Es ist eine dieser Ehren, die nicht den Brief­kopf, wohl aber das Selbst­ver­trauen auf­werten. Eine dieser Ehren, die einem Spieler nicht auf den Gedenk­ta­feln, wohl aber im kol­lek­tiven Gedächtnis des Ver­eins einen Platz sichern. Eine dieser Ehren, auf die der junge Argen­ti­nier mit dem schüt­teren Haar kaum spe­ku­liert haben dürfte, als er vor fünf Jahren die kata­la­ni­sche Sonne gegen den Regen Nord­eng­lands ein­tauschte.

Mit Pablo Zaba­leta erhielt ein Akteur die Aus­zeich­nung für Man­chester Citys Spieler der Saison 2012/13, der auf den ersten Blick nicht recht in das Schema eines Fan­lieb­lings passen mag. Allzu oft war und ist diese Zunei­gung schil­lernden Offen­siv­spie­lern vor­be­halten. Einem wie Außen­stürmer Mike Sum­merbee in den glor­rei­chen Sieb­zi­gern bei­spiels­weise. Einem wie dem Alten­burger Sturm­tank Uwe Rösler Mitte der neun­ziger Jahre. Oder einem Aus­nah­me­könner wie der­zeit Sergio Agüero. Ein Außen ist Zaba­leta. Ein Tank auch. Aber Aus­nah­me­fä­hig­keiten?

Eiernd, über­kon­zen­triert, kon­ster­niert

Zaba­leta ver­fügt nicht über die Schnel­lig­keit eines Samir Nasri, die Ball­si­cher­heit eines David Silva oder den Namen eines Sergio Agüero. Prag­ma­tiker würden ein­wenden, dass er dies als Rechts­ver­tei­diger ohnehin nicht benö­tige. Dem Argen­ti­nier gehen aller­dings auch die Zwei­kampf­werte eines Vin­cent Kom­pany und die Aura eines Yaya Touré ab. Er ist eine Art Max Mus­ter­mann in Citys Edel­kader – ein­fach ein grund­so­lider Spieler.

Dabei ist er durchaus ein Athlet wie Touré, scheint aber zuweilen über den Rasen zu eiern. Teil­weise macht er einen gera­dezu manisch über­kon­zen­trierten Ein­druck, stürzt sich dann aber in Situa­tionen, die er selbst mit dem tech­ni­schen Ver­mögen eines Silva nicht lösen könnte. Wenn er es bis an die Hacken seines Gegen­spie­lers geschafft hat, muss er sich vor der Zwei­kampf­bi­lanz eines Kom­pany nicht ver­ste­cken, im Eins-gegen-eins frontal zum Kon­tra­henten lässt er sich aber gern mal über­töl­peln. Zaba­leta ist keiner, der Nasris Blick für den freien Raum in der DNA hat. Im Hoch­ge­schwin­dig­keits-Fuß­ball des bri­ti­schen Ober­hauses, den sich sein Lands­mann Agüero seit den ersten Tagen ein­ver­leibt zu haben scheint, stößt er in guter Regel­mä­ßig­keit an seine Grenzen“, wie die Sun“ einmal unge­wohnt gut­mütig ana­ly­sierte. Dann steht er da, pumpt wie ein Renn­pferd und schaut kon­ster­niert drein.

Doch an der Ashton Road lieben sie diesen Defen­siv­büffel: Zwi­schen einer Rotte beschla­gener Hoch­glanz­ki­cker bestimmte das Gros der Fans ihn als ihren Spieler der Saison. Nicht für Agüero, Touré oder David Silva. Die Begrün­dung des Sup­por­ters Club, diese Aus­zeich­nung sei an Zaba­letas Lei­den­schaft und Hin­gabe“ fest­zu­ma­chen, senkt das Sen­sa­ti­ons­po­ten­tial dieser Wahl genauso wie ein Blick in die Geschichts­bü­cher. Zwi­schen 2005 und 2009 gewann die Tro­phäe des Publi­kums­lieb­lings näm­lich fünfmal in Serie Richard Dunne. Ein Ire, unnach­giebig im Zwei­kampf und zäh wie Pattex in der Mann­de­ckung, der die fein­geis­tigen Kom­po­nenten des Fuß­balls lie­bend gern in andere – böse Zungen behaupten beru­fe­nere – Hände respek­tive Füße gab. Und Dunne, heute bei den Queens Park Ran­gers tätig, ist Zaba­leta nicht nur im Grad der Fan-Zunei­gung ähn­lich.

Einen Anhänger der Citi­zens“ zu finden, der Zaba­leta nicht auf­stellen würde, ist der­zeit eine echte Her­aus­for­de­rung. Das mag zum einen daran liegen, dass sein direkter Kon­kur­rent Micah Richards zuletzt von einer Ope­ra­tion am Knie­ge­lenk und Ober­schen­kel­pro­blemen zurück­ge­worfen wurde. Vor­rangig liegt das aber an Zaba­leta selbst. Er ackert, damit andere glänzen. He is an unsung hero, a work­horse“, schwärmte der Guar­dian“ vom unbe­sun­genen Helden, einem Acker­gaul. Der Argen­ti­nier ver­richte still seinen Dienst“, laufe durch Wände“ und würde keine Her­aus­for­de­rung scheuen“, ist es in einer der Lobes­hymnen in den City-Foren zu lesen. Er ist einer der ihren. Ver­suche immer, du selbst zu sein. Wenn du das nicht kannst, sei Pablo Zaba­leta“, lauten die geflü­gelten Worte eines City-Fans dieser Tage.

Auf eine Runde Pool ins Bar­leycom

Denn einen wie Zaba­leta an der nächst­ge­le­genen Super­markt-Kasse oder auf dem nahen Spiel­platz zu begegnen, ist nicht uto­pisch. Oft kann man ihn im Pub Bar­leycom“ im gut­bür­ger­li­chen Dids­bury zu einer Runde Pool-Bil­lard for­dern. Dort ist Zaba­leta ein Mann wie Aber­mil­lionen andere. Einer, der nach dem ersten Ein­druck schnell wieder ver­gessen wäre, wenn er nicht zuweilen für seine Para­de­rolle auf dem rechten Flü­geln des Etihad Sta­dium“ beklatscht würde. Dort tritt er mit der glei­chen Lei­den­schaft und Demut an seine Auf­gabe wie die Anhän­ger­schaft an ihren Alltag.

Die Fans stillen ihre Sehn­süchte nach einem working class hero“ in seiner Person. In Man­chester, dem Epi­zen­trum der indus­tri­ellen Revo­lu­tion, ist diese Iden­ti­fi­ka­ti­ons­figur der Arbei­ter­klasse eine nicht zu ver­ach­tende Rolle. Und eine, deren Ide­al­be­set­zung seit der Ankunft der finan­zi­ellen Groß­mann­sucht aus den Ver­ei­nigten Emi­raten nicht unbe­dingt ganz oben auf der Agenda stand.

Vom Platz­halter zum Vize-Kapitän

Zaba­leta kam 2008 als amtie­render Olym­pia­sieger von Peking nach Man­chester. Knapp neun Mil­lionen Euro über­wies City sei­ner­zeit an Espanyol Bar­ce­lona für den beim Papst-Klub CA San Lorenzo aus­ge­bil­deten Defensiv-Viel­seiter. Er wurde gemeinsam mit dem Bra­si­lianer Berti Glauber, der aus Nürn­berg kam, vor­ge­stellt. Trainer Mark Hughes ver­lieh seiner Freude anstands­halber zumin­dest ein wenig Aus­druck. Berti und Pablo – nach Stamm­per­sonal oder gar Titeln klang das tat­säch­lich nicht. Zwei Tage später kam Scheich Man­sour bin Zayed. Und mit ihm das große Geld. Robinho wurde als erster Hoch­ka­räter im Osten Man­ches­ters vor­stellig, ihm folgten Carlos Tévez, Mario Balo­telli, Edin Dzeko oder auch David Silva. Dut­zende neue Spieler und die erste eng­li­sche Meis­ter­schaft nach 44 Jahren später ist Zaba­leta immer noch da und eine Unbe­kannte, die sich vom Platz­halter zum Vize-Kapitän ent­wi­ckelt hat. Heute gilt Zaba­letas Zukauf als eine der raren Stern­stunden der früh zum Schei­tern ver­ur­teilten Ära Mark Hughes‘.

Im August setzte Zaba­leta seine Signatur unter einen neuen Vier-Jahres-Ver­trag. Man­chester fühlt sich wie eine Heimat an“, sagte Zaba­leta pathe­tisch, lief am Abend gegen New­castle fast 14 Kilo­meter und stol­perte eine Vier­tel­stunde vor Abpfiff einen Assist auf Samir Nasri. One Zaba, two Zaba, three Zaba­leta. Four Zaba, five Zaba, six Zaba­leta. Seven Zaba, eight Zaba, nine Zaba­leta. Heyy­y­yyyy! Zaba­leta“, hallt es auf den Rhythmus von Macarena“ von den Rängen. Der Argen­ti­nier schaute ehr­fürchtig in die Menge. Es war eine Ehre. Eine Ehre, mit der er vor fünf Jahren nicht gerechnet haben dürfte.