Ich habe 309 Bun­des­li­ga­spiele gemacht, zu mir sagen häu­figer einmal Leute: Du warst doch auch ein guter Spieler. Dann sage ich: Ja, ich war nicht schlecht. Aber mein Bruder, der war Welt­klasse. Er war der beste Stürmer seiner Zeit. In den acht­ziger Jahren haben zwei Spieler den Welt­fuß­ball geprägt: Diego Mara­dona und Karl-Heinz Rum­me­nigge.

Ich habe heute eine Fuß­ball­schule, und um den Kin­dern zu erklären, wel­chen Stel­len­wert mein Bruder damals hatte, nenne ich den Namen Cris­tiano Ronaldo. So wie der heute, so war mein Bruder damals. Dann ist das Staunen groß. Er war 1980 und 1981 Europas Fuß­baller des Jahres, das war damals so etwas wie der inof­fi­zi­elle Welt­fuß­baller.

Dass jetzt Jupp Heynckes in der Jury meinen Bruder vor sich selbst setzt, sagt zwei Dinge: Der Jupp ist bescheiden. Und mein Bruder war wirk­lich gut.
Das war er schon immer. Wir sind in einem Neu­bau­ge­biet in Lipp­stadt auf­ge­wachsen. Unser Vater war Werk­zeug­ma­cher­meister in Soest, er ist jeden Morgen um 5.15 Uhr zur Arbeit auf­ge­standen, unsere Mutter war Haus­frau, sie ist auch für uns putzen gegangen. Wir hatten fast nichts außer Fuß­ball: kein Telefon, nur drei Fern­seh­pro­gramme, sonn­tags die Kirche. Wir waren stun­den­lang auf der Straße und haben gegen ita­lie­ni­sche Ein­wan­derer gekickt oder gegen Eng­länder aus der benach­barten Kaserne. Zum Fuß­ball­platz waren es zwei, drei Kilo­meter mit dem Fahrrad, der wurde dann unser zweites Zuhause.

Einmal schoss er vier Tore im Allein­gang: tack, tack, tack, tack

Mit 17 war mein Bruder schon eine Berühmt­heit auf Kreis­ebene. Er spielte in der ersten Mann­schaft bei Borussia Lipp­stadt, gegen West­tünnen schoss er einmal vier Tore im Allein­gang, tack, tack, tack, tack. Der Name sorgte schon für Auf­sehen: Rum­me­nigge hatte einen unge­wöhn­li­chen Klang, angeb­lich kommt das von rumä­ni­schen Wein­bauern, aber so genau weiß das keiner.

Die Scouts vom FC Bayern haben jeden­falls sofort gesagt: Den können wir nehmen. Da herrschte 1974 helle Auf­re­gung in Lipp­stadt: 17 500 Mark Ablöse, es wurde über Freund­schafts­spiele ver­han­delt, das hatte es alles noch nie gegeben. Dabei habe ich noch irgendwo das Schreiben von einem Ver­bands­trainer namens Schneider: Lieber Sports­freund Rum­me­nigge, auf­grund ihrer aktu­ellen Leis­tungen können wir sie nicht weiter für die West­fa­len­aus­wahl berück­sich­tigen.

Der FC Bayern war damals die ganz große Nummer, da spielten Stra­tegen wie Franz Becken­bauer, Gerd Müller oder Uli Hoeneß, sie waren gerade Welt­meister und Euro­pa­po­kal­sieger geworden. Mit­ten­drin mein Bruder, den sie anfangs Rum­mel­fliege“ nannten, weil er so nervös wirkte. Im ersten Trai­nings­lager hatte er mit 17 großes Heimweh. Da hat meine Mutter mich und einen Koffer gepackt und wir sind vier Wochen run­ter­ge­fahren. Sie hat auf­ge­passt, dass er seinen Job macht.

Wie Dettmar Cramer. Weil mein Bruder anfangs immer nur auf den Ball schaute, meinte der Trainer irgend­wann: Komm, wir gehen in die Kau­fin­ger­straße. Dann lief Cramer in der Fuß­gän­ger­zone hinter ihm her und sagte plötz­lich: Frau im gelben Kleid, links. Oder: Mann im Anzug, hinter dir. Dann musste mein Bruder blitz­schnell hin­schauen. Peri­pheres Sehen nennt man so etwas heute, das trai­nieren Jugend­spieler am Com­puter. Manchmal durfte ich dabei­sitzen, wenn sie beim Ita­liener über Fuß­ball phi­lo­so­phierten.

Ein Spieler wie Lewan­dowski, nur schneller mit dem Ball am Fuß

Bei seinem ersten Bun­des­li­ga­spiel saßen wir in Lipp­stadt vor dem Radio und hörten, wie er 0:6 gegen Offen­bach verlor. Das tat weh. Aber mein Bruder hat sich ständig wei­ter­ent­wi­ckelt, als Spieler und als Mensch. Am Anfang spielte er Rechts­außen und legte Gerd Müller die Bälle vor. Später kam er über links, weil er dann gut nach innen ziehen und schießen konnte, wie heute Franck Ribéry. Er war ein Spieler wie Robert Lewan­dowski, auch wenn mein Bruder mit dem Ball am Fuß noch schneller war. Ein Rie­sen­ki­cker, Tor­schüt­zen­könig und Spiel­ma­cher. Mit Paul Breitner ver­stand er sich blind auf der linken Seite, bei Bayern und in der Natio­nalelf, Breit­nigge“ schrieben die Zei­tungen. 1980 war er Euro­pa­meister und Spieler des Tur­niers.

Wir fuhren damals mit der Familie in den Ferien immer nach Mün­chen. Ich war zwölf und saß in der Kabine zwi­schen Müller und Becken­bauer und träumte davon, einmal Bayern-Profi zu sein. Ohne meinen Bruder wäre ich dort wohl nicht gelandet, eher bei Schalke oder Dort­mund bei uns in der Gegend. Als ich mit 17 kam, haben mich alle mit ihm ver­gli­chen: der kleine Bruder, auch blond, da musst du auto­ma­tisch so gut werden. Was für eine Mess­latte! Dabei war ich ein ganz anderer Spieler.

Ich habe das erste halbe Jahr bei ihm und seiner Frau gewohnt, aber schnell gemerkt: Du musst selbst schwimmen lernen. Mein Bruder war da schon Kapitän, bei Bayern und in der Natio­nal­mann­schaft, eine Per­sön­lich­keit, eine abso­lute Auto­rität und ein Per­fek­tio­nist. Nach dem Trai­ning hat er mit Udo Lattek noch Son­der­schichten gemacht, für die Technik und den Tor­schuss, dabei hatte er ja am Ende 162 Bun­des­li­ga­tore. Als ich einmal beim Ball­hoch­halten den Ball nur mit der Hand fangen konnte, schnauzte er mich an: Wir sind hier nicht beim Hand­ball, wenn du es nicht kannst, musst dir über­legen, ob du nicht woan­ders besser auf­ge­hoben bist.

Wir kommen aus einem kon­ser­va­tiven Haus

Mit ihm im Sturm damals, das war eine harte Schule, die beste, die man haben kann. Ehr­geizig war er schon immer. Und ord­nungs­lie­bend, das hatte er von unserer Mutter. Beim Packen legte er jedes Hemd penibel in den Koffer. Wir kommen ja eher aus einem kon­ser­va­tiven Haus, da wurde viel Wert auf Benimm­re­geln gelegt, wie man eine Gabel hält, alles musste ordent­lich zu Ende gebracht werden. Es ist kein Zufall, dass meine beiden Brüder und ich nicht nur Pro­fi­fuß­baller, son­dern auch tüch­tige Geschäfts­leute geworden sind.

Wir waren alle stolz auf ihn und seine Bega­bung. Am Vor­abend des WM-Finales 1982 wet­tete mein Vater in der Kneipe, dass Graf Bern­hard am nächsten Tag ein Deutsch­land-Trikot mit der Nummer 11 tragen würde. Am Ende fuhr ihn sogar die Lipp­städter Feu­er­wehr zum Denkmal. Der Stadt­gründer trug das Hemd noch ein ganzes Jahr. Dabei ging das WM-Finale ver­loren, wie auch 1986. Eine Tragik, dass so einem Welt­star die Krö­nung ver­wehrt blieb! Er wollte beweisen, dass er zu den Besten gehört, aber er war beide Male nicht fit. Wäre er es zu 100 Pro­zent gewesen, wäre Deutsch­land zumin­dest 1986 Welt­meister geworden, da bin ich mir sicher.
Unser letztes Spiel zusammen war auch sein letztes Spiel für Bayern. Im DFB-Pokal-Finale 1984 sagte er mir plötz­lich beim Elf­me­ter­schießen: Michael, Michael, du – haust – den – jetzt – rein!“ Dabei war ich der Jüngste auf dem Platz und gar nicht als Schütze vor­ge­sehen. Ich traf, wir gewannen. Noch zu Hause spürte ich den Adre­na­lin­schub. Mein bis dahin größtes Erlebnis und vor allem: Ich hatte die Probe meines Bru­ders bestanden.

In Ita­lien reifte er zum Welt­mann

Er ist dann zu Inter Mai­land gewech­selt, etwas anderes als Ita­lien kam für ihn gar nicht in Frage, dabei hätten Bar­ce­lona oder Real Madrid wohl noch eine Schippe drauf gelegt. Er mochte die Lebensart, das Essen. In Ita­lien ist er zum Welt­mann geworden, ein weiter Weg aus Lipp­stadt. Wenn ich heute mit ihm in Ita­lien bin, dann kennt ihn da jedes Kind. In Deutsch­land kennen ihn viele Jün­gere nur noch als den Funk­tionär. In Umfragen gewinnen ja oft die, die noch spielen oder bis vor Kurzem gespielt haben.

Aber es ist schon unfassbar, wenn man sich die Liste durch­schaut, welche Fuß­baller die Bun­des­liga in 50 Jahren her­vor­ge­bracht hat: Netzer, Müller, Häßler … Und einer davon, das ist mein Bruder.