Emil Kosta­dinow, erin­nern Sie sich noch, ob Sie gut geschlafen haben in der Nacht vom 9. auf den 10. Juli 1994?
Sie meinen, weil wir am 10. Juli im WM-Vier­tel­fi­nale auf Deutsch­land trafen? Ich kann Sie beru­higen, ich war nicht auf­ge­regt und der Rest der Mann­schaft auch nicht. Schließ­lich hatten wir unser Mini­mal­ziel bereits erfüllt: Den ersten bul­ga­ri­schen WM-Sieg über­haupt ein­fahren. Unser zweites Grup­pen­spiel gegen Grie­chen­land gewannen wir mit 4:0. Um Ihre Frage zu beant­worten: Ich schlief wie ein Stein.

Deutsch­land war amtie­render Welt­meister – haben sie auf bestimmte Rituale gesetzt, um das Glück auf Ihrer Seite zu wissen?
Na ja, einige Jungs ließen ihre Bärte im Laufe des Tur­niers wachsen. Das war es aber auch schon.

In der 48. Minute erzielte Lothar Mat­thäus das 1:0 per Elf­meter. Was ging Ihnen da durch den Kopf?
Ich bewahrte die Ruhe, das war das Wich­tigste in diesem Moment. Gut, man dreht nicht jeden Tag ein Spiel gegen den amtie­renden Welt­meister, aber ich und meine Mit­spieler glaubten fest daran, dass wir das Spiel für uns ent­scheiden konnten. Und letzt­end­lich geschah es genau so: Hristo Stoichkov und Yordan Letchkov schossen uns schließ­lich ins Halb­fi­nale.

Dort verlor Bul­ga­rien knapp mit 1:2 gegen Ita­lien. Später machten Ver­schwö­rungs­theo­rien die Runde, dass die Fifa einer kleinen Fuß­ball-Nation wie Bul­ga­rien nie­mals den Einzug ins Finale gestattet hätte und des­halb am Sieg der Ita­liener betei­ligt gewesen sein soll. Ihre Mei­nung?
Wenn es solche Ten­denzen gegeben hätte, hätten wir ja erst gar nicht für diese WM qua­li­fi­zieren dürfen. Im ent­schei­denden Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiel gegen Frank­reich gelang uns der Sieg erst in letzter Minute. Der Schieds­richter im WM-Halb­fi­nale hatte zwar keinen groß­ar­tigen Tag erwischt – er ver­wei­gerte uns einen Elf­meter – aber wirk­lich skan­dalös war die Leis­tung seines Kol­legen (Jamal Al Sharif aus Syrien, d. Red.) im Ach­tel­fi­nale gegen Mexiko (Bul­ga­rien gewann mit 4:2 nach Elf­me­ter­schießen, d. Red.). Der wirkte auf mich stark ver­wirrt.

Ein halbes Jahr nach der WM in den USA unter­schrieben Sie beim FC Bayern. Wie kam es zu diesem Transfer?
Soviel ich weiß, wollten mich Franz Becken­bauer und Gio­vanni Tra­pat­toni noch im Sommer nach der WM von Porto nach Mün­chen bringen, doch der Wechsel platzte. Ich ging zu Depor­tivo La Coruna, aber einige Monate später war der Deal mit den Bayern dann doch per­fekt, aller­dings wech­selte ich auf Leih­basis nach Mün­chen. Kurz danach wurde Tra­pat­toni ent­lassen und Otto Reh­hagel kam als neuer Trainer.

Damals kur­sierten Gerüchte, dass Ihr Ver­hältnis mit Reh­hagel nicht das beste gewesen sein soll. Stimmt das?
Das ist alles Quatsch. Reh­hagel kannte meine Qua­li­täten noch aus seiner Zeit als Trainer von Werder Bremen. 1994 besiegte mein FC Porto den SVW mit 5:0 in der Cham­pions League, ich schoss ein Tor. Ich glaube, Reh­hagel schätzte mich sehr, aller­dings war die Kon­kur­renz auf den Stürmer-Posi­tionen mit Spie­lern wie Jürgen Klins­mann, Alex­ander Zickler und Jean-Pierre Papin extrem.

Wer gab damals den Ton in der Mann­schaft an?
Ganz klar Lothar Mat­thäus. In Mün­chen trug Lothar nicht nur die Kapi­täns­binde, er war auch der unum­strit­tene Boss auf dem Platz. Er stand ganz oben in der Nah­rungs­kette, sein Wort war Gesetz.

Haben Sie Mat­thäus, der ja später sogar mal für kurze Zeit bul­ga­ri­scher Natio­nal­trainer wurde, trotzdem mit dem gewon­nenen WM-Vier­tel­fi­nale auf­ziehen können?
Aber natür­lich! Lothar gefiel dieses Thema selbst­ver­ständ­lich ganz und gar nicht, aber wie jeder andere Deut­sche ist er gut erzogen und wusste schon damals, dass Sieger immer respek­tiert werden müssen (lacht).

Mit den Bayern erreichten Sie 1996 das Uefa-Cup-Finale. Kurz zuvor wurde Reh­hagel gefeuert und durch Franz Becken­bauer ersetzt. Was für ein Trainer war der Kaiser“?
Becken­bauer ist eine echte Fuß­ball-Legende. Der brauchte nur wenige Worte, um seine Spieler zu moti­vieren. Vor dem zweiten Final­spiel gegen Girondins Bor­deaux sagte er zu mir nur diese fünf Worte: Du hast mein volles Ver­trauen.“ In der 66. Minute gelang mir das 2:0, wir gewannen 3:1 (Das Hin­spiel hatten die Bayern mit 2:0 gewonnen, d. Red.) und holten den Pott.

1996 wech­selten Sie zu Fener­bahce Istanbul. Warum blieben Sie nicht länger bei den Bayern?
Ich war ja ledig­lich aus­ge­liehen, Depor­tivo und der FC Bayern konnten sich letzt­lich nicht über einen end­gül­tigen Transfer einig werden und ich ver­ließ Mün­chen. Das habe ich damals sehr bedauert.

Von 1999 bis 2000 spielten Sie noch einmal in Deutsch­land und been­deten Ihre Kar­riere schließ­lich beim FSV Mainz. Haben Sie noch irgend­welche Erin­ne­rungen an Ihren dama­ligen Mit­spieler Jürgen Klopp?
Kloppo spielte ja bereits seit 1990 bei den Main­zern, als ich dazu kam, war er Kapitän und längst zu einer Art Trainer auf dem Platz geworden. Als Fuß­baller war er genauso emo­tional wie heute als Trainer – nur, dass er sich dort häufig zurück­hielt, sonst hätte er ver­mut­lich in jeder Partie eine Rote Karte gesehen (lacht).