Tito Vil­a­nova ist tot.

So schwer es fallen mag – erin­nern wir uns an eine Szene aus dem spa­ni­schen Supercup zwi­schen dem FC Bar­ce­lona und Real Madrid am 18. August 2011, einem 33 Grad heißen Som­mer­abend im Camp Nou, als die Welt noch in bester Unord­nung war.

Mar­celo foult Cesc Fab­regas vor der Coa­ching Zone aufs Bru­talste und fliegt vom Platz. Gera­dezu reflex­artig bricht ein Hand­ge­menge aus, das, wie die Süd­deut­sche Zei­tung“ tags drauf schreiben wird, bei jeder klei­neren Stu­den­ten­demo den Ein­satz eines Son­der­ein­satz­kom­mandos mit Trä­nengas und Was­ser­wer­fern zur Folge gehabt hätte“. Mit­ten­drin: Jose Mour­inho und Tito Vil­a­nova, Assis­tent des dama­ligen Barca-Trai­ners Pep Guar­diola. Mour­inho pirscht sich von hinten an Vil­a­nova heran, will ihm ins Ohr kneifen, sticht ihm aber ins Auge. Vil­a­nova revan­chiert sich mit einem kräf­tigen Schubser.

Ein jahr­zehn­te­altes Drama, das nie fad wird

Nach dem Spiel, auf der Pres­se­kon­fe­renz, behauptet Jose Mour­inho, er kenne keinen Tito Vil­a­nova, nur um ihn gleich darauf Pito“ zu nennen, das ist ein spa­ni­sches Slang­wort für Penis. Der Ver­band sperrt ihn für zwei Super­cup­spiele, ein Jahr später wird die Sperre auf­ge­hoben. Der FC Bar­ce­lona gei­ßelt diese Ent­schei­dung, denn sie sende ein fatales Signal: Aggres­sionen blieben im Fuß­ball offenbar unge­sühnt.

Es war klas­sisch: Hier die bösen Madri­lenen, da die edlen Kata­lanen. Ein jahr­zehn­te­altes Drama um Erb­feind­schaft, das nie fad wird. Der Text saß bei beiden. 

Doch Tito Vil­a­nova, inzwi­schen Chef­trainer des FC Bar­ce­lona, sagte etwas, das nicht im Manu­skript stand. Es war nicht pathe­tisch, nicht mar­tia­lisch. Er hege keinen Groll mehr gegen Mour­inho, so Vil­a­nova. Viel­mehr ermüde ihn die Tat­sache, dass er nach über einem Jahr immer noch über den Vor­fall spre­chen müsse. Und dann fügte er hinzu: Die größte Strafe für Mour­inho ist doch, dass all diese Bilder, die ihn als Aggressor zeigen, sehr lange Bestand haben werden.“

Das war weise. Das war groß. Das wies über den nächsten Spieltag hinaus, den Hori­zont also, den die Prot­ago­nisten des Fuß­balls, auch und gerade des Clá­sicos, gemeinhin über­bli­cken können. Und Psy­cho­ter­ro­rist Mour­inho stand – auch wann das nicht einmal Vil­a­novas vor­derste Absicht gewesen war – da wie ein kaum mehr ernst­zu­neh­mendes Rum­pel­stilz­chen.

Bar­ce­lona gewann in der fol­genden Saison die Meis­ter­schaft mit 100 Punkten – 15 vor Real, das sich sodann ein­ver­nehm­lich von Mour­inho trennte. Von Dezember an hatte Vil­a­nova seine Mann­schaft von einem New Yorker Kran­ken­haus aus betreuen müssen, per Telefon, per Skype. Er war zum zweiten Mal an Krebs erkrankt. Die Meis­ter­tro­phäe stemmte er, zurück im Camp Nou und ver­meint­lich geheilt, gemeinsam mit Eric Abidal empor. Der Ver­tei­diger war eben­falls gerade vom Krebs genesen und stand seit April wieder auf dem Platz. Wir werden auf dich warten“, hatte Vil­a­nova ihm zu Beginn der Spiel­zeit vom Camp Nou aus zuge­rufen. So lang es auch dauern mag.“

Vil­a­nova und Abidal: Auch dieses Bild wird sehr lange Bestand haben. Es hängt frei­lich in einem anderen, stil­leren Teil des Museums. Man wird es sich ansehen und an Tito Vil­a­nova denken. Den weisen, großen Trainer. Den Mann, der hinter den Hori­zont blickte. Der den Fuß­ball liebte und so ernst nahm wie kaum ein anderer. Aber der wusste, was es wirk­lich bedeutet, wenn es um Leben und Tod geht.

Der FC Bar­ce­lona sei, so heißt es, mehr als ein Klub. Tito Vil­a­nova war mehr als ein Trainer. Wie viel mehr, das können wir nur ahnen. Erfahren werden wir es nicht mehr. Am 19. Juli 2013, sechs Wochen nach dem Gewinn der Meis­ter­schaft, trat Vil­a­nova zurück. Der Krebs war erneut aus­ge­bro­chen.

Am Freitag ver­gan­gener Woche starb Tito Vil­a­nova in Bar­ce­lona. Er wurde 45 Jahre alt. Er hat“, sagt Andoni Zubi­zar­reta, Sport­di­rektor des FC Bar­ce­lona, diesen Verein erst mensch­lich gemacht.“