Seite 2: „Auf unserem Level ist die Luft schon sehr dünn“

Aber hinkt dieser Ver­gleich zu Schürrle nicht?
Ich will damit nur sagen: Man kann auf vielen Ebenen Her­aus­for­de­rungen finden. Auch nach der Lauf­bahn.

André Schürrle hat sich stets unter hohen Erfolgs­druck gesetzt und ist am Ende daran zer­bro­chen. Warum sehen Sie sich nicht in dieser Gefahr?
Jeder, der auf unserem Level spielt, ist in der Gefahr, so zu emp­finden. Die Luft ist schon sehr dünn. Dahin zu kommen, Natio­nal­spieler zu werden und Erfolge feiern, ist das eine. Aber dort zu bleiben, im besten Fall für eine lange Zeit, ist schon extrem schlau­chend. Allein, weil man selbst so hohe Erwar­tungen an sich hat, wenn man Titel gewonnen hat und dieses Gefühl wieder und wieder erleben möchte.

Die Bürde Ihrer Lauf­bahn ist, dass Sie den größt­mög­li­chen Erfolg bereits sehr früh erreicht haben. Egal, was Sie im Leben noch schaffen, alles wird daran gemessen. Wie defi­nieren Sie vor diesem Hin­ter­grund Erfolg?
Früher habe ich mir viele Gedanken über Titel gemacht, weil das greifbar war. Heute will ich rich­tige Ent­schei­dungen treffen und in dem Umfeld, in dem ich mich auf­halte, glück­lich sein. Für mich geht es nicht darum, etwas zu wie­der­holen, was ich schon erreicht habe, son­dern mich als Athlet zu ent­wi­ckeln und das Spiel zu genießen. Die ersten elf Jahre im Pro­fi­ge­schäft gingen wahn­sinnig schnell rum, des­wegen will ich die nächsten Jahre noch bewusst erleben und im Ide­al­fall viele Spiele gewinnen. Das wäre ein großer Erfolg.

Man kann das Rad nicht ewig wei­ter­drehen“

Sind mit dem Rück­tritt von Jogi Löw als Bun­des­trainer Ihre Chancen auf ein Natio­nalelf-Come­back in weite Ferne gerückt?
Wieso? In der Natio­nalelf sollten doch die besten deut­schen Spieler zusam­men­kommen, sonst wird es schwierig, gegen die großen Nationen zu bestehen. Das wird auch Jogis Nach­folger so sehen.

Ihr letztes Län­der­spiel machten Sie am 14. November 2017 gegen Frank­reich. Wie rea­lis­tisch ist Ihre Rück­kehr in ein Team, das im Umbruch ist?
Klar ist: Um wieder berufen zu werden, muss ich kon­stant Leis­tung bringen.

Sie haben die Stern­stunden der jün­geren DFB-His­torie mit­er­lebt, als große Euphorie um die Natio­nalelf wogte. Momentan hat das Team ein Image­pro­blem. Woran liegt’s?
Zu meiner Zeit hatte ich das Gefühl, dass die Natio­nalelf durch und durch positiv gesehen wird. Alles war auf den Erfolg aus­ge­richtet und das Selbst­ver­ständnis lau­tete, dass dort alles top-top-top ist. Jetzt scheint dieses Gefühl nicht mehr so aus­ge­prägt zu sein, was sicher auch mit dem Abschneiden bei der WM 2018 zu tun hat.

Liegt es auch am Mar­ke­ting?
Wenn es sport­lich nicht passt, werden auch andere Dinge kri­ti­scher gesehen. Aber ich glaube, dass es auch schnell wieder umschlagen kann.

Ist es gut, dass Joa­chim Löw abtritt?
Er ist seit 17 Jahren bei der Natio­nalelf. Es ist groß­artig, was er in dieser Zeit geleistet hat, zumal kaum jemand diesen Job so lange gemacht hat wie er. Man kann das Rad nicht ewig wei­ter­drehen, ich habe großen Respekt vor seiner Ent­schei­dung.

Seit der Geburt meines Sohnes, habe ich ange­fangen, für die nächste Genera­tion mit­zu­denken“

Neben Ihrem Pro­fijob agieren Sie als Investor bei zehn Start-Up-Firmen. Bei dem Smoothie-Mixer-Her­steller Vejo“ haben Sie auch Ein­blick ins ope­ra­tive Geschäft. Ist das ein Hobby oder auch eine Per­spek­tive für die Zeit nach Kar­rie­re­ende?
Bei Vejo“ kenne ich den deut­schen Fir­men­gründer. Wenn ich in Los Angeles bin, schaue ich manchmal bei ihm vorbei, weil mich als Athlet der Nut­ri­tion-Bereich inter­es­siert. Anfangs war ich also eine Art Kunde, jetzt enga­giere ich mich als Bot­schafter und ver­suche meine Ideen zur Ernäh­rung mit­ein­zu­bringen. Die anderen Start-Ups sind für mich eher ein Invest­ment.

Woher wissen Sie, wo Sie inves­tieren sollen?
Ich habe ein paar Bekannte, die im Pri­vate Equity Bereich tätig sind, mit denen ich mich aus­tau­sche. Und ich bespreche auch viel mit dem Family Office.

Wann wurde Ihnen bewusst, dass Sie wirt­schaft­lich aus­ge­sorgt haben und völlig frei ent­scheiden könnten, wie Sie leben?
Erst in den letzten Jahren. Und ich gebe zu: Es ist ein gutes Gefühl. Das Finan­zi­elle ist bei mir lange nur so mit­ge­schwommen, weil ich so auf den Fuß­ball fixiert war. Aber seit mein Sohn auf der Welt ist, habe ich ange­fangen, für die nächste Genera­tion mit­zu­denken.

Geht Ihnen diese Pro­fi­fuß­ball-Bubble nicht manchmal auf die Nerven, wo jedes Wort von Ihnen auf die Gold­waage gelegt wird.
Ach was, ich lebe schon recht lange in diesem Span­nungs­feld. Mag sein, dass ich – würde ich hier ganz frei von der Leber weg reden – ein Schleif­chen weniger um meine Worte machen würde, doch im Kern erkennen Sie schon meine Denk­weisen und Ein­stel­lungen. Aber natür­lich leben wir in einem glä­sernen Geschäft und müssen ein biss­chen auf­passen, wie wir uns ver­halten.