Der Letzte, über den kurz vor Weih­nachten die ganze Unge­rech­tig­keit der Welt her­ein­bricht, ist Dieter Hecking. Da hat sich sein 1. FC Nürn­berg beim SV Werder lange Zeit erfolg­reich ein 0:0 erschum­melt, drei Pfosten- und Lat­ten­schüsse der Bremer schadlos über­standen, in der zweiten Halb­zeit laut Hecking ein richtig gutes Aus­wärts­spiel“ gemacht, also selbst auch dreimal geschossen, davon einmal sogar ins Tor, und dann das: Zwei Minuten vor Schluss fängt sich der Club den Aus­gleich, durch ein ver­meint­lich klares Abseitstor.

Danach ist der Trainer der Nürn­berger auf Schaum, wie er jede TV-Kamera wissen lässt, kul­mi­nie­rend in einer Taug­lich­keits­ana­lyse des Schieds­rich­ter­as­sis­tenten: Wenn er sagt, er hat das so bewertet, dann ist das der fal­sche Mann an der Linie. Weil das nicht zu sehen, ist ein Witz!“ Aha. Ob Hecking mit sich selbst wohl auch so streng ist, wenn der Club (was oft genug pas­siert) ganz ohne Zutun der Spiel­lei­tung ver­liert? Liegt er dann die ganze Nacht wach und weint sich in den Schlaf, resü­miert seine fal­sche Taktik und die frucht­losen Aus­wechs­lungen und jam­mert: Ich bin der fal­sche Mann an der Linie. Weil das nicht zu sehen, ist ein Witz!“

Mode­er­schei­nung der Hin­runde: Schieds­richter-Bashing

Unwahr­schein­lich. Zumal Hecking mit seiner Kritik ohnehin nur mit dem Zeit­geist schwimmt. Egal, ob Klopp, Veh, Streich oder Tuchel: Schieds­richter-Bashing war eine der Mode­er­schei­nungen dieser Hin­runde. Als Höhe­punkt musste Wolf­gang Stark nach dem Spiel Dort­mund gegen Wolfs­burg öffent­lich zu Kreuze krie­chen und bekennen, dass er fast alles falsch gesehen hatte, was man falsch sehen konnte.

Er tat dies mit einer Cou­rage, die man sich auch von anderen Prot­ago­nisten des Fuß­balls wün­schen würde. Man stelle sich vor, Bun­des­trainer Jogi Löw wäre nach dem EM-Aus der deut­schen Elf nicht wochen­lang abge­taucht, son­dern hätte gleich ein voll­um­fäng­li­ches Geständnis abge­legt: Ja, ich habe falsch auf­ge­stellt! Ja, ich habe mich hasen­füßig nach der Taktik der Ita­liener gerichtet und ja, es ist fürch­ter­lich in die Hose gegangen! Ich kann mich nur bei den Fans der deut­schen Mann­schaft ent­schul­digen!“

Allein schon die Vor­stel­lung erscheint absurd. Aber auf die Schieds­richter haut jeder drauf, wie es ihm gerade passt. Ist ja ein­fa­cher, als sich an die eigene Nase zu fassen und selbst Schwä­chen und Fehler ein­zu­ge­stehen. Wahr­schein­lich geht es auch darum, die Unpar­tei­ischen für zukünf­tige Spiele psy­cho­lo­gisch zu beein­flussen. Und nicht zuletzt trägt das Fern­sehen seinen Teil zur unge­müt­li­chen Gesamt­si­tua­tion bei, wenn an jedem Wochen­ende Super­zeit­lupen und vir­tu­elle Abseits­li­nien heikle Schieds­rich­ter­ent­schei­dungen in Serie exe­ku­tieren.

Vom mensch­li­chen Auge kaum wahr­zu­nehmen

Dabei zeigt gerade das Nürn­berger Bei­spiel, wie dem­ago­gisch das manchmal ist. Die ver­meint­lich klare Abseits­stel­lung des Bre­mers Nils Petersen schrumpft bei näherer Betrach­tung auf maximal ein Fuß­breit zusammen. Berück­sich­tigt man dann noch die unter­schied­li­chen Lauf­rich­tungen des auf Abseits spie­lenden Ver­tei­di­gers und des zum Ball gehenden Stür­mers, kommen wir in einen Bereich, der vom mensch­li­chen Auge kaum wahr­zu­nehmen ist – womit die Regel greift, dass im Zweifel für den Angreifer zu ent­scheiden ist. Eine Fehl­ent­schei­dung im engeren Sinne liegt also gar nicht vor.

Wenn wir uns etwas für die Rück­runde wün­schen dürfen, dann das: Schluss mit dem ner­vigen Gezeter über die Refe­rees und lieber akri­bisch daran gear­beitet, in Zukunft besser Fuß­ball zu spielen. Das ist ein weites Feld, auf dem es viel zu tun gibt – auch, aber nicht nur in Nürn­berg.