie mal das Tor.
Ich trabe von der Mit­tel­linie zum geg­ne­ri­schen Tor. (über­legt) Falsch: Ich gehe mehr, als dass ich trabe. Deniz Naki, Carsten Rothen­bach und Gerald Asa­moah spielen sich über die rechte Seite durch, schließ­lich passt Asa den Ball in die Mitte, direkt an die Straf­raum­grenze. So wie es meine Art ist, nehme ich den Ball total beschissen an (lacht), und er springt ein paar Meter weg. Prompt stürmen drei HSVer auf mich zu, und in der Not ziehe ich ein­fach ab. Der Ball schlägt unten links im Eck ein.

Im Rück­spiel gewann St. Pauli sogar mit 1:0. Es war der erste Der­by­sieg seit 1977. Hat das Trikot dieses Spiels einen Ehren­platz in Ihrem Wohn­zimmer?
Bis­lang noch nicht, aber ich werde nach meinem nächsten Umzug ver­mut­lich alle Tri­kots in Bil­der­rahmen hängen. Dann bekommt es einen Son­der­platz. Die Derby-Tri­kots habe ich übri­gens noch nie gewa­schen.
 
Was hat Ihre Frau gesagt?
Keine Sorge, sie rie­chen nicht mehr, ich habe sie ja sofort nach Spiel zum Lüften gehängt. An der Seite sieht man auch noch Ori­ginal-Krei­de­spuren vom Volks­park-Rasen.
 
Außerdem ist es an den Ärmeln ein­ge­rissen.
Die Tri­kots waren in dieser Saison ver­dammt eng. Und weil ich die Ärmel gerne über die Ellen­bogen gezogen habe, schnitt ich sie von unten nach oben immer ein biss­chen ein.
 
Hat der HSV in diesen Par­tien eigent­lich über­heb­lich gespielt, oder war St. Pauli ein­fach außer­ge­wöhn­lich gut?
Ver­mut­lich haben bei uns mehr Leute gespielt, für die diese Spiele etwas Beson­deres waren. Die Aus­sagen einiger HSV-Spieler nach der Nie­der­lage bestä­tigen das jeden­falls. Da herrschte eine gewisse Egal-Hal­tung vor. Tat­säch­lich hätten wir dieses Rück­spiel aller­dings nie gewinnen dürfen, der HSV war ja haus­hoch über­legen und hatte etliche hoch­ka­rä­tige Chancen. Manchmal braucht man eben ein biss­chen Glück. Doch wen inter­es­siert das noch? Alle, die damals dabei waren, haben sich bei den Fans unsterb­lich gemacht. Nach 34 Jahren den schla­fenden Riesen aus der Vor­stadt zu schlagen – mehr geht nicht.
 
Was war in den Wochen danach auf dem Kiez los?
Wir glitten auf einer Welle der Euphorie durch den Stadt­teil. Ich erin­nere mich noch, wie ich einen Tag nach dem Sieg beim Bäcker meine Bröt­chen holen wollte. Plötz­lich haben sich alle Leute umge­dreht und laut­stark applau­diert. Da ist mir bewusst geworden, welche Trag­weite dieses Spiel hatte.
 
Trotz der Der­by­er­folge ist St. Pauli am Ende abge­stiegen. Hätten Sie den Sieg gegen den HSV gegen den Klas­sen­er­halt ein­ge­tauscht?
Ver­mut­lich ja. Doch manchmal denke ich auch: Wer würde sich heute noch an das Datum des Klas­sen­er­halts erin­nern? Das Datum des Der­by­sieges kennt jeder hier: 16. Februar 2011. Das ist halt das Schöne beim FC St. Pauli: Du spielst bei einem Verein, der sich nicht vor­nehm­lich über sport­liche Erfolge defi­niert.
 
Haben Sie in der Bun­des­li­ga­saison eigent­lich oft Tri­kots getauscht?
Die beiden Derby-Tri­kots hätte ich nie her­ge­geben. Und auch sonst bin ich nicht der Typ, der nach dem Spiel Tri­kots tauscht. Ich finde, das hat was Grou­pie­haftes. Nur zweimal habe ich Gegen­spieler nach ihren Tri­kots gefragt, aller­dings nicht für mich. Nach dem Pokal­spiel gegen den FC Bayern besorgte ich für meinen Bruder, der großer Bayern-Fan ist, ein Podolski-Trikot. Ein anderes Mal habe ich beim Heim­spiel gegen Schalke das Trikot von Raúl ergat­tert.
 
Bei dem Becher­wurf-Spiel?
Richtig. Meine Frau ist großer Schalke-Fan und hatte ein paar Tage nach dem Spiel Geburtstag. Ich dachte, ein Match­worn-Trikot von Raúl wäre doch ein ganz schönes Geschenk. Ich fragte ihn also schon vor der Partei, doch er schien mich nicht recht zu ver­stehen. Ich wollte ihn nach dem Spiel noch einmal darum bitten, doch dann kam es zum Becher­wurf. Die Folgen: ein großes Durch­ein­ander und der Spiel­ab­bruch. Ich ging Rich­tung Kabine, und hatte eigent­lich gar nicht mehr an das Trikot gedacht, als plötz­lich Raúls Dol­met­scher vor mir stand und sagte: Sie wollten das Trikot von Raúl? Hier, bit­te­schön!“
 
In der Saison gab es noch ein anderes legen­däres Spiel: Das 1:8 gegen den FC Bayern.
Manchmal ist es gut, wenn man ver­letzt ist. (lacht) Ich saß bei dem Spiel nur auf der Tri­büne und dachte die ganze Zeit: Schön, dass so etwas zum letzten Heim­spiel von Stani (Trainer Holger Sta­nis­lawski, d. Red.) pas­siert. Der hatte ja bereits bekannt gegeben, dass er nach 18 Jahren auf St. Pauli zur TSG Hof­fen­heim wech­seln würde. Naja, 1:1 kann ja jeder. (lacht)
 
An wel­chem Trikot hängen außerdem beson­ders gute Erin­ne­rungen?
An dem aus der Saison 2011/12. Ich habe in diesem Jahr wirk­lich gut gespielt und noch einmal einen rich­tigen Schub bekommen. Dadurch, das Stani nicht mehr da war, fiel mir noch mehr Ver­ant­wor­tung zu. Ich musste den Verein nach außen häu­figer prä­sen­tieren und das Team als Kapitän aufs Feld führen. Außerdem habe ich in der Saison sechs Tore gemacht. Gleich im ersten Spiel – es musste auf­grund des Becher­wurfs gegen Schalke an der Lübe­cker Loh­mühle aus­ge­tragen werden – habe ich einen Dop­pel­pack erzielt.
 
Den Auf­stieg haben Sie den­noch knapp ver­passt.
Trotz 64 Punkten, die in den Jahren zuvor immer zum Auf­stieg gereicht hätten.
 
Zwi­schen­zeit­lich stand St. Pauli wieder vor einem Auf­stieg. Sie hatten bereits im Februar bekannt gegeben, Ihre Kar­riere im Sommer zu beenden. Haben Sie nie über­legt, even­tuell doch noch ein Jahr dran­zu­hängen?
Auf gar keinen Fall. Seit Beginn meiner Kar­riere wusste ich, dass ich im Fall der Fälle in meinen Job als Poli­zist zurück­kehren kann. Ich war auch nie nervös, wenn sich Ver­trags­ge­spräche mal länger hin­ge­zogen haben oder wenn ein neuer Trainer kam, der mir meine Halb­tags­stelle als Poli­zist hätte ver­bieten können. Ich dachte immer: Wenn der FC St. Pauli mich nicht mehr will, dann ist das schade, aber ich habe ja noch meinen Job.
 
Fabian Boll, Sie sind einer der wenigen noch aktiven Fuß­baller, die wäh­rend Ihrer Pro­fi­kar­riere nie das Trikot eines anderen Ver­eins getragen haben. Hat es denn keine Ange­bote gegeben?
Es gab gele­gent­lich lose Anfragen von anderen Zweit­li­gisten. Einmal wurde es etwas kon­kreter, als Bristol City Inter­esse zeigte. Die spielten damals in der zweiten eng­li­schen Liga. Das erschien mir durchaus attraktiv. Doch dann habe ich kurz drüber nach­ge­dacht und schließ­lich gemerkt: Ham­burg, St. Pauli, mein Klub, meine Jungs, mein Viertel – was soll ich denn in Eng­land? Ich bleibe hier.

—-
In 11FREUNDE #150: Fabian Boll öffnet für uns seine Trikot-Schatz­kiste. Jetzt am Kiosk und im App-Store.