Wenn irgendwo – egal ob in der Politik, der Wirt­schaft, der Kultur oder dem Sport – eine lange Ära zu Ende gegangen ist und eine neue Zeit beginnt, dann kommt natur­gemäß recht schnell die Fragen auf, was sich denn jetzt eigent­lich genau ver­än­dert hat und was viel­leicht immer noch so ist, wie es vorher war.

Auch Hansi Flick, der neue Bun­des­trainer, bewegt sich nicht los­ge­löst im geschichts­freien Raum. Sein Wirken steht in direktem Zusam­men­hang zu der Arbeit seines Vor­gän­gers Joa­chim Löw, der immerhin 15 Jahre lang in lei­tender Funk­tion bei der deut­schen Fuß­ball-Natio­nal­mann­schaft tätig war.

Immer noch zu mas­siven Schwan­kungen fähig

Zwei Län­der­spiele liegen nun hinter dem neuen Bun­des­trainer. Einiges ist neu, anderes hat den Zei­ten­wechsel über­lebt. Die Natio­nal­mann­schaft ist offenbar immer noch zu mas­siven Schwan­kungen in ihren Leis­tungen fähig, wie es auch in der End­phase der Ära Löw der Fall war.

Schien der Sturz in die inter­na­tio­nale Bedeu­tungs­lo­sig­keit nach dem dürren 2:0 gegen Liech­ten­stein kaum noch zu ver­hin­dern zu sein, so war das Team nur drei Tage später nach dem überaus beschwingten 6:0‑Erfolg gegen Arme­nien quasi schon wieder Welt­meister.

Das war jetzt nicht der Über­gegner, auf den wir in einem Achtel- oder Vier­tel­fi­nale einer WM treffen“

Timo Werner über Armenien

Ein biss­chen Mitte kann nicht schaden, weder der Mann­schaft in ihren Leis­tungen, noch dem Umfeld in den Bewer­tungen dieser Leis­tungen. Das war jetzt nicht der Über­gegner, auf den wir in einem Achtel- oder Vier­tel­fi­nale einer WM treffen“, sagte Timo Werner, der am Sonn­tag­abend in Stutt­gart eines der sechs Tore zum Sieg gegen die Arme­nier erzielt hatte.

Und trotzdem: Dieses Spiel hatte einen hohen Unter­hal­tungs­wert. Die Träg­heit war plötz­lich wie weg­ge­blasen. Das Team hatte Spaß an der Offen­sive, Spaß an der eigenen Stärke und Spaß am Plan ihres Trai­ners. Es war fast ein biss­chen sur­real, dass die Deut­schen die durchaus berech­tigte Kritik an ihrer harm­losen Offen­sivdar­bie­tung gegen Liech­ten­stein mit einem regel­rechten Offen­siv­feu­er­werk gegen Arme­nien kon­terten.

Flicks Anspruch

Bun­des­trainer Flick hatte seinen Spie­lern den Auf­trag erteilt, dass wir ein­fach einen Fuß­ball spielen, der begeis­tert, der Freude macht, Freude auf mehr. Das war der Fall. Nicht mehr und nicht weniger.“ Auch wenn Arme­nien letzt­lich kein Maß­stab war, soll eben dieser Auf­tritt gegen Arme­nien für die Deut­schen fortan sehr wohl der Maß­stab sein. Solche Leis­tungen nicht nur punk­tuell, son­dern dau­er­haft abzu­rufen – das ist Flicks Anspruch an seine Mann­schaft. Es gilt ein­fach, dass wir kon­stant auf einem hohen Level per­formen“, sagte Mit­tel­feld­spieler Leon Goretzka.

Das Spiel in Stutt­gart lie­ferte erste Hin­weise darauf, wie das funk­tio­nieren kann. Dass die Natio­nal­mann­schaft mit struk­tu­rellen Pro­blemen zurecht­kommen muss, ist nicht neu. Es fehlt an Außen­ver­tei­di­gern von inter­na­tio­nalem Format, genauso an echten Mit­tel­stür­mern. Aber zumin­dest gegen Arme­nien fand Flick ein System, das die Stärken akzen­tu­ierte und damit die Defi­zite mehr als über­spielte: Aus dem 4−2−3−1 gegen den Ball wurde mit dem Ball eine Art 3 – 4‑3-System mit vielen tech­nisch begabten und kom­bi­na­ti­ons­si­cheren Spie­lern in der vor­dersten Linie.

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