11FREUNDE WIRD 20!

Kommt mit uns auf eine wilde Fahrt durch 20 Jahre Fuß­ball­kultur: Am 23. März erschien​„DAS GROSSE 11FREUNDE BUCH“ mit den besten Geschichten, den ein­drucks­vollsten Bil­dern und skur­rilsten Anek­doten aus zwei Jahr­zehnten 11FREUNDE. In unserem Jubi­lä­ums­band erwarten euch eine opu­lente Werk­schau mit unzäh­ligen unver­öf­fent­lichten Fotos, humor­vollen Essays, Inter­views und Back­s­­­tages-Sto­­­­ries aus der Redak­tion. Beson­deres Leckerli für unsere Dau­er­kar­ten­in­haber: Wenn ihr das Buch bei uns im 11FREUNDE SHOP bestellt, gibt’s ein 11FREUNDE Notiz­buch oben­drauf. Hier könnt ihr das Buch be­stellen. Außerdem prä­sen­tieren wir euch an dieser Stelle in den kom­menden Wochen wei­tere spek­ta­ku­läre Repor­tagen, Inter­views und Bil­der­se­rien. Zum Spit­zen­spiel heute: Ein Inter­view mit einem Bayern- und einem BVB-Fan aus dem 11FREUNDE SPE­ZIAL Liebe & Hass“, das ihr hier bestellen könnt.

11 Freunde Das große 11 Freunde Buch Kopie

Tobias Polzin, Sie sind Bayern-Fan. Was löst der BVB-Slogan Echte Liebe“ bei Ihnen aus?
Tobias Polzin:
Echte Liebe“ fasst gut zusammen, was mich an Dort­mund stört. Der Slogan impli­ziert, dass man aus­schließ­lich beim BVB echten Fuß­ball sieht und einzig der Dort­munder seinen Verein und den Sport lieben kann. Andern­orts hin­gegen ist man nur ein gewöhn­li­cher Fan oder gar Kunde.

Wie ist es bei Mia san mia“, Malte Dürr?
Malte Dürr:
Ich denke da gar nicht unbe­dingt an Fuß­ball, son­dern eher an bay­ri­sche Grantler, Weiß­bier und Weiß­wurst. Oder an die CSU und das Ver­kehrs­mi­nis­te­rium. Erst Bayern und dann der Rest – das ist für mich Mia san mia“.

Also eine gewisse Art der Groß­kot­zig­keit?
Dürr:
Genau. Die kann manchmal char­mant sein, aber beim FC Bayern ist sie es nicht. Der wahre Münchner ist ja eh Sechzig-Fan.

Steile These.
Polzin:
Absolut. Bei einem Zuschau­er­schnitt von 10 000.

Eine andere steile These lautet: Es gibt beim FC Bayern keine Fans. Denn ein echter Fan wisse, wie sich Abstiege und Nie­der­lagen anfühlen.
Dürr:
Für mich gibt es ver­schie­dene Typen von Bayern-Fans. Die Ultras von der Schi­ckeria finde ich gut. Die Auf­ar­bei­tung der His­torie und das Gedenken an Kurt Land­auer sind vor­bild­lich. Mein Feind­bild ist eher der Fach­ar­beiter aus der hes­si­schen Pro­vinz, der sein Ein­fa­mi­li­en­haus samt Car­port hat und im Garten seinen Weber­grill pflegt. Einmal im Jahr fährt er, natür­lich im Karo­hemd, mit seinen zwei Kin­dern zum Spiel, lässt dort ein paar hun­dert Euro und sieht ein 5:0 gegen Wolfs­burg. Dann erzählt er mona­te­lang stolz in seinem Dorf herum, wie gran­dios das gewesen ist. Kurzum: Bayern-Fan zu sein formt den Cha­rakter. Mein Haus, mein Auto, meine Frau, mein Verein.

Bei Dort­mund ist es doch ähn­lich.
Dürr:
Mag sein. Aller­dings gibt es auf der Süd­tri­büne immer noch viele Typen, die haben kein Haus, kein Auto und keine Frau. Die haben höchs­tens den Verein.

Wie defi­niert sich denn Ihr Fan-Begriff?
Dürr:
Regel­mä­ßige Sta­di­on­be­suche gehören auf jeden Fall dazu. Irgendwie auch dieses Sup­port-Your-Local-Club-Ding. Jemand, der hun­derte Kilo­meter ent­fernt lebt und nur einmal im Jahr hin­geht, ist viel­leicht ein Kunde oder ein Sym­pa­thi­sant. Oder einer, der seine Sta­tus­sym­bole pflegt. Aber ein Fan?

Tobias Polzin, Sie sind Ber­liner.
Dürr:
Immerhin: keine Pro­vinz.
Polzin: Zuge­geben: Ich gehe nur etwa zweimal im Jahr ins Sta­dion. Aber ich gucke jedes Bayern-Spiel im Fern­sehen. Ich fie­bere mit der Mann­schaft mit, ich beschäf­tige mich mit dem Verein, ich habe eigene Gedanken und kon­su­miere nicht nur blind. Für mich defi­niert das einen Fan.

Malte Dürr

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Jan Philip Wel­che­ring

Jahr­gang 1986. Geboren und auf­ge­wachsen in Her­decke, 20 Auto­mi­nuten süd­lich des West­fa­len­sta­dions. Sein erstes BVB-Spiel war ein 5:0 gegen Stutt­gart, Saison 1994/95. Ewiger Lieb­lings­spieler ist Lars Ricken. Dürr arbeitet als Lehrer (Reli­gion, Deutsch, Geschichte) und schreibt für das Fan­zine Schwatz­gelb.

Tobias Polzin

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Jan Philip Wel­che­ring

Jahr­gang 1991. Geboren und immer noch wohn­haft in Berlin. Hertha konnte seine Liebe aber nie gewinnen, 1997 ver­fiel er den Bayern. Seine ewigen Lieb­lings­spieler sind Oliver Kahn und Martin Demi­chelis. Polzin arbeitet in der Ener­gie­wirt­schaft und schreibt für den Bayern-Blog Mia san Rot.

Spre­chen wir über streit­bare Prot­ago­nisten. Bei Bayern sind das Uli Hoeneß oder Karl-Heinz Rum­me­nigge. Oder, Herr Dürr?
Dürr: Neu­lich habe ich mich mit meiner Mutter zum Essen beim Ita­liener ver­ab­redet. Du weißt schon“, sagte sie, das ist der Ita­liener, bei dem wir damals erfahren haben, dass Uli Hoeneß in den Knast muss!“ Meine Mutter hat damals vor Freude das Restau­rant zusam­men­ge­schrien, als sie die Push-Mel­dung dazu bekam. Bei Rum­me­nigge kommt hinzu, dass er aus der Nähe von Dort­mund stammt. Er wird bei uns Die Schande von Lipp­stadt“ genannt. Da kommt viel­leicht eine gewisse Ver­lust­trauer hinzu, dass er bei den Bayern groß geworden ist.
Polzin: Auch bei uns wirkt Rum­me­nigge manchmal wie ein Fremd­körper.

Der Mann ist, mit ein paar kurzen Unter­bre­chungen, seit über 40 Jahren beim FC Bayern.
Polzin:
Er leitet das erfolg­reiche Busi­ness, er sym­bo­li­siert die Inter­na­tio­na­lität des Klubs. Aber er steht für mich nicht für die bay­ri­sche Seele. Dafür steht allein Uli Hoeneß.

Vor einiger Zeit zitierte Rum­me­nigge auf einer Pres­se­kon­fe­renz das Grund­ge­setz: Die Würde des Men­schen ist unan­tastbar.“
Dürr
(Bebt!)
Polzin: In Klam­mern: Bebt!

Wut? Hass? Lassen Sie es raus!
Dürr:
Ich konnte mir das nur aus sati­ri­scher Sicht anschauen. Das wird vielen Bayern-Fans hof­fent­lich ähn­lich gegangen sein. Die beiden (Hoeneß und Rum­me­nigge, d. Red.) haben sich natür­lich herr­lich selbst kari­kiert, denn direkt im Anschluss sagte Hoeneß, dass Bernat einen Scheiß­dreck“ gespielt habe.

Schämt man sich als Bayern-Fan?
Polzin:
Ein wenig, ja. Auch weil ich bei Rum­me­nigge immer die Hoff­nung hatte, dass er der Ver­nünf­tigste der Riege sei. Dass er das Ganze sach­lich betrachtet. Wenn Hoeneß so etwas raus­haut … tja, dann ist das halt Hoeneß.

Wäre Aki Watzke gerne Uli Hoeneß, Herr Polzin?
Polzin:
Mir kommt der immer vor wie ein regio­naler Hoeneß. Aber der Schlimmste bei Dort­mund ist Nor­bert Dickel. Er ist nicht nur unlustig, er ist ein Prolet aller­erster Güte, der sogar neben Mario Basler im Dop­pel­pass“ noch negativ auf­fallen würde. Er ver­sucht krampf­haft, die Fans über die nie­dersten Motive zu errei­chen. Zum Bei­spiel 2013, als Götze, der kurz zuvor zu den Bayern gewech­selt war, ein Tor gegen Dort­mund geschossen hat und Dickel fast ins Mikrofon gekotzt hätte.

Herr Dürr, Sie haben Götzes Vater danach eine böse Mail geschrieben.
Dürr:
Das war noch zu meiner wilden Zeit. Sein Vater ist ja Pro­fessor an der TU in Dort­mund, seine E‑Mail-Adresse ist öffent­lich. Ich schrieb ihm also, dass ich seinen Sohn nicht mag – um es mal harmlos aus­zu­drü­cken. Er hat mir geant­wortet und ein paar Gründe für den Wechsel genannt. Sein Sohn sei etwa wegen Guar­diola zu den Bayern gegangen, was, wie sich später her­aus­ge­stellt hat, großer Quatsch war. Guar­diola war ja alles andere als ein Götze-Fan.
Polzin: Götze ist wirk­lich hart ange­gangen worden damals. Dass er dann zurück­geht zu dem Verein, wo er gehasst wurde und eigent­lich auch gehasst wird – das hat mich sehr ver­wun­dert.

Drei Jahre später ging Mats Hum­mels zu den Bayern. Ver­gleichbar?
Dürr:
Das sind ganz ähn­liche Cha­rak­tere. Mia-san-mia-Typen. Die E‑Mail-Adresse von Hum­mels’ Vater habe ich damals aber nicht her­aus­ge­funden. (Lacht.)

Jetzt spielt er wieder beim BVB.
Dürr:
Ich weiß nicht, dieses Papa-Aki-holt-euch-nach-Hause-Ding finde ich nicht gut. Wenn die mal bei den Bayern gespielt haben, sollen sie da bleiben oder woan­ders hin­gehen.

Spre­chen wir über Kli­schees. Ist Bayern der arro­gante Eli­te­verein und Dort­mund der volks­nahe Klub?
Dürr:
Ich muss zugeben: Es ist manchmal genau anders­herum. Wenn Bayern trai­niert, dann fährt Thomas Müller mit seinem Golf­caddy an den Fans vorbei und gibt den Kin­dern Auto­gramme. Beim BVB sind schon bei einem Jugend­spiel 80 Ordner, die alles her­me­tisch abschirmen.

Bayern kauft die Liga leer. Noch so ein Kli­schee?
Polzin:
Ach, der BVB macht es längst genauso. Vor zehn, fünf­zehn Jahren war die These tref­fender. Damals stand Bayern finan­ziell weit vor Dort­mund. Es war fast ein Reflex: Ein guter Bun­des­liga-Spieler? Den kaufen wir! Das Scou­ting war noch nicht so inter­na­tional. Bun­des­liga-Talente wären in jener Zeit nie in die Pre­mier League gewech­selt.
Dürr: Es ging bei dem Vor­wurf selten um die Trans­fers an sich, son­dern um die Art und Weise, wie die Bayern Spieler abge­worben haben. Wenn ich an Sebas­tian Deisler denke, dem der Wechsel aus Berlin mit einem son­der­baren Scheck (Deisler erhielt angeb­lich ein Hand­geld von 20 Mil­lionen Mark, d. Red.) schmack­haft gemacht wurde.
Polzin: Die Bayern haben es auch mehr zele­briert, wenn sie Spieler von der Kon­kur­renz geholt haben.
Dürr: Nicht nur das: Manche Geschäfte waren ein­fach frag­würdig. Der Hass, den die Bayern damit auf sich zogen, war ver­bunden mit dem Gedanken: Die dürfen sich alles erlauben. Heut­zu­tage denkt man so vor allem in Bezug auf die Schieds­richter. Werder-Trainer Flo­rian Koh­feldt hat neu­lich erzählt, dass ein bay­ri­scher Ordner vor einem Spiel beim FC Bayern ein­fach in die Bremen-Kabine gegangen sei und sich die Auf­stel­lung ange­guckt hätte. Die Bayern, meinte auch Koh­feldt, hätten eine ganz bestimmte Art, mit den Schiris umzu­gehen.

Es gibt also einen Bayern-Bonus?
Dürr:
Da brau­chen wir gar nicht zu dis­ku­tieren. Dazu kommt noch, dass viele mediale Mul­ti­pli­ka­toren, also Leute, die bei­spiels­weise bei Twitter eine große Reich­weite haben, Bayern-Fans sind. Raphael Honig­stein, die Macher von Col­linas Erben, der Rasen­funk-Typ: Die stellen sich als neu­tral dar, sind aber Bayern-Fans. Das merkt man auch bei deren Bewer­tungen von bestimmten Szenen. Es gibt eine sub­tile Macht der Bayern.

Klingt ver­schwö­re­risch. Wie sehen Sie das, Herr Polzin?
Polzin:
Ich glaube nicht an den Bayern-Bonus. Es gibt eher eine Art natür­li­chen Bonus für die erfolg­rei­chere Mann­schaft. Und den sehe ich bei Dort­mund-Spielen auch. Wenn der BVB 90 Minuten lang anrennt, es im Spiel schon vier strit­tige Szenen gab, und kurz vor Schluss fällt wieder einer im Straf­raum, dann gibt der Schiri eben eher einen Elfer.

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Mia san echte Liebe.

Jan Philip Wel­che­ring

Im Pokal­fi­nale 2018 wurde dem FC Bayern gegen Frank­furt ein Elf­meter ver­wehrt.
Polzin:
Wäre das den Dort­mun­dern pas­siert, hätte Nor­bert Dickel diese Szene so hoch­ge­kocht, dass sie medial viel prä­senter gewesen und aus­gie­biger dis­ku­tiert worden wäre. Oder anders: Wenn die Bayern Glück haben, bekommt es jeder mit. Haben sie Pech, hört fast keiner davon.
Dürr: Wären die Schieds­richter kon­se­quent gewesen, hätte Franck Ribéry in seiner Bun­des­li­gakar­riere mehr auf der Tri­büne gesessen als Fuß­ball gespielt.
Polzin: Stimmt schon.
Dürr: Soweit ich weiß, hat der in der Bun­des­liga nie glatt Rot gesehen. Das ist ein Wunder.
Polzin: Aber das ist ein Ribéry-Bonus. Kein Bayern-Bonus.

Hatte auch Oliver Kahn den Bonus?
Dürr:
Es gab 1999 das legen­däre Spiel gegen den BVB, bei dem er in Kung-Fu-Manier auf Sté­phane Cha­puisat zufliegt und Heiko Herr­lich anknab­bert. Ich habe es in einer Kneipe auf Sylt gesehen. Mit meiner Mutter, die sich als Bayern-Has­serin extrem dar­über auf­ge­regt hat. Eigent­lich wäre sie für dieses Inter­view auch eine tolle Gesprächs­part­nerin gewesen. (Lacht.) Bernd Heyne­mann war jeden­falls Schieds­richter und hat, wenn ich mich nicht täu­sche, Kahn erst in der Nach­spiel­zeit eine Karte gegeben: Gelb wegen Zeit­spiels. (Richtig ist: Kahn bekam in diesem Spiel über­haupt keine Karte, d. Red.)

Zemen­tierte Kahn den Bayern-Hass bei einem her­an­wach­senden Dort­mund-Fan?
Dürr:
Er war defi­nitiv ein Feind­bild. Aber nicht nur in Dort­mund. Den Golf­ball hat er zum Bei­spiel in Frei­burg abbe­kommen. Auch wenn das natür­lich über­haupt nicht in Ord­nung war. Aber Kahn hat oft betont: Es war das Schönste für ihn, wenn ein kom­plettes Sta­dion gegen ihn war.

Nach der Jahr­tau­send­wende flaute die Riva­lität etwas ab. Oder war das bei Ihnen per­sön­lich anders?
Polzin:
Ich sage immer: Bayern gegen Dort­mund – das ist eine Teil­zeit­ri­va­lität. Wenn es sport­lich bri­sant ist, hasst man sich gerne. Beim Pokal­fi­nale 2008, in einer Zeit, als der BVB sport­lich nicht auf Augen­höhe war, hat nie­mand mehr von Riva­lität gespro­chen. Das war ein ganz nor­males Finale.

Ist Dort­mund denn mitt­ler­weile ein wür­diger Bayern-Rivale?
Polzin:
Der wür­dige Gegner ist 1860. Wenn die im Pokal richtig auf die Fresse bekommen, das ist das Aller­schönste. Aber natür­lich war es zwi­schen 2011 und 2014 gegen Dort­mund beson­ders.
Dürr: Weil die Spiele auch oft vor­weg­ge­nom­mene End­spiele waren. Die Szene, in der Neven Subotic nach dem Elf­meter Arjen Robben anschreit, da wurde gerade die Meis­ter­schaft (Saison 2011/12, d. Red.) ent­schieden.
Polzin: Wobei mich das gerade bei Subotic geär­gert hat.
Dürr: Ach­tung, der Mann ist in Dort­mund ein Hei­liger!
Polzin: Genau des­wegen hat es mich gestört. Was ich so höre, ist Subotic ein richtig geiler Typ. Aber in dem Moment auf Robben, der am Boden war, so drauf­zu­hauen, das fand ich nicht in Ord­nung.

Jürgen Klopp stand sinn­bild­lich für die großen Dort­munder Jahre zwi­schen 2011 und 2013. Wie wurde er in Mün­chen gesehen?
Polzin:
Ich habe ihn nicht gehasst, er hat mich nur wütend gemacht. Vor allem weil er in der Öffent­lich­keit viel zu gut wegkam. Ich habe immer große Wider­sprüche in seiner Person gesehen. Aber es war nur zu hören, was für ein toller Typ und fairer Sports­mann er sei. Dabei gab es Szenen wie die in Neapel, wo er vor dem vierten Offi­zi­ellen so krass aus­ge­rastet ist. Wenn ich mir vor­stelle, Guar­diola hätte das gemacht …
Dürr: Guar­diola ist mal zur Eck­fahne gesprintet, um den Lini­en­richter anzu­brüllen. Dafür wurde er nicht mal auf die Tri­büne geschickt.
Polzin: Klopp hat sich auch noch zig andere Dinge erlaubt, für die er nicht belangt wurde. Der war sinn­bild­lich für die Hei­lig­spre­chung des BVB, die damals in Deutsch­land statt­fand. Die wurden öffent­lich zum Erlöser des deut­schen Fuß­balls erklärt. Alles, was von Dort­mund an Emo­tionen kam, war gut und positiv. Wenn ein Rafinha emo­tional wurde, unter­stellte man ihm, dass er den Gegner pro­vo­zieren wollte. Ich bin mir sicher: Wäre Jürgen Klopp bei Bayern Trainer gewesen, die Dort­munder Fans hätten ihn gehasst.
Dürr: Aber ich finde, dass auch Pep Guar­diola oft zu positiv gesehen wurde. Es wurde etwa kaum the­ma­ti­siert, was der abseits des Platzes für frag­wür­dige Sachen gemacht hat. Und damit meine ich nicht mal sein Enga­ge­ment für die kata­la­ni­sche Sepa­ra­tisten-Bewe­gung. Der hat Mil­lionen ein­ge­stri­chen als Wer­be­bot­schafter für Katar.

Sind Bayern-Fans zu unkri­tisch?
Dürr:
Ich frage mich schon, wieso das von der breiten Basis der Bayern-Fans so pro­testlos hin­ge­nommen wird. Da fahren auf Ein­la­dung des Ver­eins sogar irgend­welche Blogger mit nach Katar, um dann von dort distanzlos zu berichten.
Polzin: Es gab und gibt Pro­teste inner­halb der Fan- und Ultra­szene. Aber klar, die breite Masse der Bayern-Anhänger hat es akzep­tiert. Oder anders: Sie sind zwar dagegen, aber …
Dürr: (imi­tiert bay­ri­schen Dia­lekt) Ja, mei!
Polzin: … sie arran­gieren sich damit, dass man nur so im Kon­zert der Großen mit­spielen kann. Das geht nun mal nicht mit einem Schwa­binger Ein­zel­han­dels­kauf­mann als Haupt­sponsor.

Es heißt, der Hass geht stets von den Klei­neren aus. Wie sieht man das als Bayern-Fan?
Polzin:
Anfangs dachte man, Dort­mund würde wie Lever­kusen oder Bremen nach drei, vier Jahren wieder aus­ein­an­der­bre­chen. Jetzt kleben sie uns schon seit fast einem Jahr­zehnt an den Fersen. Ich glaube aber, viele Bayern-Fans freuen sich dar­über, dass da end­lich ein ernst­zu­neh­mender Kon­tra­hent ist. Man merkt das an den Schmäh­ge­sängen. Im Bun­des­liga-Eröff­nungs­spiel zwi­schen Bayern und Hertha wurden plötz­lich Gesänge gegen Dort­mund ange­stimmt.
Dürr: Ich weiß nicht, wie das bei anderen Ver­einen ist. Aber wenn in Dort­mund Zwi­schen­stände aus anderen Sta­dien ein­ge­blendet werden und Bayern zurück­liegt, dann jubeln immer noch alle.
Polzin: Bei uns ist es ähn­lich – nur umge­kehrt. Selbst wenn Dort­mund Dritter ist und zehn Punkte hinter Bayern liegt: Das Sta­dion explo­diert, wenn ein Gegentor des BVB ein­ge­blendet wird.

Unser Heft heißt Liebe und Hass. Sind diese Begriffe zu kit­schig bezie­hungs­weise brutal im Fuß­ball­kon­text?
Dürr:
Im West­fa­len­sta­dion singen einige Fans immer noch: Tod und Hass dem S04“. Da mache ich mitt­ler­weile nicht mehr mit. Ich weiß zwar, dass auch dieses Lied Folk­lore ist und keiner – hof­fent­lich – das Bedürfnis hat, jemanden zu töten. Aber ich habe ein­fach zu viele Freunde, die Schalker sind, ich muss dieses Lied nicht singen. Das ist eine per­sön­liche Sache.
Polzin: Manche Gesänge gehen mir auch zu weit. Am Ende sind wir alle Fuß­ball­fans, die mehr oder weniger zufällig Anhänger von ver­schie­denen Ver­einen geworden sind. Warum sollte ich den anderen hassen? Weil er andere Farben trägt? Ach was. Ein Verein kann mir auf den Sack gehen, ich kann diesem Verein Nie­der­lagen wün­schen, aber am Ende hat das nichts mit Hass zu tun. Es gibt auch genug Fans in meinem eigenen Verein, die Arsch­lö­cher sind. Beim Begriff Liebe würde ich sagen: Das passt.

Sie lieben also den FC Bayern?
Polzin:
Manchmal mehr, manchmal weniger. Aber wenn ich an den Mai 2012 und den Mai 2013 (ver­lo­renes Cham­pions-League-Finale 2012, gewon­nenes Finale 2013, d. Red.) zurück­denke und mich daran erin­nere, was in diesen Wochen in mit vor­ge­gangen ist, dann sage ich schon: Das war nicht nur irgendwie Fan sein, sich freuen, etwas leiden. Das ging richtig an die Sub­stanz.
Dürr: Mit Anfang zwanzig habe ich das viel­leicht auch noch so gesehen. Heute sage ich: Ich liebe meine Frau!

Malte Dürr, Tobias Polzin, was wün­schen Sie dem anderen Verein?
Dürr:
Die regel­mä­ßigen Nie­der­lagen der Bayern in der Cham­pions League gefallen mir sehr gut. Gerne können sie auch wei­terhin ver­pfiffen werden von Viktor Kassai. Jetzt haben sie alle spa­ni­schen Klubs im Halb­fi­nale durch, diese Saison kann es also mit Eng­land wei­ter­gehen.
Polzin: Ich wün­sche mir, dass der BVB seine Rolle als inter­na­tio­naler Verein akzep­tiert. Das Außen­seiter-Gerede hat viele Bayern-Fans ein­fach genervt. Die hatten oft eine quasi eben­bür­tige Mann­schaft und haben immer behauptet, sie würden sich auch über den zweiten Platz ganz doll freuen! Weil sie nur 200 und nicht 300 Mil­lionen Euro Budget haben. Ich würde es jeden­falls gut finden, wenn es mit dem BVB einen zweiten deut­schen Verein gibt, der inter­na­tional was reißt. Und in der Bun­des­liga kann er jedes Jahr wei­terhin sou­verän Vize­meister werden.