Seite 2: „Im Fernsehen wirkst du viel größer“

In Ihrer zweiten Saison mit der Lizenz­mann­schaft von Stahl Bran­den­burg spielten Sie in der 2. Liga Nord um den Klas­sen­er­halt. Eine ziem­lich ver­rückte Saison, an deren Ende das Team abstieg.
Irgend­wann war der Wurm drin. Wir hatten ins­ge­samt vier Trainer über die gesamte Spiel­zeit, unter anderem den bekannten Hand­ball­trainer Helmut Kos­mehl. Bei seiner ersten Ein­heit betrat er mit einem rie­sigen Ghet­to­blaster den Platz. Er stellte das Ding an und es schallte ohren­be­täu­bend Kool & the Gang“ aus den Boxen. Wir guckten ver­wun­dert, aber der Coach meinte, wir sollten jetzt alle tanzen. Erst glaubten wir, es sei nur ein kurzes Auf­wärm­pro­gramm und haben ein biss­chen geschwoft, aber als das Theater nach zehn Minuten noch immer nicht vorbei war, haben wir das von uns aus abge­bro­chen.

Nach dem Abstieg wech­selten Sie zu For­tuna Köln.
Eigent­lich hatte ich einen Ver­trag als Jung­profi bei Stahl unter­schrieben, aber meine Frau meinte, wir sollten uns das mal anhören. Also fuhren wir rüber. For­tuna-Mäzen Jean Löring wusste natür­lich, wie er es macht. Er begrüßte uns in seinem Haus an einem edlen Eichen­tisch vor einer fetten Schrank­wand. Als erstes übergab er uns einen Prä­sent­korb, griff sich einen Bier­de­ckel, schrieb ein paar Zahlen drauf, zeigte ihn mir und sagte: Jung, überleg et dir!“

Und Sie?
Was drauf­stand, gefiel mir.

Weil es das Vier­fache war?
Nein, wenn’s hoch kam, war es viel­leicht ein Tau­sender mehr als in Bran­den­burg.

Haben Sie unter­schrieben?
Wir hatten uns fest vor­ge­nommen, nicht gleich zu unter­schreiben, aber als wir die Treppe run­ter­gingen, lagen die Ver­träge unter­schrifts­fertig bereit.

Sie sind schwach geworden.
Na klar. Erst als wir zurück in Bran­den­burg waren, kamen wir ins Grü­beln. Aber der Ver­trag bei Stahl war wegen des Abstiegs unwirksam – so gab’s keine Pro­bleme.

Wie kamen Sie mit Jean Löring aus?
Ein toller Mensch für einen jungen Typen wie mich. Wenn wir schlecht spielten, stand er in der Kabine und brüllte uns zusammen, aber von ihm habe ich viel dar­über gelernt, wie man sich durch­setzt. Er konnte unheim­lich herz­lich sein. Wenn ich an seinem Büro vor­bei­ging, stand die Tür immer offen: Eh, Jung, komm mal rein.“

Sie spielten drei Jahre für For­tuna, obwohl eigent­lich der 1. FC Köln Ihr Lieb­lings­klub war?
Das lag daran, dass ich als Kind in einem West­paket einen Sti­cker mit dem Geiß­bock gefunden hatte. Damals spielte der FC noch um die Meis­ter­schaft mit, des­wegen war ich auto­ma­tisch Fan.

In den Kölner Jahren wurden Sie von der Bun­des­wehr ein­ge­zogen.
Bei For­tuna meinten alle, ich bräuchte mir keine Sorgen zu machen, die würden mich gleich wieder gehen lassen, wenn ich sage, dass ich Fuß­baller sei. Also ging ich zur Kaserne in Köln-Lon­ge­rich und sagte: Ich komm von For­tuna Köln und müsste dann mal wieder los.“ Und die: Nix da, Sie machen erst mal sechs Wochen Grund­aus­bil­dung.“ So weit reichte Jean Lörings Ein­fluss also doch nicht.

Im Westen hat Sie das Militär doch noch gekriegt.
War nicht so schlimm. Für den Rest der 15 Monate kam ich zur Sport­för­der­gruppe und spielte mit Markus Babbel und Niels Bahr in der Bun­des­wehr-Natio­nalelf. Hart war nur unser Biwak im Januar. Die Jungs auf der Stube rissen vorher schön die Klappe auf: Das ziehen wir richtig schön durch.“ Am Ende aber war ich der Ein­zige, der die vier Tage durch­hielt. Die anderen mel­deten sich nach und nach mit Husten ab, nachdem wir die schüt­zenden Bäume wegen der Kälte ver­feuert hatten.

In Köln bekamen Sie den Spitz­namen Chan­centod“.
Den habe ich mir selbst gegeben.

Warum das denn?
Weil es wie ver­hext war, wie viel Pech ich hatte. Gegen den 1. FC Nürn­berg habe ich mal aus 30 Zen­ti­me­tern einen Ball gegen den Pfosten geköpft, von dort sprang er von einem Balken zum nächsten und am Ende wieder raus.

Sie haben nicht unbe­dingt das Gar­demaß eines Stür­mers.
Ich bin 1,74 Meter. Ich war schnell, giftig und spritzig, nur ein Kopf­bal­lun­ge­heuer war ich sicher nicht. Wenn mich damals Fans foto­gra­fieren wollten, hörte ich oft: Im Fern­sehen wirkst du viel größer.“