Martin Kree, wie fühlt man sich als der Mann mit der här­testen Klebe der Bun­des­liga-Geschichte?
Das ist bis heute noch mein Ste­cken­pferd. Wenn ich irgendwo hin­komme, werde ich meis­tens darauf und auf den Cham­pions-League-Sieg ange­spro­chen. Eine zeit­lang hat es mich ein biss­chen genervt, dass ich nur darauf redu­ziert wurde.

Warum genau?
Ich hatte auch ein gutes Zwei­kampf­ver­halten, habe sehr viele Spiele gemacht und nie eine Rote Karte gesehen. Damals war es mir ein biss­chen wenig, heute ist das mein Mar­ken­zei­chen. So etwas würden sich viele ehe­ma­lige Spieler wün­schen.

Wie wurden Sie zum Mann mit dem här­testen Schuss?
Die Bild“-Zeitung hatte mich gebeten, ob wir nicht mal an der Deut­schen Sport­hoch­schule in Köln meine Schuss­ge­schwin­dig­keit messen könnten. Wenig später hat die RTL-Sen­dung Anpfiff“ dann die Werte von allen Bun­des­li­ga­spie­lern gemessen. Ich hatte mit großem Abstand den här­testen Schuss. Damals ist nicht so viel daraus gemacht worden. Heute würde man wahr­schein­lich fünf Spon­so­ring-Ver­träge bekommen.

Sie wech­selten statt­dessen wenig später von Bochum nach Lever­kusen.
Ich bin dem VfL heute noch dankbar, dass ich dort die ersten Schritte in der Bun­des­liga machen durfte. Aber 15 Jahre unab­steigbar zu sein wären mir nicht genug gewesen. Ich wollte diese Sportart betreiben, um am Ende auch wirk­lich etwas Zähl­bares zu haben. Darum bin ich nach Lever­kusen gegangen, um zumin­dest mal im Euro­pa­pokal spielen zu können.

Wie sind Sie später mit 29 Jahren noch bei Borussia Dort­mund gelandet?
Es war eine glück­liche Fügung, dass ich mit Lever­ku­sens Trainer Dra­goslav Ste­pa­novic eine pri­vate Her­aus­for­de­rung hatte. Er war bekannt dafür, dass er sich bei seinen neuen Ver­einen ein, zwei Spieler her­aus­ge­pickt hat, um Exempel zu sta­tu­ieren. Damit wollte er zeigen, dass er hart durch­greift. Also hat er sich über­legt, dass es nicht gehen würde, dass ich in Bochum wohne. Dabei bin ich in den vier Jahren zuvor nie zu spät gekommen. Heute fliegen die Spieler ja sogar mit dem Hub­schrauber zum Trai­ning.

Wie ging es weiter?
Ich hatte keine Lust, mit jemandem zu arbeiten, der mich nicht mag. Ich wollte weg und bin zum besten Zeit­punkt zum BVB gekommen, den man sich vor­stellen kann. Direkt im ersten Jahr bin ich Deut­scher Meister geworden, im zweiten wieder und im dritten Cham­pions-League-Sieger. Jedes Jahr vor 500.000 Men­schen durch die Stadt zu fahren, ist schon ein High­light.

In Dort­mund wurde eine echte Star­truppe auf­ge­baut. Waren Sie selbst über­rascht, dass Sie trotzdem Ihren Platz sicher hatten?
Ich hatte mir schon eine Chance aus­ge­rechnet. Aber ich hatte mit Mat­thias Sammer, Julio Cesar und später Jürgen Kohler drei Welt­klas­se­leute, die die Posi­tionen im Grunde fest besetzt haben. Es war klar, dass es eng wird, weil ich nicht so einen Namen hatte wie die anderen. Ich hatte Glück, dass sie sehr ver­let­zungs­an­fällig waren und dass auch schon mal eine Sperre dazukam. Am Ende habe ich die zweit­meisten Spiele von uns vieren gemacht. Im Nach­hinein ist das schon eine ganz gute Sta­tistik. Ich war damals, was Felipe San­tana heute ist: Immer da, aber trotzdem unter­schätzt.

Hatten Sie später Angst, auf der Bank zu ver­sauern?
Ich bin mit 29 Jahren zur Borussia gekommen. Das ist sicher­lich keine Zeit, wo man noch auf­ge­baut wird. Sobald man einen Zwei­kampf oder ein Lauf­duell ver­liert, heißt es: Der ist zu alt.“ Das ist es oft gar nicht, aber man wird in eine Schub­lade gesteckt. Das galt später für unsere kom­plette Mann­schaft, weil wir im Grunde genommen das genaue Gegen­teil des aktu­ellen Meis­ter­teams waren. Wir hatten alle Titel gewonnen, die es auf dieser Welt gibt: Welt­meister, Euro­pa­meister, ita­lie­ni­sche und eng­li­sche Meister. Irgend­wann war klar, dass diese Truppe ihren Zenit über­schritten hat. Es ist ein nor­maler Pro­zess, dass die Ältesten aus­ge­tauscht werden.

Das klingt sehr nüch­tern.
Damals war es sehr schwierig. Vor zwei Jahren war ich noch auf dem Olymp, und dann war ich nicht mehr gut genug, um über­haupt noch zu spielen. Das ist eine der größten Her­aus­for­de­rungen, die du als Sportler hast: Ein Ende zu finden, wenn es noch geht, und nicht dann, wenn sie dich vom Platz tragen müssen.

Haben Sie Ihre Kar­riere des­halb mit 33 Jahren beim BVB beendet?
Für mich hat es keinen Sinn gemacht, die Kar­riere in der Zweiten Liga aus­zu­dehnen. Mit meinem Back­ground hätte ich die Ecke schießen und dann selbst rein­köpfen müssen. Da wären Dinge erwartet worden, die ich in dieser Phase nicht mehr leisten konnte. Und ich wollte nicht mehr aus der Cham­pions League direkt in die Zweite Liga.

Warum haben Sie sich danach kom­plett aus dem Fuß­ball ver­ab­schiedet?
Meine Genera­tion war im Grunde die letzte, deren Spieler alle nach der Kar­riere in Deutsch­land geblieben sind und etwas im Fuß­ball machen wollten. So viele Posten gibt es aber nicht. Und ich war bei keinem meiner drei Ver­eine so lange, dass ich irgendwo zum Inventar gezählt hätte. Daher wäre es schwer geworden, etwas zu finden. Außerdem wollte ich nicht ständig umziehen müssen. Ich wollte einen Schluss­strich ziehen und etwas anderes machen.

Warum sind Sie einer der wenigen Fuß­baller, die auch im Leben nach der Kar­riere erfolg­reich sind?
Als Profi lebt man in einer eigenen Welt, wird gehegt und gepflegt und durch­or­ga­ni­siert bis zum Geht-nicht-mehr. Wenn man dann keinen Ver­trag mehr bekommt, fällt man in der Rea­lität meist sehr hart auf den Boden.

Was ist die größte Her­aus­for­de­rung?
Man muss sich selbst kom­plett neu orga­ni­sieren. Es ist etwas anderes, zwölf Stunden am Tag zu arbeiten, als vier Tage in der Woche mit einer Fuß­ball­mann­schaft unter­wegs zu sein. Und auch die Zahlen, die man ver­dienen kann, sind andere als die, die man gewohnt ist. Es gibt fast keinen grö­ßeren Umstieg.

Ist Ihnen der Wechsel ent­spre­chend schwer gefallen?
Ich habe mehr eine sit­zende Tätig­keit. Ein halbes Jahr habe ich gebraucht, um nicht nach­mit­tags ein­zu­schlafen. Mein Körper wollte etwas machen, aber ich habe nur rum­ge­sessen.

Wäre ein sanfter Über­gang sinn­voller gewesen?
Das wollte ich nicht. Wenn ich erstmal ein Jahr lang die Welt bereist hätte, wäre ich in ein Loch gefallen. Und da wäre ich nicht mehr raus­ge­kommen. Daher habe ich meinen neuen Job in einer Mar­ke­ting­agentur auch direkt am 1. Juli ange­treten, direkt, nachdem mein Spie­ler­ver­trag aus­ge­laufen war.

Warum haben Sie sich nach zwei­ein­halb Jahren selb­ständig gemacht?
Das war nicht unbe­dingt geplant. Meine Firma kam aus Liech­ten­stein, ich war in der Kölner Nie­der­las­sung. Anschlie­ßend wurde eine Stutt­garter Agentur gekauft und wieder ver­kauft, es war ein großes Hin und Her. Das war nicht das Rich­tige für mich.

Also mussten Sie sich wieder neu erfinden.
Ich habe mich schon immer für Technik inter­es­siert, es war ein Hobby. Von daher war es nahe lie­gend, etwas in diesem Bereich zu machen. Auf die Idee, Com­pu­ter­schu­lungen anzu­bieten, bin ich übers Internet gekommen. Meine Firma for­dert mich immer noch von mor­gens bis abends. Es ist viel Stress, aber auch Spaß.

Bleibt da noch Platz für den Fuß­ball?
Ich habe auch gerne mal am Wochen­ende nichts vor, aber natür­lich habe ich meine Ex-Ver­eine immer sehr stark ver­folgt. Auch beim VfL gibt es immer noch Mit­ar­beiter, die schon da waren, als ich dort gespielt habe.

Würde es Sie reizen, noch einmal einen Mana­ger­posten im Fuß­ball anzu­treten?
Das ist wirk­lich sehr hypo­the­tisch. Im Grunde bin ich raus aus dem Tages­ge­schäft. Ich kenne nicht mehr jeden 18-jäh­rigen Spieler. Diese Vor­aus­set­zungen müsste ich mir anar­beiten, aber ich würde mir zutrauen, dass ich das hin­kriege. Grund­sätz­lich kann man sich nie vom Fuß­ball los­sagen. Das ist eine eigene Welt, ein Traum, da werden Emo­tionen frei. Aber ich würde für eine fixe Idee nicht die Firma zer­stören, die ich in zehn Jahren auf­ge­baut habe.

Ist es inso­fern eine ange­nehme Fügung, dass Sie kürz­lich in den Auf­sichtsrat des VfL Bochum berufen worden sind?
Den VfL habe ich all die Jahre nie aus den Augen ver­loren und iden­ti­fi­ziere mich hoch­gradig mit den Werten des Ver­eins. Mit meinen Erfah­rungen und meinem Know-how will ich dazu bei­tragen, dass der Verein den ein­ge­schla­genen Weg fort­setzt und mit­tel­fristig wieder in die Bun­des­liga zurück­kehrt. Denn dort gehört er hin.

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Martin Kree (geboren am 27. Januar 1965 in Wickede) absol­vierte zwi­schen 1983 und 1998 401 Bun­des­li­ga­spiele (51 Tore) für den VfL Bochum, Bayer Lever­kusen und Borussia Dort­mund. Seine größten Erfolge: Deut­scher Meister 1995 und 1996, DFB-Pokal­sieger 1993, Cham­pions-League-Sieger und Welt­po­kal­sieger 1997. Seit August 2004 leitet er das IT-Schu­lungs­center New Hori­zons mit zwölf festen und ebenso vielen freien Mit­ar­bei­tern in Holzwi­ckede. Anfang Juli wurde er in den Auf­sichtsrat des VfL Bochum berufen.