Es heißt, der erste Schritt sei der här­teste in einer Fuß­ball­kar­riere. Beim ersten Verein lernt der Spieler laufen, er fühlt zum ersten Mal, welche Wucht Nie­der­lagen haben, wie man wieder auf­steht, wenn einen zehn­tau­sende Fans nie­der­brüllen, weil man wieder mal frei­ste­hend vor dem Tor eine Chance ver­geben hat.
 
Thierry Henrys erster großer Schritt war hart, doch viel­mehr war er sur­real und auch bom­bas­tisch. Als er aus der Pariser Peri­pherie ins Fürs­tentum Monaco zog, muss sich das ange­fühlt haben wie eine Reise vom Bord­stein zur Sky­line – über Nacht.
 
Auf­ge­wachsen als Kind von Ein­wan­de­rern aus Gua­de­loupe im Pariser Ban­lieue von Les Ulis kickte Henry in seiner Kind­heit in Vor­stadt­klubs mit Namen wie US Palai­seau oder ES Viry-Châ­tillon. Er spielte besser als die anderen Kinder, doch an Paris, Monaco oder gar London war lange nicht zu denken. Dann kam sein 13. Geburtstag – es war der Beginn eines prä­gendes Jahres in vie­lerlei Hin­sicht.

Der Traum von der Rai­ders-Jacke
 
Zum einen ent­deckte er seine Liebe zur Musik. Er mochte geschla­gene Typen, die, wie er, im Schatten einer glit­zernden Groß­stadt groß wurden. Die sich mit Gele­gen­heits­jobs und ille­galen Geschäften durch­schlugen. Die den­noch nie auf­hörten, von der großen Bühne zu träumen. Er liebte Geschichten wie die der US-ame­ri­ka­ni­schen Gangster-HipHop-Gruppe N.W.A.“, vier Rapper, ein DJ, die Ende der Acht­ziger bei­nahe über Nacht zur erfolg­reichsten Rap-Gruppe der Welt wurden. Es war die alte Rocky-Balboa-Saga – von ganz unten nach ganz oben.
 
So träumte Henrys zu dieser Zeit auch nicht von einem neuen Trikot von Michel Pla­tini oder Jean Tigana, er wünschte sich nichts sehn­li­cher als eine Foot­ball­jacke der L.A. Rai­ders: schwarze Grund­farbe, weiße Schrift, dazu dieses unver­kenn­bare Piraten-Logo. Genau so eine trug auch MC Ren, einer der Rapper von N.W.A.“. Zu seinem 13. Geburtstag schenkte ihm sein Vater eine solche Foot­ball­jacke, doch sie war blau, weiß und rot, die Jacke war von den New York Giants. Was für eine Ent­täu­schung!
 
Doch Henry trug auch diese, denn seine Mit­schüler fanden sie ganz okay, und er wollte seinen Vater nicht kränken. Immerhin lieh der ihm immer wieder seine zu großen Fuß­ball­schuhe, weil der Familie schlichtweg das Geld fehlte, damit er sich eigene Schlappen kaufen konnte.

Von L.A. Compton an die Côte d’Azur
 
In jenem Jahr ver­bes­serte er auch sein Fuß­ball­spiel so sehr, dass Monaco seinen Chef-Scout Arnold Cata­lano nach Paris schickte, um das junge Wun­der­kind zu beob­achten. Gleich beim ersten Spiel sah er, wie Henry sechs Tore bei einem 6:0 seiner Mann­schaft schoss. Cata­lano bot dem Jungen – ohne Pro­be­trai­ning – direkt einen Ver­trag und einen Platz auf dem Elite-Internat von Clai­re­fon­taine an.
 
Wenige Wochen vor seinem 16. Geburtstag war es schließ­lich so weit: Henry sollte nun Teil der Jugend­mann­schaft Monacos werden. Vom Ban­lieue ins Fürs­tentum Monaco, von L.A. Compton an die Côte d’Azur, von MC Ren zu Fürst Rai­nier III. – es war der Beginn einer Ära und einer lange wäh­renden Freund­schaft.