Der gemein­same Fern­seh­abend ging sehr abrupt zu Ende. Nach den beiden ver­schos­senen Elf­me­tern der Bayern im Cham­pions-League-Finale gegen den FC Chelsea kehrte im Team­hotel der deut­schen Fuß­ball-Natio­nal­mann­schaft in Tour­rettes große Stille ein. Die Nie­der­lage der Münchner könnte auch für die Natio­nal­mann­schaft und ihre Ambi­tionen auf den EM-Titel Kon­se­quenzen haben. Immerhin stehen acht Spieler der Bayern im vor­läu­figen EM-Kader von Bun­des­trainer Joa­chim Löw.

Wenn es nach Joa­chim Löw geht, hat es das Cham­pions-League-Finale nicht gegeben.

Am Morgen danach steht der Bun­des­trainer auf dem Trai­nings­platz und fragt, detail­ver­sessen wie er ist, den Bremer Tor­hüter Tim Wiese nach dessen Kör­per­ge­wicht. 91“, ant­wortet Wiese. Damit wäre geklärt, wie rasch der Über­gang zum Alltag hier voll­zogen werden soll. Auch Bier­hoff, eine Art Außen­mi­nister der deut­schen Dele­ga­tion, will keine nega­tiven Nach­wir­kungen erkennen. Die Nie­der­lage nage kei­nes­wegs am Selbst­be­wusst­sein der Gruppe. Die Bayern hätten Groß­ar­tiges geleistet in dieser Saison, sie seien in allen Wett­be­werben bis zum Ende im Rennen gewesen.

Aber klar, natür­lich wären die Bayern im umge­kehrten Fall mit sehr viel mehr posi­tiver Energie zur Natio­nal­mann­schaft gestoßen. Nach der großen Anspan­nung tritt jetzt einen gewisse Leere ein“, sagt Bier­hoff, da weiß man als Spieler erst einmal nicht, wie man gleich wieder neue Kräfte auf­bringen kann.“ Man müsse den Bayern nun ein paar Tage Luft und Zeit geneh­migen. Ich bin über­zeugt, dass wir sie hier richtig auf­fangen werden. Immerhin können sie ja noch einen wich­tigen Titel gewinnen.“

Viel­leicht hatte Joa­chim Löw schon eine Ahnung. Vor einer Woche, am Anfang der Vor­be­rei­tung, hat er sich erstaun­lich offen über mög­liche Folgen einer Bayern-Nie­der­lage geäu­ßert. Das wäre ein Tief­schlag für unsere Spieler“, hatte Löw gesagt und mit dem Gedanken gespielt, den Münch­nern zwei, drei Tage mehr frei zu geben. Sicher ist, dass die Bayern am Dienstag mit ihrem Klub noch das Freund­schafts­spiel gegen Hol­land bestreiten. Über diesen Termin war man bei der deut­schen Natio­nal­mann­schaft nie begeis­tert. Einen Sinn habe ich in diesem Spiel noch nie gesehen“, sagt Bier­hoff. Der sport­liche Stel­len­wert ist gleich null.“

Nach bis­he­riger Pla­nung sollen die Münchner Freitag in Süd­frank­reich ein­treffen. Tags darauf fliegt die Natio­nal­mann­schaft zum Test­spiel gegen die Schweiz nach Basel. Ich gehe nicht davon aus, dass allzu viele Bayern mit­reisen werden“, sagt Bier­hoff. Die Details sollen in den nächsten Tagen geklärt werden, in Rück­sprache mit den Bayern-Spie­lern. Es ist doch klar, dass man da heute Morgen nicht anruft“, hat Bier­hoff am Sonntag gesagt.

Die Luft­ver­än­de­rung wird einiges bewirken. Und natür­lich das Bin­nen­klima im Natio­nal­team. Spä­tes­tens bei der EM werden die Bayern in der Lage sein, Höchst­leis­tungen auf­zu­bringen. Glaubt Bier­hoff. Wir müssen Bas­tian Schwein­s­teiger zeigen, dass es kein Drama ist, einen wich­tigen Elf­meter zu ver­schießen.“ Das sei schon anderen pas­siert, Lionel Messi etwa. Die Last, für die Nie­der­lage ver­ant­wort­lich zu sein, werde man Schwein­s­teiger nicht auf­er­legen, sagt Bier­hoff. Da sehe ich gar kein Pro­blem, eher schon, was ein Spieler wie er von sich selbst erwartet.“ Aber es gebe auch keinen Zau­ber­trank, und man solle nicht denken, dass sich das von heute auf morgen erle­digt habe. Jeder Spieler brauche seine Zeit und seine Ansprache. Im Bedarfs­fall steht in Hans-Dieter Her­mann ein Psy­cho­loge zur Ver­fü­gung, der die Natio­nal­mann­schaft seit Jahren begleitet und das Ver­trauen der Spieler genießt.

Zweiter in der Bun­des­liga, Ver­lierer im Pokal­fi­nale und im End­spiel der Cham­pions League – was die Bayern gerade erleben, ist 2002 auch den Spie­lern von Bayer Lever­kusen wider­fahren. Jörg Butt, Carsten Ramelow, Michael Bal­lack, Bernd Schneider und Oliver Neu­ville reisten als drei­fache Vizes zur WM nach Japan und Süd­korea. Oliver Bier­hoff, damals Kapitän der Natio­nalelf, meint sich jedoch zu erin­nern, dass ihnen diese Serie an Miss­erfolgen nicht so nach­ge­hangen“ habe: Der Vor­teil ist, dass man bei einem Tur­nier unglaub­lich fokus­siert ist und alles andere aus­blendet.“

Dass die Lever­ku­sener auch in Asien Zweiter wurden, war gemessen an den vor­he­rigen Erwar­tungen eher als Erfolg zu werten. Nicht ver­gleichbar ist die aktu­elle Situa­tion mit der vor zwei Jahren, als die Bayern eben­falls das Finale der Cham­pions League ver­loren hatten – aller­dings waren sie gegen Inter Mai­land nicht so favo­ri­siert wie gegen Chelsea. Zudem hatten sie das Double gewonnen und waren für ihr furioses Spiel gefeiert worden. Diesmal steckt der Frust tiefer.

Nicht zwin­gend etwas Schlechtes. Die Münchner werden bald erkennen, dass sie die Saison noch mit einem Titel krönen können. Außerdem haben die fünf Dort­munder dank ihrer Erfolge in Meis­ter­schaft und Pokal sehr viel posi­tive Energie und großes Selbst­ver­trauen mit­ge­bracht. Ges­tern Abend sind Mesut Özil und Sami Khe­dira zum deut­schen Tross gestoßen. Beide sind mit Real Madrid Meister geworden. Auch an ihnen wird sich der eine oder andere auf­richten können. Oder wie es Joa­chim Löw sagt: Ich kenne die Spieler. Es wird ein paar Tage dauern. Aber sie werden sich wieder auf­raffen.“

Ich glaube, das Aus­land hat immer noch großen Respekt vor uns“, sagt Bier­hoff, ins­ge­samt sei die Ent­wick­lung des deut­schen Fuß­balls wei­terhin positiv. Das ist sicher richtig, genauso richtig ist aber, dass die Deut­schen seit dem Cham­pions-League-Tri­umph der Bayern vor elf Jahren keinen Titel mehr geholt haben, weder mit einem ihrer Ver­eine noch mit der Natio­nal­mann­schaft. Ins­ge­samt sieben End­spiele haben sie seitdem bei WM (2002), EM (2008) und im Euro­pacup (Lever­kusen 2002, Dort­mund 2002, Bremen 2009 und Bayern 2010, 2012) ver­loren. Mat­thias Sammer, Sport­di­rektor des Deut­schen Fuß­ball-Bundes, ist des­wegen schon länger in Sorge: Wozu gibt der DFB sein Geld für Nach­wuchs­för­de­rung aus? Doch nicht dafür, dass wir zuschauen, wie die anderen den Pokal in den Händen halten? Das emp­finde ich als per­sön­liche Belei­di­gung.“

Für Sammer ist die Gier nach Titeln wesent­li­cher Bestand­teil einer umfas­senden Aus­bil­dung. Die Löw-Frak­tion gilt eher als Anhänger eines ästhe­ti­schen Ansatzes. Doch jetzt sagt auch Oliver Bier­hoff: Schön spielen ist wichtig, aber die Spieler müssen natür­lich auch lernen, effi­zient zu sein.“ Der Manager der Natio­nal­mann­schaft glaubt daher, dass die Nie­der­lage der Bayern ein Warn­schuss für die EM“ sein könne. Sie hat gezeigt, dass man als Favorit auch gegen tech­nisch min­der­be­mit­telte Mann­schaften ver­lieren kann. Da müssen wir auf­passen.“