Die Pla­nung begann schon Tage vorher. Nor­ma­ler­weise setze ich mich ein­fach spontan in die nächste Bahn oder schwinge mich aufs Fahrrad, wenn ich ein Regio­nal­liga-Spiel besuche. Jedoch leben wir der­zeit nicht in nor­malen Zeiten. Und so waren Karten für das Spiel zwi­schen Tennis Borussia Berlin und Chemie Leipzig auch nur online erhält­lich. Aus dem begrenzten Internet-Kon­tin­gent ergat­terte ein Freund zwei Stück. Gerade noch recht­zeitig. Einen Tag später waren alle der rund 1000 Tickets trotz der bei den meisten Fuß­ball­fans ver­pönten Kon­takt­daten-Abgabe ver­griffen.

Fast überall ist der Sta­di­on­be­such ver­boten, in der Regio­nal­liga darf man jedoch unter Auf­lagen zum Spiel. Ich bin gespannt, ob die Ersatz­droge kickt. Oder ob mich die Umstände so sehr abschre­cken, dass ich mich mit dem Warten auf die Rück­kehr zur kom­pletten Nor­ma­lität begnüge. Darauf dass auch in der Bun­des­liga, bei meinem Verein Union Berlin, wieder alle ins Sta­dion dürfen.

Wenig Anzei­chen für ein Fuß­ball­spiel mit Zuschauern

Als wir zwei Stunden vorm Anpfiff im Ber­liner Westen aus der S‑Bahn steigen, deutet nichts auf ein Fuß­ball­spiel mit Zuschauern hin. Weder sind Schals und Tri­kots zu sehen, noch Gesänge zu hören. Im kleinen Wald­ab­schnitt auf dem Weg ins Sta­dion ver­gessen wir dann fast gänz­lich, dass wir ja eigent­lich zum Fuß­ball wollen. Zwi­schen den zahl­rei­chen Nadel­bäumen scheinen Abgase und Stra­ßen­lärm kilo­me­ter­weit ent­fernt. Bier, Brat­wurst und erwar­tungs­frohe Fans aller­dings auch.

Da bis auf uns fast noch nie­mand vor Ort ist, müssen wir am Sta­di­on­ein­gang immerhin nicht anstehen. Wir setzen unsere Masken auf und zeigen die per­so­na­li­sierten Tickets vor. Mit Hilfe einer Art Anwe­sen­heits­liste ver­glei­chen Ord­ne­rInnen mit Mund­schutz die Aus­weis­daten mit den Namen auf den Tickets. Zudem müssen wir eine E‑Mailadresse angeben, mit dem Ver­weis, dass nach zwei Wochen alles gelöscht werde. Irgendwie komisch, aber beim Ein­lass zumin­dest unkom­pli­zierter und ent­spannter als befürchtet.

Auf­wärm­pro­gramm mit Maske

Unser erster Weg führt Rich­tung Bier­stand. Ja, es gibt wel­ches. Und anders als es in der anste­henden Bun­des­liga-Spiel­zeit ange­dacht ist, sogar mit Pro­zenten. Gut ver­sorgt machen wir es uns nahe der Mit­tel­linie bequem, setzen unsere Masken ab und lau­schen der Musik aus den Sta­di­onboxen. Ame­ri­ka­ni­scher Hip Hop, von Under­ground über Klas­siker, von Shabaam Sahdeeq bis Naughty by Nature. Mir gefällts. Ich nicke ent­spannt mit, wäh­rend auf dem Spiel­feld auch etwas Bewe­gung auf­kommt. Immer mehr Spieler begut­achten den sehr akkurat geschnit­tenen Rasen. Lockeres Joggen, Dehnen, Ball hoch­halten. Einige Akteure tragen dabei Masken. Wohl auch, weil es in der Regio­nal­liga anders als in den Pro­fi­ligen keine kol­lek­tiven, prä­ven­tiven Tes­tungen auf das Corona-Virus gibt.

Nach und nach kommen dann mehr Men­schen auf den mit Gras bewach­senen Steh­platz­tra­versen an. Es wird voller. Ernst­haft in Bedrängnis gerät jedoch nie­mand. Auch da die Besu­cher­zahl auf 1.000 anstatt mög­li­cher 15.000 beschränkt ist. Hilf­reich sind zudem die alle paar Meter ange­brachten Mar­kie­rungen am Boden. So ist es kein Pro­blem, den Abstand beim Stehen ein­zu­halten. Mein sub­jek­tives Sicher­heits­emp­finden ist ins­ge­samt sogar wesent­lich größer als in einer voll­be­setzten Ber­liner Ring­bahn zur Rush-Hour.

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privat

Gäs­te­fans trotz feh­lendem Gäs­te­karten-Kon­tin­gent

Einige TeBe-Ultras kri­ti­sieren die Leip­ziger Polizei auf einem Spruch­band. Die hatte sich wohl in die Ent­schei­dung zum Gäs­te­karten-Kon­tin­gent ein­ge­mischt, sodass keine Tickets nach Leipzig gingen. Wie risi­ko­reich die Ber­liner Polizei das Spiel dagegen bewertet, wird bei einem Blick auf die Haupt­tri­büne deut­lich. Gerade zwei Uni­for­mierte sind anwe­send. Mehr grün geklei­dete Men­schen haben sich dagegen in der Kurve der Haupt­tri­büne ver­sam­melt. Eine kleine Kolonne aus Leipzig, schät­zungs­weise etwas mehr als 100 Anhänger der Betriebs­sport­ge­mein­schaft Chemie Leipzig, hat sich trotz des offi­ziell feh­lenden Gäste-Kon­tin­gents nach Berlin-Char­lot­ten­burg ver­irrt. Mit eher weniger Abstand zuein­ander feuern sie ihr Team schon vor dem Anpfiff einige Male mit lang­ge­zo­genen Schäää­miee, Schääämieeee“-Rufen an. Später wird der Sta­di­on­spre­cher das Hygiene-Kon­zept loben und gleich­zeitig daran appel­lieren, doch bitte nicht zu singen.