Seite 2: Urvater der Bundesliga-Berufsjugendlichen

Scholl war auf vielen Ebenen und für viele ver­schie­dene Gruppen der große Licht­blick in den dunklen Jahren des deut­schen Fuß­balls. Die Leute, die man bald Hipster nennen würde, waren begeis­tert davon, dass ein bekannter Bun­des­li­ga­spieler Indie­rock hörte und Nick Hornby las. An den baju­wa­ri­schen Stamm­ti­schen, wo man über solche Typen sonst gerne läs­terte, nickten die Weiß­bier­trinker aner­ken­nend, weil der junge Mann in seiner Frei­zeit aus­ge­rechnet dem urdeut­schen Pro­vinz­sport Kegeln frönte. Und die Lieb­haber des schönen Spiels freuten sich ein­fach, dass da wenigs­tens einer auf dem Rasen stand, der Jugend­lich­keit und Freude am Kicken ver­strömte.

Und dieser Urvater aller Bun­des­liga-Berufs­ju­gend­li­chen soll nun 50 sein? Das ist doch gar nicht mög­lich! Ande­rer­seits … was hat Scholl eigent­lich gemacht, seit er die Sym­pa­thien nahezu aller deut­schen Fuß­ball­fans auf sich ver­ei­nigte“? Nicht viel. Er trai­nierte mal die D‑Jugend des FC Bayern, wo er den Kin­dern Sachen zurief wie: Keine langen Bälle, Männer!“ Er war viele Jahre Experte für die ARD und fiel dort eher durch Sprüche auf als durch fun­dierte Ana­lysen. Er legt im Baye­ri­schen Rund­funk noch immer Indie­rock auf, vor zwei Wochen The Plea, Kuroma und Death Cab For Cutie. Und seit August hat er einen Pod­cast bei Bild“ mit dem eigen­artig lang­wei­ligen Titel Jetzt kommt Scholl“.

Feind­bild Laptop-Trainer“

Eigent­lich, und das ist das auf den ersten Blick Selt­same an seiner Kar­riere nach der Kar­riere, fällt Scholl nur noch durch die Art von mora­lin­sauren, popu­lis­ti­schen und ober­fläch­li­chen Kom­men­taren auf, wie man sie von den Män­nern kennt, deren Kor­rektiv er doch einst war, den Bas­lers oder Effen­bergs. Das Feind­bild Laptop-Trainer“ führte Scholl schon vor fünf Jahren in einem Inter­view ein, seitdem arbeitet er sich an den Mit­glie­dern der Tedes­co/­Na­gels­mann-Genera­tion ab, die dieses typi­sche Kurs­bes­terge­sicht haben“ und nie selbst oben gespielt haben“. Sehr oft klingt er dabei wie … ja, im Grunde wie jemand, der nach einem halben Jahr­hun­dert bockig auf die Welt blickt und findet, dass früher vieles besser war.

Ist das paradox? Nein. Schon zu seiner aktiven Zeit war Scholl nie wirk­lich das Para­de­bei­spiel des anderen Profis, das war bloß sein Image. Bereits im März 1991, da war er kaum 20, sagte er einem Reporter: Ich will in zehn Jahren Fuß­ball so viel Geld ver­dienen wie mög­lich, am liebsten in vier Jahren bei Juventus Turin spielen.“ Das mit Ita­lien hat zwar nicht geklappt, aber seinen kon­ser­va­tiven Kar­rie­re­plan dürfte er auch in Mün­chen erfüllt haben. Er war eben immer schon beides, der Hipster und der Kegel­bruder. Eine von diesen beiden Rollen lässt sich natür­lich nicht unbe­grenzt aus­füllen, weil man von der Zeit ein­ge­holt wird. So gesehen muss sich nie­mand alt fühlen, weil Mehmet Scholl 50 geworden ist. Ein Teil von ihm war das schon länger.