Seite 3: „Dass ich kleener Junge vom Dorf das mal erlebe"

Nach Ihrem Wechsel zum VfL Wolfs­burg 1995 wurden Sie dann mit Ihren Toren zum Volks­helden?
Das Team, das den Auf­stieg schaffte, hatte einen groß­ar­tigen Zusam­men­halt. Im ersten Jahr wären wir bei­nahe noch abge­stiegen, aber wir waren in der Lage, uns in der Krise die Sachen gegen­seitig voll vor den Kopf zu hauen. Echte Typen: Steffen Baum­gart, Holger Ball­wanz, Detlev Dammeier, Mat­thias Maucksch, wie sie alle hießen. Nie werde ich ver­gessen, wie wir am vor­letzten Spieltag in Zwi­ckau gewannen und nicht mehr absteigen konnten. Zurück in Wolfs­burg gingen wir auf die Knei­pen­meile und kehrten schließ­lich im Alt-Berlin“ ein. Dort haben wir die längste Raupe der Welt gemacht – mit der ganzen Mann­schaft durch den Saal. Unfassbar!

Ein Jahr später schafften Sie dann mit einem 5:4‑Sieg gegen den FSV Mainz 05 den Bun­des­li­ga­auf­stieg.
Das größte Spiel meiner Lauf­bahn, wir öff­neten die Tür zur Bun­des­liga. Und ich konnte mit zwei Toren dazu bei­tragen. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich kleener Junge vom Dorf das mal erlebe. Und am Ende waren wir wieder im Alt-Berlin“.

In Wolfs­burg konnten Sie damals unbe­hel­ligt von den Medien feiern gehen?
Mit dem VfL gab es öfter gran­diose Partys, etwa der Nicht-Abstieg in der Saison 1997/98: Wir ver­loren am vor­letzten Spieltag mit 0:4 in Kai­sers­lau­tern und blieben drin.

Und die Lau­terer wurden an dem Tag vor­zeitig Deut­scher Meister.
Da ging richtig die Post ab in der Pfalz. Einige von uns hatten Lau­tern-Tri­kots ange­zogen, damit wir nicht auf­fielen. Im Café am Markt trafen wir die FCK-Spieler Jürgen Rische und Martin Wagner. Wir standen auf dem Tresen und spritzten mit Sekt. Ich glaube sogar, dass ich damals rote Hörner auf dem Kopf hatte.

In dieser Saison erlebten Sie auch einen tra­gi­schen Moment, als Sie im DFB-Pokal­spiel gegen den FC Bayern kurz vor Ende zum 3:3 zwar aus­gli­chen. Im Elf­me­ter­schießen aber ver­sagten Ihnen die Nerven und Ihr Team schied aus.
Danach habe ich nie mehr Elf­meter geschossen. Heute frage ich mich manchmal, warum ich nicht den Mumm hatte, es noch mal zu ver­su­chen. Wie viel Tore mehr hätte ich erzielen können? In Wolfs­burg hatte ich der Rück­serie 1380 Bun­des­li­ga­mi­nuten Lade­hem­mung. Die Presse zog über mich her. Wenn ich in dieser Phase einen Elfer ver­sucht hätte, wäre ich das Pro­blem wahr­schein­lich los gewesen.

Da fehlte es Ihnen an Selbst­ver­trauen?
Ich war viel­leicht bekannt für meine lockeren Sprüche, aber wenn ich wirk­lich so selbst­be­wusst gewesen wäre, wie mir viele nach­sagten, hätte ich mir auch Elf­meter zuge­traut.

Stimmt es, dass Sie dem Schieds­richter Robert Hoyzer mal ein von ihm mani­pu­liertes Spiel ver­dorben haben?
Das wurde behauptet, beweisen kann ich es nicht.

Wie geht die Geschichte denn?
Am Ende meiner Lauf­bahn spielte ich in der zweiten Mann­schaft des VfL. Hoyzer pfiff unser Regio­nal­li­ga­heim­spiel gegen For­tuna Düs­sel­dorf. Später hieß es, seine Hin­ter­männer hätten auf einen Sieg für For­tuna gesetzt. Im Nach­hinein deu­teten einige seiner Ent­schei­dungen auch darauf hin. Bis zur 89. Minute führte Düs­sel­dorf mit 0:1, aber dann tippte mir plötz­lich der Ball auf den Kopf und zap­pelte im Netz. Und wir behielten einen Punkt bei uns.

Trotz aller Erfolge, ein Län­der­spiel­ein­satz erscheint nicht in Ihrer Sta­tistik.
Moment, ich habe immerhin ein Län­der­spiel für die U18 der DDR gemacht. (Lacht.) Und ich war der ein­zige Spieler, der nach dem Match das Trikot nicht behalten durfte. Dabei hätte ich das DDR-Hemd gern in meiner Samm­lung.

Und Horst Hru­besch berief Sie 1999 einmal in die A2-Natio­nalelf.
Bei­nahe hätte ich noch einen zweiten Ein­satz bekommen, aber ich habe von der Beru­fung nichts mit­ge­kriegt.

Wie bitte?
Als die A2 einige Monate später gegen Frank­reich spielte, sagten kurz­fristig etliche Spieler ab und der DFB wollte mich nach­no­mi­nieren. Ich war aber nach einem Bun­des­li­ga­match für den HSV an den Tim­men­dorfer Strand gefahren und hatte mein Handy aus­ge­stellt, um etwas abzu­schalten. Als ich tags drauf mit der Bild“-Zeitung im Strand­korb liege, lese ich die Schlag­zeile: Alle suchen Präger!“ Ich dachte nur: Was ist denn los, ich bin doch hier?“ Die konnten mich ein­fach nicht errei­chen.

Sie klingen recht zufrieden. Haben Sie aus Ihren Mög­lich­keiten als Fuß­baller alles raus­ge­holt?
Aber klar! Ich Pimpf vom Dorf habe es bis in die Bun­des­liga geschafft. Ich habe 42 Erst­li­ga­tore geschossen und zwei Mal das Tor des Monats“. Beim ersten gegen Köln drehte sich der Ball aus 20 Metern genau in den Winkel. Und soll ich Ihnen was sagen: Ein Jahr später gegen den VfB Stutt­gart habe ich das­selbe Tor iden­tisch noch einmal erzielt. Mehr war wirk­lich nicht drin.