Alex­ander Merkel, in Deutsch­land gilt Ita­lien als Angst­gegner. Wie sehen die Ita­liener die DFB-Elf?
Es ist nicht so, dass Deutsch­land hier als Lieb­lings­gegner ver­schrien ist. Im Gegen­teil: Die Ita­liener haben einen Hei­den­re­spekt vor der DFB-Elf. Gerade nach der letzten Saison, wo zwei deut­sche Mann­schaften im Cham­pions-League-Finale gestanden haben und Spieler wie Mesut Özil oder Mario Götze zu großen Stars gereift sind.
 
Können Sie sich an einen Sieg der Deut­schen gegen Ita­lien erin­nern?
Eine Fang­frage? Hat Deutsch­land über­haupt mal gegen Ita­lien gewonnen, seitdem ich auf der Welt bin?
 
Zuletzt im Juni 1995.
Da war ich drei Jahre alt. Wer hat denn die Tore gemacht?
 
Chris­tian Ziege schoss das 1:0, das 2:0 war ein Eigentor von Paolo Mal­dini.
Ziege hat auch mal beim AC Mai­land gespielt. Lange vor meiner Zeit.
 
Kennen Sie Bilder der Deut­schen, die damals in Ita­lien gespielt haben?
Klar. Die Spiele der WM 1990 werden hier häufig im Fern­sehen wie­der­holt. Lothar Mat­thäus’ gran­dioses Tor gegen Jugo­sla­wien zum Bei­spiel. Oder Andreas Brehmes Elf­meter gegen Argen­ti­nien. Ich kenne das alles, doch die erste WM, die ich bewusst erlebt habe, war die in Frank­reich 1998.
 
Die Mai­länder spre­chen also heute noch über die deut­schen Spieler, die um 1990 für Inter gespielt haben?
Beson­ders über Mat­thäus und Brehme. Die sind da immer noch wie kleine Könige. Gehen Sie mal in ein Mai­länder Restau­rant und sagen diese Namen: Die Leute werden sich sehr aus­führ­lich mit Ihnen unter­halten wollen.
 
Können Sie denn erklären, warum Deutsch­land von 31 Spielen gegen Ita­lien nur sieben gewinnen konnte?
Schwierig. Eigent­lich hat Deutsch­land in den ver­gan­genen Jahren gegen große Mann­schaften immer ganz gut aus­ge­sehen. Viel­leicht waren die Ita­liener aber in den letzten Spielen tak­tisch besser.
 
Und robuster in der Defen­sive?
Das klingt so, als könnten die Ita­liener nur Catenaccio. Seit Cesare Pran­delli Trainer ist, spielen die aber einen ganz anderen Fuß­baller, offen­siver und oft­mals auch mit Risiko.
 
Trotzdem fanden die Deut­schen weder bei der WM 2006 noch bei der EM 2012 ein Mittel.
Die Deut­schen galten zumin­dest bei der EM als Favorit. Doch wie es so ist im Fuß­ball: Oft ent­scheidet eine kleine Szene, ein biss­chen Glück…
 
…oder ein Mario Balo­telli. Was haben Sie gedacht, als er sich nach seinem Tor auf­stellte wie eine Statue?
Ich habe das Spiel damals mit ein paar ita­lie­ni­schen Kum­pels gesehen, und wir haben sehr gelacht. Er ist ein groß­ar­tiger Fuß­baller. Über seine pri­vaten Eska­paden kann ich nicht urteilen, dafür kenne ich den Mann zu wenig.
 
Sie sind im Sommer vom AC Mai­land zu Udi­nese Calcio gewech­selt. Wieso?
Ich wollte öfter spielen.
 
Sie haben aber in dieser Saison noch keinen Ein­satz gehabt.
Das stimmt. Und ich weiß nicht mal woran es liegt, zumal ich den Rück­halt in der Ver­eins­füh­rung spüre. Aber was bringt es mir, dar­über zu ver­zwei­feln? Ich muss ein­fach weiter Gas geben.
Sie haben vier Jahre in Mai­land gelebt. Ver­missen die Stadt?
Natür­lich kann man Udine nicht mit Mai­land ver­glei­chen. Udine ist dagegen ein Dorf, hier leben nicht mal 100.000 Men­schen. Doch ver­missen? Ich denke, dass dieses Pro­vin­zi­elle viel­leicht gar nicht so schlecht für einen jungen Profi ist, denn so kann ich mich voll und ganz auf Fuß­ball kon­zen­trieren.
 
Sie haben beim FC Genua und AC Mai­land mit etli­chen ita­lie­ni­schen Natio­nal­spie­lern zusam­men­ge­spielt. Gibt es einen, der Sie am meisten geprägt hat?
Andrea Pirlo. Ein genialer Spieler. Bei ihm hatte ich immer das Gefühl, dass er dem Spiel zehn Sekunden voraus ist. Er sah Dinge, die andere erst später in der Zeit­lupe nach­voll­ziehen konnten.
 
Was ist mit Alberto Gilar­dino?
Auch ein großer Spieler. Der ist über 30 und bombt trotzdem noch in der Serie A.
 
Und Gegen­spieler?
Leo­nardo Bonucci und Giorgio Chiel­lini von Juventus Turin sind ver­dammt harte Gegner. Ich denke, das ist auch eine Stärke von der ita­lie­ni­schen Natio­nal­mann­schaft. Wenn diese beiden ein­ge­spielten Ver­tei­diger gemeinsam im Defen­siv­zen­trum stehen, gibt es kaum ein Durch­kommen.
 
Herr Merkel, Sie haben beim AC Mai­land gespielt und können sich sogar ita­lie­ni­scher Meister 2011 nennen. Warum laufen Sie heute Abend nicht neben den gefei­erten DFB-Youngs­ters ins San Siro ein?
Es wäre ein Traum. Das Sta­dion ist ein­fach fan­tas­tisch. Doch ich bin noch nicht so weit. Ich weiß auch, dass ich noch an mir arbeiten muss. Aller­dings bin ich weder ent­täuscht noch nei­disch. Ich gönne den Jungs ihren Erfolg. Gerade für einen Spieler wie Mario Götze freue ich mich wahn­sinnig. Ihm schaue ich gerne zu und fand auch seinen Wechsel zum FC Bayern gut.
 
Ihr Tipp für heute Abend?
Der Bes­sere soll gewinnen.
 
Ach, Sie wollen es sich nicht mit Ihren ita­lie­ni­schen Freunden ver­scherzen?
Darum geht es nicht. Ich werde das Spiel sogar gemeinsam mit meinen Mit­spie­lern irgendwo in Udine gucken – und wenn Deutsch­land ein Tor schießt, werde ich auch jubeln. Doch ich war immer schon so: Ich mag Mann­schaften, die attrak­tiven Fuß­ball spielen. Und wenn diese Mann­schaft gewinnt, freut es mich umso mehr.