Seite 2: Was wird aus Real ohne Ramos?

Auch optisch ver­kör­pert Sergio Ramos das Bild eines Krie­gers. Er trägt Voll­bart und lange Haare. Dazu der voll­tä­to­wierte Körper. Ramos könnte auch der Front­sänger einer Hard-Rock-Band sein. Wäh­rend der Spiel­pause zu Beginn der Corona-Pan­demie sah man ihn im Kraft­raum Gewichte stemmen und unter größter Hitze stau­bige Hügel hin­auf­rennen. Nicht nur auf dem Fuß­ball­platz geht Ramos über seine Grenzen hinaus. Er ist der Spieler, der dem FC Bar­ce­lona viel­leicht fehlt, um wieder zurück an Europas Spitze zu kommen. Eigent­lich wäre er der ideale Spieler für Diego Simeone, Trainer von Reals Stadt­ri­vale Atlé­tico Madrid. Ramos ist die Iden­ti­fi­ka­ti­ons­figur für alle, die mit dem schönen Spiel frem­deln. Wobei der Rechtsfuß kei­nes­falls ein schlechter Fuß­baller ist. Er paart Schnel­lig­keit mit einem guten Stel­lungs­spiel. Auch die Spiel­eröff­nung ist mehr als nur respek­tabel. Alles sport­liche Gründe, wes­halb Ramos über 16 Jahre Stamm­spieler bei Real und der Natio­nal­mann­schaft war. In Erin­ne­rung bleiben werden aber immer seine spek­ta­ku­lären Zwei­kämpfe sowie der Sie­ges­wille, der ihm immer ins Gesicht geschrieben steht. Diese men­tale Stärke hat nicht nur einmal Berge ver­setzt. Ohne Ramos hätte Real wohl kaum viermal die Cham­pions League gewonnen.

Wer kann Ramos ersetzen?

Den­noch hat Real ent­schieden, sich von der Ver­eins­le­gende zu trennen. Ver­let­zungs­be­dingt stand Ramos in dieser Saison nur 15 Mal in LaLiga auf dem Platz. Der gebür­tige Anda­lu­sier hatte sich eine Ver­trags­ver­län­ge­rung um zwei Jahre gewünscht, Real bot jedoch nur ein Jahr, zudem mit Gehalts­kür­zungen. Ramos zögerte, am Ende zog der Verein auch das Angebot über eine Ver­län­ge­rung über ein Jahr zurück. Sein Traum, die Kar­riere bei den König­li­chen zu beenden, ist geplatzt. Ich werde Real immer in meinem Herzen tragen“, machte Ramos die Bedeu­tung des Klubs in seiner Abschieds­rede deut­lich. Nach seinem Kar­rie­re­ende will er in anderer Funk­tion wieder zurück­kehren.

Trotzdem könnte sich die Tren­nung noch als großer Fehler für Real erweisen. David Alaba soll Ramos ersetzen und zukünftig gemeinsam mit Raphaël Varane die Innen­ver­tei­di­gung bilden. Sport­lich sollte der Öster­rei­cher den Spa­nier min­des­tens gleich­wertig ersetzen können. Aber in puncto Men­ta­lität und Füh­rungs­qua­lität geht der Mann­schaft von Real einiges ver­loren. Schon den Ehr­geiz eines Cris­tiano Ronaldo konnte Real nach dessem Abschied zu Juventus Turin nicht ersetzen, nun ver­lässt mit Ramos der zweite Men­ta­li­täts­spieler den Verein. Die über­al­terte Mann­schaft droht ohne ihren ehe­ma­ligen Kapitän weiter an Gesicht und Format zu ver­lieren. Ein Nach­folger inner­halb der Mann­schaft ist nicht in Sicht, dafür sind andere Leis­tungs­träger wie Kroos, Modrić oder Ben­zema ein­fach nicht die rich­tigen Cha­rak­tere. Der Abschied von Ramos könnte sich für Real noch rächen.

Schließ­lich denkt der 35-Jäh­rige noch nicht an das Kar­rie­re­ende. Inter­na­tio­nale Top­ver­eine stehen wei­terhin Schlange, PSG scheint die besten Karten zu haben, den ablö­se­freien Ramos unter Ver­trag zu nehmen. Min­des­tens zwei Jahre wird er wohl noch auf dem Platz stehen. Wenn der Körper mit­macht, wohl noch etwas länger. Man hat nicht das Gefühl, dass das Lebens­werk von Ramos schon voll­bracht ist. Nach einer Som­mer­pause ohne großes Tur­nier wird er mit einem euro­päi­schen Top­verein wieder Angriff auf Europas Krone nehmen. Real konnte immer froh sein, Ramos in den eigenen Reihen zu haben. Nun könnten sie als Gegner auf ihn treffen und am eigenen Leib erfahren, wie unan­ge­nehm und schmerz­haft das sein kann.