Raf­fael, wenn wir Ihren Bruder Ronny fragen würden, wer denn der beste Fuß­ball­spieler in der Familie ist…
… dann würde er bestimmt sagen, dass ich es bin. So hat er das bisher jeden­falls immer gemacht.

Und? Hat er recht?
Nein, über­haupt nicht. Ich wider­spreche meinem Bruder ja ungern, aber er ist ein­deutig der bes­sere von uns beiden. Schauen Sie ihn sich doch mal an: Seine Ball­be­hand­lung, seine Schuss­technik, haben Sie sein Frei­stoßtor in Han­nover gesehen? Unglaub­lich! Von seinen Anlagen her ist Ronny der beste Fuß­baller, mit dem ich in meiner Kar­riere je zusam­men­ge­spielt habe.

Am Samstag wird im Olym­pia­sta­dion zu beob­achten sein, wer von Ihnen beiden recht hat. Sie treten mit Borussia Mön­chen­glad­bach bei Ronny und Hertha BSC an. Wie steht es denn bisher in den fami­li­en­in­ternen Duellen?
Sie werden lachen, aber dieses Spiel am Samstag ist für uns beide eine Pre­miere. Wir haben noch nie gegen­ein­ander gespielt. Höchs­tens mal früher als Kinder, am Strand von For­ta­leza. Das ist schon eine komi­sche Situa­tion für mich. Ich liebe meinen Bruder, ich mag auch Berlin, und zu Hertha habe ich auch ein sehr gutes Ver­hältnis.

Sie haben in vier­ein­halb Jahren 33 Tore für Hertha BSC geschossen und sind dann nach dem zweiten Abstieg im Sommer 2012 zu Dynamo Kiew gewech­selt, für eine Ablöse von zehn Mil­lionen Euro. Wahr­schein­lich haben Sie Hertha damit den Neu­start auf einem relativ hohen Niveau über­haupt erst ermög­licht.
Ja, das war ein schöner Neben­ef­fekt. Hertha brauchte Geld, und ich wollte nicht noch einmal in der Zweiten Liga spielen. Des­wegen machte dieser Transfer für beide Seiten Sinn.

Gab es damals auch andere Ange­bote?
Ich hätte nach Ita­lien wech­seln können, zum SSC Neapel. Und es gab ein Angebot aus Katar, aber dafür fühlte ich mich noch zu jung. Kiew war eine Her­aus­for­de­rung, und ich hatte die Mög­lich­keit, in der Cham­pions League zu spielen. Also habe ich die Her­aus­for­de­rung ange­nommen.

Nach nur einem Tor in neun Spielen sind Sie Anfang dieses Jahres regel­recht aus der Ukraine geflüchtet. Was hat nicht gepasst?
Sagen wir so: Es war ein Miss­ver­ständnis, sport­lich und privat. Es war schwer in einem neuen Land mit einer neuen Sprache. Die Ukraine ist nun mal sehr anders als Deutsch­land. Dazu kommt, dass in der Liga nur Kiew und Donezk auf hohem Niveau spielen, dazu viel­leicht noch Dnjepro­pe­trowsk. Das ist kein Wett­be­werb, wie ich ihn aus der Bun­des­liga gewohnt war.

Im Januar hat Schalke 04 Sie zunächst für ein halbes Jahr aus­ge­liehen. Stimmt es, dass Sie schon damals lieber nach Mön­chen­glad­bach zu Ihrem alten Mentor Lucien Favre gewech­selt wären?
Ich wollte vor allem zurück in die Bun­des­liga. Es gab auch eine Anfrage von ZSKA Moskau, aber da wäre der Unter­schied zu Kiew wohl nicht so groß gewesen. Alles Wei­tere haben die Klubs unter sich gere­gelt.

Schalke hätte Sie nach diesem ersten halben Jahr gern dau­er­haft ver­pflichtet.
Auch ich wäre ganz gern geblieben. Wir sind Vierter geworden mit einer rea­lis­ti­schen Mög­lich­keit, uns für die Cham­pions League zu qua­li­fi­zieren. Sport­lich war das sehr attraktiv, und es hat Spaß gemacht, mit Leuten wie Julian Draxler und Jef­ferson Farfan zusam­men­zu­spielen. Aber jetzt ist es Glad­bach geworden, und damit bin ich sehr, sehr zufrieden.
War es eine Option, in Kiew zu bleiben?
Natür­lich. Mein Ver­trag lief ja noch bis 2016. Ich bin im Sommer heim nach Bra­si­lien geflogen und habe von dort erst einmal meinen Agenten ange­rufen: Sieh bitte zu, dass du mich in der Bun­des­liga unter­bringst! Ich will auf keinen Fall wieder zurück in die Ukraine!

In Mön­chen­glad­bach arbeiten Sie jetzt nach Sta­tionen in Zürich und Berlin zum dritten Mal mit Lucien Favre zusammen. Was ist das Beson­dere an ihm?
Er ist im posi­tiven Sinne des Wortes ein Per­fek­tio­nist. Seine Mann­schaften sind immer her­vor­ra­gend ein­ge­stellt, und jeder Spieler weiß genau, was er zu tun hat. Ich habe für Schalke in der ver­gan­genen Saison 16 Spiele gemacht, und das schwerste war gegen Mön­chen­glad­bach. Wir haben 1:0 gewonnen, durch ein Tor von Julian Draxler, das ich vor­be­reitet habe. Aber es war wirk­lich wahn­sinnig schwer.

Sie sind sehr gut gestartet und stehen nach acht Spielen auf Platz vier. Was ist drin in dieser Saison für Borussia Mön­chen­glad­bach?
Machen wir uns nichts vor: Ganz oben stehen Bayern und Dort­mund, die beiden sehe ich auf dem­selben Niveau. Ein gutes Stück dahinter kommt Lever­kusen und dann kämpfen meh­rere Mann­schaften um einen Platz im inter­na­tio­nalen Geschäft. Wenn alles gut läuft, können auch wir dazu gehören. Wir haben eine sehr talen­tierte Mann­schaft mit vielen jungen Spie­lern, aber es kann schon noch ein biss­chen dauern, bis wir dieses Poten­zial auch voll aus­schöpfen.

Sie kennen die Bun­des­liga seit 2008. Was hat sich seitdem ver­än­dert?
Der Fuß­ball hier ist noch besser und schneller geworden. Dante und Luiz Gus­tavo sind als junge und unbe­kannte Spieler in die Bun­des­liga gekommen und haben es in die bra­si­lia­ni­sche Natio­nal­mann­schaft geschafft. So etwas wäre vor ein paar Jahren nicht mög­lich gewesen. Es gibt hier groß­ar­tige Indi­vi­dua­listen, der beste ist für mich Franck Ribéry, gleich danach kommt Marco Reus. Schade, dass der nicht mehr in Glad­bach spielt. Und schauen Sie sich an, was für eine gute Rolle Hertha als Auf­steiger spielt. Auch das spricht für die Qua­lität der Liga.

Haben Sie Hertha in jüngster Zeit mal gesehen?
Sogar öfter, aber nur im Fern­sehen, zuletzt beim Spiel in Han­nover. Ich habe aus meiner Zeit in Berlin noch viele Freunde. Mit Adrian Ramos tele­fo­niere ich öfter und mit meinem Bruder fast täg­lich.

Zum Abschluss noch die obli­ga­to­ri­sche Frage: Wer gewinnt am Samstag?
Muss ich jetzt eine ehr­liche Ant­wort geben? Natür­lich muss ich das. Also: Tut mir leid, mein lieber Bruder, aber wir gewinnen. Und so sehr ich Hertha auch mag: Ich würde schon sehr gern ein Tor schießen!