Derbys sind das Schlimmste. Dieser Kampf, dieser Ein­satz, diese Grät­schen. Am Fie­sesten sind die Zwei­kämpfe, bei denen die Fuß­sohle nach unten klappt. Und die Stol­len­schuhe so richtig durch den Rasen pflügen. Alan Cairn­cross zuckt zusammen, als sei ihm gerade jemand durchs Herz gepflügt. Das sieht kein Gre­en­keeper gerne“, sagt der Schotte, Platz­wart bei Hertha BSC, mit breitem Akzent. Oder noch schlimmer: Ber­liner Derby, 1. FC Union gegen Hertha, 90. Minute, ein Angreifer rennt aufs Tor zu. Ein Ver­tei­diger könnte klären, aber bleibt im Rasen hängen und sieht stol­pernd zu, wie die Ent­schei­dung fällt. Der worst case“, sagt Cairn­cross.

Oder am aller­al­ler­schlimmsten: Platz­sturm. Fans rennen auf das Spiel­feld und greifen im Über­schwang der Gefühle nach allem, was sie zwi­schen die Finger bekommen. Ein großes Stück her­aus­ge­ris­sener Rasen – das tut schon beim Hin­sehen weh“, sagt James Croft. Schließ­lich sei so ein Stück Rasen ja eine Her­zens­an­ge­le­gen­heit. Auch für ihn, den Platz­wart des 1. FC Union. Croft stammt wie sein Kol­lege Cairn­cross bei Hertha von den bri­ti­schen Inseln. Croft ist Eng­länder. Schotten und Eng­länder pflegen eine Riva­lität bei so ziem­lich allem, das man sport­lich aus­tragen kann. Geeint werden sie durch den Unter­grund, sprich den Rasen. Das ist auch bei Croft und Cairn­cross so. Wenn sich am Montag der Klein­gar­ten­verein aus Char­lot­ten­burg mit dem Schre­ber­klub aus Köpe­nick auf dessen Par­zelle trifft, wird Berlin 90 Minuten auf ein Stück Grün bli­cken. Darauf, was 22 Paar Beine ver­an­stalten. Nur zwei Männer schauen auf den Rasen dar­unter. Und beten, dass alles heil bleibt.

Jedes grün ist ver­schieden

Alan Cairn­cross steht in Tarn­farbe auf dem Olym­pia­sta­di­onge­lände. Grüne Hose, grüner Pull­over, aber den zieht er aus. Dar­unter trägt er: ein grünes T‑Shirt – und das blau-weiße Hertha-Logo. Damit keiner denkt, ich arbeite bei Union“, sagt der 56-Jäh­rige mit den kurz gemähten grauen Haaren und den roten Wangen. Aber das denkt keiner: Seit 25 Jahren riecht er den Rasen auf dem Olym­pia­ge­lände. Erst beim bri­ti­schen Militär, für das er Plätze von Cri­cket bis Base­ball pflegte, dann für den Senat. Cairn­cross und seine 14 Mit­ar­beiter sorgen auch dafür, dass bei Hertha zumin­dest Sta­di­on­rasen und Trai­nings­platz erst­klas­sige Qua­lität bieten, egal in wel­cher Liga“, sagt er stolz. Das ist ein inter­na­tio­naler Rasen, darauf kann man alles spielen: Bun­des­liga, Pokal­fi­nale, Euro­pa­pokal, WM. “

Bei Spielen, sagt Cairn­cross, habe er zwei Fan­mützen auf, eine für Hertha und eine für meinen Rasen“. Am Montag wird er das Geläuf seines Kol­legen vor Ort begut­achten, ein sehr guter Rasen“, lobt Cairn­cross. Aber jedes Grün sei ja ver­schieden: anderer Son­nen­ein­fall, andere Bewäs­se­rung. Bun­des­liga-Gre­en­keeper tau­schen sich aus über so etwas, bei Fach­kon­fe­renzen wird über die neu­esten Trends und Tech­niken gefach­sim­pelt. Vor ein paar Jahren rief Croft ihn an, als er bei Union begann, gerne half er mit Tipps. Wenn es um Rasen geht, ist es egal, ob man Eng­länder oder Schotte ist“, sagt Cairn­cross. Eine Liebe, zwei Ver­eine. Die beiden tele­fo­nieren oft, sehen sich selten. Jeder wer­kelt an seinem Ende der Stadt am Auf­stieg der eigenen Saat.

Cairn­cross ist seit 25 Jahren Span­dauer, James Croft hat den Stadt­teil Köpe­nick in den ersten zwei Jahren nie ver­lassen. Es gab ein­fach zu viel zu tun“, sagt er. Croft ist ein Lebens­künstler, einer, der meist irgendwie irgendwo her­ein­rutscht und dann das Beste draus macht. Ange­fangen hat er als Tep­pich­ver­leger. Als die Knie nicht mehr mit­machten, begann er als Gre­en­keeper auf einer Golf­an­lage, später lan­dete er über den Umweg Bul­ga­rien beim 1. FC Union. Dort küm­mert er sich nun um den grünen Tep­pich. So nennen Fuß­baller und Fans den Rasen manchmal. Dafür zu sorgen, dass andere Sport treiben können, ist für Croft selbst zum Sport geworden. Man ent­wi­ckelt mit der Zeit einen Ehr­geiz, als würde man selbst spielen“, sagt er. Nur ein sattes, ebenes Grün stellt ihn zufrieden. So gesehen ist das Derby eine Fach­kon­fe­renz der eigenen Art. Am Montag werden nicht nur mehr als 16 000 Zuschauer im Sta­dion An der Alten Förs­terei zuschauen, son­dern ver­mut­lich auch Mil­lionen Men­schen an den Fern­seh­ge­räten. Unter ihnen sicher auch die Gre­en­keeper der anderen Erst- und Zweit­li­gisten. Wie würde ich denn dastehen, wenn im Rasen Löcher wären?“, fragt Croft. Dann muss er lachen. Gre­en­keeper sind lus­tige Gesellen. Beim Besuch in Köpe­nick wird sich auch Alan Cairn­cross den einen oder anderen Scherz nicht ver­kneifen können. Hey James, dein Rasen ist ja in die fal­sche Rich­tung gemäht – Hertha spielt da lang!“, nennt er als Bei­spiel.

Und Croft? Der wartet schon auf das Rück­spiel im Olym­pia­sta­dion. Anfang Februar wird das sein, ein kri­ti­scher Monat für das Grün. Cairn­cross wird im Winter alle Hände voll zu tun haben, um den Unter­grund in einen gleich guten Zustand zu bringen, wie es momentan An der Alten Förs­terei der Fall ist. Neben der stau­bigen, braunen Fläche, wo vor vier Monaten noch zwei Trai­nings­plätze waren, wird nun die neue Haupt­tri­büne gebaut. Die grüne Rasen­fläche wirkt daneben wie eine Oase. Wir sind auf einem guten Weg, das Derby kann kommen“, sagt Croft. Gerade hat er den Unter­grund gewäs­sert, in den ver­gan­genen Tagen hat es zu wenig geregnet. Viel­leicht ändert das sich jetzt bald.

Ein Auge für Löcher ist wichtig, denn man muss sie im Ansatz erkennen

Wolken ziehen auf über Vor-Derby- Berlin, Cairn­cross blickt gen Himmel – er hat immer ein Auge auf den Himmel – und sagt: Es wird in fünf Minuten regnen.“ Gre­en­keeper sein, das sei zu fünfzig Pro­zent Ahnung und zu fünfzig Pro­zent Gefühl. Er klingt fast wie ein Trainer, wenn er über seinen Rasen redet. Mein Baby, meine Saat“, sagt er, alles Eigen­ge­wächse auf dem Trai­nings­platz. Ein Auge müsse man haben, sagt er, für Löcher im Gefüge, die muss man im Ansatz erkennen, bevor sie für alle sichtbar auf­reißen. Und alles ist aus­ge­richtet auf das Spiel, da muss er topfit sein, der Platz. Im Olym­pia­sta­dion ist es Roll­rasen aus Hol­land, gut, ganz ohne aus­län­di­sche Ver­stär­kung geht es halt nicht. Der Rasen in Sta­dien ist genormt von der Deut­schen Fuß­ball-Liga, 2,8 Zen­ti­meter, im Winter darf er länger sein. Aber auf dem Trai­nings­platz haben Trainer das Sagen, mit einigen Extra­wün­schen. Das bereitet vielen Gre­en­kee­pern Kopf­schmerzen“, sagt Cairn­cross, der bei Hertha zuletzt viele ver­schie­dene Trai­ner­phi­lo­so­phien erlebte. Der eine will für schnelles Pass­spiel kurzen Rasen wie auf dem Golf­platz, der andere Wasser, Wasser, Wasser, egal ob das Gras ein­geht.“

James Croft kennt das. Weiß, wie es ist, wenn zwei Platz­pe­danten auf­ein­ander treffen. Im Gegen­satz zu seinem Kol­legen aus dem West­teil der Stadt muss er sich aber nicht ständig an neue Trainer gewöhnen. Als Croft vor etwas mehr als zwei Jahren beim 1. FC Union anfing, war Uwe Neu­haus schon da. Liebe auf den ersten Blick? Nicht wirk­lich. Croft und Neu­haus erwischten sich auf dem fal­schen Fuß, irgendwie ging es um Kaffee, ganz so genau weiß Croft das nicht mehr. Aber inzwi­schen sei das Ver­hältnis gut. Neu­haus schätze den Rasen richtig kurz, kürzer noch, als es die Norm erlaubt.

Was den Aus­gang des Spiels angeht, will sich Croft nicht fest­legen. Haupt­sache, Union zeigt, dass wir noch da sind“, sagt er. Cairn­cross tippt auf einen 1:0‑Sieg für Hertha. Aber was, wenn am Ende ein Rasen­fehler die Ent­schei­dung brächte? Jubel oder Mit­ge­fühl? Dann würde es mir leid tun für James“, sagt Cairn­cross. Denn er steht am nächsten Tag mit der Mann­schaft auf dem Platz und muss sich was anhören.“