Der spa­ni­sche Fuß­ball sorgt momentan mal wieder für reich­lich Schlag­zeilen. Auch wenn diese nicht durchweg positiv sind, dürfte das bei Liga, Ver­band und Klubs durchaus wohl­wol­lend zur Kenntnis genommen werden. News beleben schließ­lich das Busi­ness. Gerade in finan­ziell her­aus­for­dernden Zeiten kommt ein wenig zusätz­liche Auf­merk­sam­keit alles andere als unge­legen.

Zum einen wäre da die Pri­mera Divi­sión, auf die so man­cher deut­sche Fuß­ballfan nei­disch bli­cken dürfte. Ein offener Meis­ter­kampf bis in die letzten Spiel­tage hinein, drei betei­ligte Teams, so etwas gab es hier­zu­lande seit den 1990ern nicht mehr zu sehen. Und jedes Mal, wenn sich einer der Favo­riten eine gute Aus­gangs­lage ver­schaffen kann, patzt er zuver­lässig. Zuletzt der FC Bar­ce­lona gegen Levante und Real Madrid gegen den direkten Kon­kur­renten FC Sevilla. Auch im Tabel­len­keller ist alles offen, sogar die letzt­plat­zierte SD Eibar hat noch ordent­liche Chancen auf den Klas­sen­er­halt. Schöne Grüße nach Gel­sen­kir­chen.

Eine neue Liga musste her

Auf der Seite der bad news sind neue Rekord­schul­den­stände bei den Platz­hir­schen Real Madrid und FC Bar­ce­lona zu ver­bu­chen, die mal wieder die feh­lende wirt­schaft­liche Serio­sität einiger Akteure ins Ram­pen­licht rücken, natür­lich zusätz­lich ver­stärkt durch die Coro­na­krise. Diese Gemenge­lage dürfte ein gewich­tiger Faktor dafür gewesen sein, dass Real Madrids umtrie­biger Prä­si­dent Flo­ren­tino Pérez mit der Euro­pean Super League vor­preschte und nach dem kra­chenden Schei­tern der­selben das Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­saster mit irr­lich­ternden Auf­tritten in semi­se­riösen Fuß­ball­shows kom­plet­tierte. Da kommt die unge­wohnte Span­nung im Liga-Finale als Ablen­kung gerade recht.

Anstatt den Blick auf die selbst­er­nannte euro­päi­sche Fuß­bal­le­lite zu richten, hätte Señor Pérez sich viel­leicht im eigenen Land umschauen sollen, und zwar eine Stufe unter den Profis. Bei den Ama­teuren gibt es oft nicht nur die bes­sere Sta­di­on­wurst, son­dern auch die bes­seren Ideen und die straf­fere Orga­ni­sa­tion. So geht der Titel der wahren Superliga“diese Saison an die vom spa­ni­schen Ver­band RFEF orga­ni­sierte Segunda Divi­sión B, die dritt­höchste Spiel­klasse im Land. Dass diese mit ihren 80 teil­neh­menden Teams in vier Regio­nal­gruppen reich­lich über­di­men­sio­niert ist, erkannte der Ver­band schon vor einigen Jahren. Eine Ligen­re­form musste her, mit einer neuen, voll pro­fes­sio­nellen dritten Liga aus nur noch 40 Teams in zwei Gruppen.

Mammut-Saison mit spek­ta­ku­lärem Finale

Unglück­li­cher­weise fiel die Reform nun mit der Coro­na­krise zusammen. Da die Saison 2019/2020 ohne Absteiger abge­bro­chen wurde, kämpften in der lau­fenden Spiel­zeit 102 Teams um den Auf­stieg in die zweite Liga bzw. um einen Platz in der neu gegrün­deten dritten Spiel­klasse mit dem Namen Pri­mera Divi­sión RFEF. Kur­zer­hand wurden die Teams in fünf statt vier Gruppen auf­ge­teilt, die wie­derum in zwei Unter­gruppen im Liga­modus gegen­ein­ander antraten. Im Rahmen einer zweiten Spiel­runde, eben­falls in Klein­gruppen und im Modus Jeder-gegen-Jeden, wurden die Teil­nehmer an den Auf­stiegs-Play­offs ermit­telt. Die Mammut-Saison ver­lief bis­lang ohne nen­nens­werte pan­de­mie­be­dingte Unter­bre­chungen und vor allem: je nach Sta­di­ongröße und regio­nalen Beschrän­kungen teils vor meh­reren Tau­send Zuschauern, mit Mas­ken­pflicht, Abstand und einem Hygie­nekon­zept, das auf­ging.

Den Höhe­punkt der Spiel­zeit bilden die Auf­stiegs-Play­offs zur zweiten Liga. Dafür ließ sich der Ver­band ein System ein­fallen, das an das viel gelobte Cham­pions-League-End­tur­nier im ver­gan­genen Jahr erin­nert. In vier Sta­dien in der Extre­ma­dura im Süd­westen des Landes treten die 16 Aus­er­wählten in K.o.-Duellen gegen­ein­ander an. Die Paa­rungen wurden per Los­ver­fahren ermit­telt, wobei den in der Zwi­schen­runde besser plat­zierten Teams die schlechter plat­zierten einer anderen Gruppe zuge­wiesen wurden. So kommt es zu acht Halb­fi­nals“, aus denen die acht Final­teil­nehmer her­vor­gehen, welche die vier Auf­steiger in ebenso vielen Final­par­tien aus­spielen. Das alles inner­halb von nur einer Woche vom 15. bis 23. Mai, und auch wieder vor Zuschauern: zu 50 Pro­zent dürfen die Sta­dien aus­ge­lastet werden. May Madenss!

Ist ein Duell nach 90 Minuten nicht ent­schieden, geht es in die Ver­län­ge­rung. Steht auch nach 120 Minuten das Unent­schieden, kommt das Team weiter, das in der Zwi­schen­run­den­ta­belle die bes­sere Posi­tion inne­hatte. Durch diesen Twist gelingt den Orga­ni­sa­toren zwei­erlei: Zum einen werden gute Leis­tungen in der regu­lären Saison belohnt, zum anderen ent­fällt in vielen Fällen das Elf­me­ter­schießen, das häufig für der­ar­tige Ent­schei­dung als unfair emp­funden wird.

Aber nicht nur der Modus ver­spricht Span­nung, son­dern auch die Teil­nehmer. Bei den Zweit­ver­tre­tungen von Ath­letic Bilbao, Real Sociedad, Real Madrid und dem FC Bar­ce­lona sind die Stars von morgen zu bestaunen, dar­unter Nico Wil­liams, der vor Kurzem neben seinem Bruder Iñaki für die Profis von Ath­letic Bilbao debü­tierte. Ein wenig inter­na­tio­nales Flair ver­breitet die Teil­nahme des FC Andorra, dem ein­zigen Klub außer­halb des spa­ni­schen Staats­ge­bietes, der dem Ver­band RFEF ange­hört. Einer der Eigen­tümer des Klubs ist Gerard Piqué vom FC Bar­ce­lona. Bei der ersten Pres­se­kon­fe­renz nach Über­nahme des Ver­eins vor drei Jahren nahm der den Mund reich­lich voll: Die Cham­pions-League-Hymne wolle er so bald wie mög­lich im Fürs­tentum hören, gab er zu Pro­to­koll.

Stars an der Sei­ten­linie

An den Sei­ten­linie stehen zudem zwei ehe­ma­lige Spieler von Welt­format, die die deut­sche Bou­le­vard­presse in der kom­menden Saison schon in der Bun­des­liga sah: Xabi Alonso und Raúl trai­nieren die Zweiten“ von Real Sociedad und Real Madrid. Die beiden könnten sich in einem mög­li­chen Finale gegen­über­stehen. Vorher müsste sich aber Xabi Alonso am Samstag gegen Piqués Andor­raner durch­setzen. Raúl trifft mit seinem Nach­wuchs­team auf UD Ibiza. Der Klub von der Urlaubs­insel machte ver­gan­genes Jahr in der Copa del Rey durch eine knappe 1:2‑Niederlage gegen den FC Bar­ce­lona auf sich auf­merksam, bei der der Underdog bis 20 Minuten vor Schluss führte.

Eine Ligen­re­form hat leider an sich, dass es nicht immer nur Gewinner gibt. Nicht selten gehören zu den Ver­lie­rern große Tra­di­ti­ons­klubs. Nach Racing San­tander und Depor­tivo La Coruña sucht man in den Play­offs ver­geb­lich. Beide müssen sich nächste Saison mit der neu­ge­grün­deten dritten Liga begnügen. Eine gewich­tige Rolle dabei spielen die Zweit­ver­tre­tungen von Pro­fi­klubs, deren Teil­nahme nicht unum­stritten ist. Frag­lich, ob es für den Fuß­ball ins­ge­samt gut ist, dass statt der ersten Mann­schaft von Depor­tivo La Coruña die zweite von Celta Vigo die Chance zum Auf­stieg erhält.

Echte Span­nung gibt’s bei den Ama­teuren!

Für CD Numancia, letzte Saison noch Zweit­li­gist und in den 2000ern sogar vier Sai­sons erst­klassig, kam es sogar noch härter. Die Qua­li­fi­ka­tion für die dritte Liga gelang nicht, es erfolgte der dop­pelte Abstieg in die Viert­klas­sig­keit. Einige Anhänger wollten das nicht akzep­tieren und griffen am ver­gan­genen Wochen­ende einen Spieler der eigenen Mann­schaft auf dem Park­platz tät­lich an. Der ließ das nicht auf sich sitzen und holte Ver­stär­kung in Form einiger mit Base­ball­schlä­gern und Mes­sern bewaff­neten Freunde. Die Polizei ver­hin­derte Schlim­meres.

Für die Play­offs wollen Liga und Ver­band sich abstimmen, damit die Anstoß­zeiten nicht mit denen der letzten Spiel­tage der Pri­mera Divi­sión kol­li­dieren. Daran dürfte vor allem La Liga guttun: Nicht aus­zu­schließen, dass sich so manch über­drüs­siger Fan dieses Jahr lieber die Ama­teure ansehen will, viel­leicht sogar vor Ort. Kein Wunder: Trotz aller Span­nung bei den Großen“ macht eh wieder Real, Barca oder Atlé­tico das Rennen – dazu noch vor leeren Rängen.