Julian Draxler, bedauern Sie es manchmal, nicht 20, 30 Jahre vorher ein pro­mi­nenter Fuß­baller geworden zu sein?
Nein, warum?

Die Stars von damals erzählen, dass sie ganz normal leben konnten. Und dass vieles unter dem Deckel blieb – selbst, wenn mal einer ver­sumpft war.
Ah, okay. Aber ich kenne es ja nicht anders als es heute ist. Ich weiß, dass ich auf­passen muss, weil alle Leute ihre Kame­ra­handys parat haben.

Selbst wenn Sie in Gel­sen­kir­chen oder Ihrer Hei­mat­stadt Glad­beck ein­kaufen, werden Sie foto­gra­fiert oder gefilmt.
Ich finde es immer nett, wenn die Leute vorher fragen. Manchmal setze ich mir aber auch ein Käppi auf und ziehe es tief ins Gesicht. Und es kommt natür­lich vor, dass man beim Drei­ßigsten, der ein Foto mit mir machen will, nicht mehr so freund­lich ist wie beim Ersten. Ich denke, das ist mensch­lich. Und ganz gene­rell ist es doch eine Freude, dass die Leute einen mögen.

Eine nor­male Jugend aber können Sie, dem vielen Geld zum Trotz, nicht leben.
Ja, es ist schon so, dass ich kein nor­maler Teen­ager bin. Ich kann es mir nicht leisten, auch mal Mist zu bauen wie meine Kum­pels. Aber ich will mich auf keinen Fall beklagen. Dafür konnte ich meine größte Lei­den­schaft zum Beruf machen.

Jer­maine Jones hat fest­ge­stellt, dass der Trend dahin geht, dass junge Spieler keine Ecken und Kanten mehr haben. Hat er Recht? Dürft Ihr viel­leicht gar nicht mehr ori­gi­nelle Typen sein?
Jer­maine hat da schon ein biss­chen Recht. Die jungen Spieler wachsen ja früh in ihre Rolle hinein und wissen zum Bei­spiel, wie man mit Medien umgeht. Ich habe aber nicht vor, mich zu ver­ste­cken. In einer kri­ti­schen Phase kann auch mal etwas von mir kommen, das man nicht erwartet hat. Ich stelle mich auf jeden Fall der Ver­ant­wor­tung.

Früher mussten Talente den Koffer tragen und die Klappe halten. Weil junge Spieler viel schneller auf­steigen als früher, haben sich auch die Hier­ar­chien ver­schoben.
Ja, das ist auf­grund der Ent­wick­lung wohl so. Meiner Mei­nung nach läuft es aber zum Teil ein wenig in die fal­sche Rich­tung. Ich rede jetzt nicht von unserer Mann­schaft, son­dern ganz gene­rell vom Pro­fi­fuß­ball: Der eine oder andere Jün­gere lässt den Respekt vor den Älteren ver­missen. Viel­leicht auch, weil die Jün­geren nicht mehr alleine sind. Ein Ein­zelner würde sich eher zurück­halten.

Chris­toph Met­zelder hat mal gesagt, den jün­geren Spie­lern täte mehr Demut gut.
Das würde ich gene­rell unter­strei­chen.

Sie gehören jetzt sogar dem Mann­schaftsrat an.
Aber ich werde keine großen Reden schwingen. Ich werde zwar meine Mei­nung sagen, aber immer in respekt­vollem Ton.

Sie sind auch vom Verein in eine Star-Rolle gedrängt worden. Schalke-Chef Cle­mens Tön­nies sagt, Julian Draxler sei das Gesicht von Schalke, und nach Ihrer Ver­trags­ver­län­ge­rung bis 2018 wurden Klein­laster mit diesem Gesicht durchs ganze Revier geschickt.
Das ist doch eine Aus­zeich­nung, wenn sich der Verein freut, weil ich weiter für Schalke spiele, ich freue mich ja auch dar­über. In die Ver­ant­wor­tung genommen werde ich natür­lich vor allem durch meine Rolle auf dem Platz.
Der gesamte Verein hat gezit­tert, als in diesem Sommer die Super-Ange­bote von euro­päi­schen Top-Ver­einen ein­gingen. Konnten Sie selbst ruhig bleiben?
Wenn man so etwas hört, bekommt man schon einen höheren Puls­schlag – bei den Ver­einen, bei den Summen, die da gehan­delt wurden. Aber man muss Distanz und Ruhe bewahren, des­halb habe ich auch die rich­tige Ent­schei­dung getroffen.

Ablö­se­summe, Gehalts­an­ge­bote – es geht immer um viele Mil­lionen Euro. Wie hält man mit 19 Jahren die Last der großen Zahlen aus?
Mein Rezept dagegen ist ein­fach. Ich ver­suche, mich auf den Fuß­ball zu kon­zen­trieren und jeden Tag Spaß daran zu haben. Natür­lich wächst der Druck. Ich weiß aber auch, dass meine Familie und meine Freunde immer zu mir stehen. Sie sind eine Rie­sen­stütze.

Wel­chen Luxus gönnen Sie sich, und wann sind Sie bescheiden?
Wel­chen Luxus gönne ich mir? Da muss ich mal über­legen. Wenn ich Urlaub mache, dann richtig, dann schaue ich auch nicht aufs Geld. Auch bei Klei­dung gucke ich nicht auf jeden Euro, ohne Unsummen dafür aus­zu­geben. Aber ich muss nicht in teure Restau­rants gehen, ich esse am liebsten bei Mama.

Es wird der Tag kommen, an dem Sie Schalke 04 ver­lassen werden. Wenn man die Bei­spiele Manuel Neuer und Mario Götze mit all ihren nega­tiven Begleit­erschei­nungen sieht: Wird es am Ende eine Frage des Stils und der Offen­heit sein, ob Sie dann durch Schalkes Vor­der­ein­gang gehen können?
Zunächst einmal ist es ja nicht in Stein gemei­ßelt, dass ich Schalke ver­lassen werde. Aber ich war von Anfang an ehr­lich und habe immer gesagt, dass es mein Traum ist, viel­leicht auch mal bei einem der ganz großen Klubs in Europa zu spielen. Wenn es pas­sieren sollte, wäre ich des­halb schon ent­täuscht, wenn die Fans mir das übel nehmen würden. Ich habe immer mit offenen Karten gespielt.

Wer bei­spiels­weise zu Real Madrid wech­selt, muss auch damit rechnen, dass sich drei Top-Spieler um eine Posi­tion bewerben. Nuri Sahin, der beste Dort­munder der Meis­ter­saison 2010/2011, ist zurück­ge­kehrt. Spielen solche Über­le­gungen für Sie eine Rolle?
Jein. Es ist ja keine Schande, dass es Nuri bei Real nicht auf Anhieb geschafft hat. An seiner Stelle würde ich nichts bereuen, er hat doch auch wich­tige Erfah­rungen gesam­melt.

Am Samstag kommt Real-Ikone Raúl zurück in die Arena. Ihr Kon­takt zu ihm ist nie abge­rissen, seit er in Katar spielt. Wie kam es dazu?
Als er ging , habe ich ihn vor­sichtig gefragt, ob er mir eine Handy-Nummer und eine Mail-Adresse geben könnte. Er hat mich auf Schalke so sehr unter­stützt, dass es mir wichtig war, auch wei­terhin die Mei­nung eines so erfah­renen Welt­klasse-Spie­lers zu hören. Er hat sich immer mal wieder gemeldet. Es macht mich stolz, mit ihm zusammen auf dem Platz gestanden zu haben.