Seite 3: "Klopp kam in der Öffentlichkeit viel zu gut weg!"

Nach der Jahr­tau­send­wende flaute die Riva­lität etwas ab. Oder war das bei Ihnen per­sön­lich anders?
Polzin:
Ich sage immer: Bayern gegen Dort­mund – das ist eine Teil­zeit­ri­va­lität. Wenn es sport­lich bri­sant ist, hasst man sich gerne. Beim Pokal­fi­nale 2008, in einer Zeit, als der BVB sport­lich nicht auf Augen­höhe war, hat nie­mand mehr von Riva­lität gespro­chen. Das war ein ganz nor­males Finale.

Ist Dort­mund denn mitt­ler­weile ein wür­diger Bayern-Rivale?
Polzin:
Der wür­dige Gegner ist 1860. Wenn die im Pokal richtig auf die Fresse bekommen, das ist das Aller­schönste. Aber natür­lich war es zwi­schen 2011 und 2014 gegen Dort­mund beson­ders.
Dürr: Weil die Spiele auch oft vor­weg­ge­nom­mene End­spiele waren. Die Szene, in der Neven Subotic nach dem Elf­meter Arjen Robben anschreit, da wurde gerade die Meis­ter­schaft (Saison 2011/12, d. Red.) ent­schieden.
Polzin: Wobei mich das gerade bei Subotic geär­gert hat.
Dürr: Ach­tung, der Mann ist in Dort­mund ein Hei­liger!
Polzin: Genau des­wegen hat es mich gestört. Was ich so höre, ist Subotic ein richtig geiler Typ. Aber in dem Moment auf Robben, der am Boden war, so drauf­zu­hauen, das fand ich nicht in Ord­nung.

Jürgen Klopp stand sinn­bild­lich für die großen Dort­munder Jahre zwi­schen 2011 und 2013. Wie wurde er in Mün­chen gesehen?
Polzin:
Ich habe ihn nicht gehasst, er hat mich nur wütend gemacht. Vor allem weil er in der Öffent­lich­keit viel zu gut wegkam. Ich habe immer große Wider­sprüche in seiner Person gesehen. Aber es war nur zu hören, was für ein toller Typ und fairer Sports­mann er sei. Dabei gab es Szenen wie die in Neapel, wo er vor dem vierten Offi­zi­ellen so krass aus­ge­rastet ist. Wenn ich mir vor­stelle, Guar­diola hätte das gemacht …
Dürr: Guar­diola ist mal zur Eck­fahne gesprintet, um den Lini­en­richter anzu­brüllen. Dafür wurde er nicht mal auf die Tri­büne geschickt.
Polzin: Klopp hat sich auch noch zig andere Dinge erlaubt, für die er nicht belangt wurde. Der war sinn­bild­lich für die Hei­lig­spre­chung des BVB, die damals in Deutsch­land statt­fand. Die wurden öffent­lich zum Erlöser des deut­schen Fuß­balls erklärt. Alles, was von Dort­mund an Emo­tionen kam, war gut und positiv. Wenn ein Rafinha emo­tional wurde, unter­stellte man ihm, dass er den Gegner pro­vo­zieren wollte. Ich bin mir sicher: Wäre Jürgen Klopp bei Bayern Trainer gewesen, die Dort­munder Fans hätten ihn gehasst.
Dürr: Aber ich finde, dass auch Pep Guar­diola oft zu positiv gesehen wurde. Es wurde etwa kaum the­ma­ti­siert, was der abseits des Platzes für frag­wür­dige Sachen gemacht hat. Und damit meine ich nicht mal sein Enga­ge­ment für die kata­la­ni­sche Sepa­ra­tisten-Bewe­gung. Der hat Mil­lionen ein­ge­stri­chen als Wer­be­bot­schafter für Katar.

Sind Bayern-Fans zu unkri­tisch?
Dürr:
Ich frage mich schon, wieso das von der breiten Basis der Bayern-Fans so pro­testlos hin­ge­nommen wird. Da fahren auf Ein­la­dung des Ver­eins sogar irgend­welche Blogger mit nach Katar, um dann von dort distanzlos zu berichten.
Polzin: Es gab und gibt Pro­teste inner­halb der Fan- und Ultra­szene. Aber klar, die breite Masse der Bayern-Anhänger hat es akzep­tiert. Oder anders: Sie sind zwar dagegen, aber …
Dürr: (imi­tiert bay­ri­schen Dia­lekt) Ja, mei!
Polzin: … sie arran­gieren sich damit, dass man nur so im Kon­zert der Großen mit­spielen kann. Das geht nun mal nicht mit einem Schwa­binger Ein­zel­han­dels­kauf­mann als Haupt­sponsor.

Es heißt, der Hass geht stets von den Klei­neren aus. Wie sieht man das als Bayern-Fan?
Polzin:
Anfangs dachte man, Dort­mund würde wie Lever­kusen oder Bremen nach drei, vier Jahren wieder aus­ein­an­der­bre­chen. Jetzt kleben sie uns schon seit fast einem Jahr­zehnt an den Fersen. Ich glaube aber, viele Bayern-Fans freuen sich dar­über, dass da end­lich ein ernst­zu­neh­mender Kon­tra­hent ist. Man merkt das an den Schmäh­ge­sängen. Im Bun­des­liga-Eröff­nungs­spiel zwi­schen Bayern und Hertha wurden plötz­lich Gesänge gegen Dort­mund ange­stimmt.
Dürr: Ich weiß nicht, wie das bei anderen Ver­einen ist. Aber wenn in Dort­mund Zwi­schen­stände aus anderen Sta­dien ein­ge­blendet werden und Bayern zurück­liegt, dann jubeln immer noch alle.
Polzin: Bei uns ist es ähn­lich – nur umge­kehrt. Selbst wenn Dort­mund Dritter ist und zehn Punkte hinter Bayern liegt: Das Sta­dion explo­diert, wenn ein Gegentor des BVB ein­ge­blendet wird.

Unser Heft heißt Liebe und Hass. Sind diese Begriffe zu kit­schig bezie­hungs­weise brutal im Fuß­ball­kon­text?
Dürr:
Im West­fa­len­sta­dion singen einige Fans immer noch: Tod und Hass dem S04“. Da mache ich mitt­ler­weile nicht mehr mit. Ich weiß zwar, dass auch dieses Lied Folk­lore ist und keiner – hof­fent­lich – das Bedürfnis hat, jemanden zu töten. Aber ich habe ein­fach zu viele Freunde, die Schalker sind, ich muss dieses Lied nicht singen. Das ist eine per­sön­liche Sache.
Polzin: Manche Gesänge gehen mir auch zu weit. Am Ende sind wir alle Fuß­ball­fans, die mehr oder weniger zufällig Anhänger von ver­schie­denen Ver­einen geworden sind. Warum sollte ich den anderen hassen? Weil er andere Farben trägt? Ach was. Ein Verein kann mir auf den Sack gehen, ich kann diesem Verein Nie­der­lagen wün­schen, aber am Ende hat das nichts mit Hass zu tun. Es gibt auch genug Fans in meinem eigenen Verein, die Arsch­lö­cher sind. Beim Begriff Liebe würde ich sagen: Das passt.

Sie lieben also den FC Bayern?
Polzin:
Manchmal mehr, manchmal weniger. Aber wenn ich an den Mai 2012 und den Mai 2013 (ver­lo­renes Cham­pions-League-Finale 2012, gewon­nenes Finale 2013, d. Red.) zurück­denke und mich daran erin­nere, was in diesen Wochen in mit vor­ge­gangen ist, dann sage ich schon: Das war nicht nur irgendwie Fan sein, sich freuen, etwas leiden. Das ging richtig an die Sub­stanz.
Dürr: Mit Anfang zwanzig habe ich das viel­leicht auch noch so gesehen. Heute sage ich: Ich liebe meine Frau!

Malte Dürr, Tobias Polzin, was wün­schen Sie dem anderen Verein?
Dürr:
Die regel­mä­ßigen Nie­der­lagen der Bayern in der Cham­pions League gefallen mir sehr gut. Gerne können sie auch wei­terhin ver­pfiffen werden von Viktor Kassai. Jetzt haben sie alle spa­ni­schen Klubs im Halb­fi­nale durch, diese Saison kann es also mit Eng­land wei­ter­gehen.
Polzin: Ich wün­sche mir, dass der BVB seine Rolle als inter­na­tio­naler Verein akzep­tiert. Das Außen­seiter-Gerede hat viele Bayern-Fans ein­fach genervt. Die hatten oft eine quasi eben­bür­tige Mann­schaft und haben immer behauptet, sie würden sich auch über den zweiten Platz ganz doll freuen! Weil sie nur 200 und nicht 300 Mil­lionen Euro Budget haben. Ich würde es jeden­falls gut finden, wenn es mit dem BVB einen zweiten deut­schen Verein gibt, der inter­na­tional was reißt. Und in der Bun­des­liga kann er jedes Jahr wei­terhin sou­verän Vize­meister werden.