Pelé, Bra­si­lien steht im Vier­tel­fi­nale. Wie sehr freuen Sie sich über Erfolge der bra­si­lia­ni­schen Mann­schaft bei dieser WM?

Ach, ich habe mich schon sehr gefreut und mit einigen Freunden geju­belt. Aber aus dem Alter, in dem man näch­te­lang wegen eines Fuß­ball­spiels feiert, bin ich mitt­ler­weile raus. Zudem ärgert mich auch einiges an diesem WM-Tur­nier.

Was genau?

Einige Mann­schaften. Die Spieler der Elfen­bein­küste galten bei­spiels­weise vor der WM als afri­ka­ni­sche Bra­si­lianer. Sie ver­spra­chen tech­ni­schen, schnellen Fuß­ball. Aber wo war der? Das Ein­zige, was ich im Spiel gegen Bra­si­lien gesehen habe, waren böse Tritte und hin­ter­häl­tige Pro­vo­ka­tionen.

Aber die ein­zige Rote Karte des Spiels gab es für den Bra­si­lianer Kaká.

Dass das eine Rote Karte war, will ich immer noch nicht glauben. Der Gegen­spieler läuft auf Kaká zu, ohne auf ihn zu gucken. Kaká schützt sich und hebt den Arm. So etwas ist keine Tät­lich­keit. Kaká ist einer der fairsten Spieler der Welt.

Es gab in Süd­afrika viele umstrit­tene Schieds­rich­ter­ent­schei­dungen. Das Wem­bley-Tor der Eng­länder, das Abseitstor von Carlos Tevez gegen Mexiko. Auch Deutsch­lands Miroslav Klose wurde im Spiel gegen Ser­bien vom Platz gestellt.

Auch der spa­ni­sche Schieds­richter in diesem Spiel hatte eine sehr eigen­wil­lige Regel­aus­le­gung. Ich glaube, die Gelb-Rote Karte von Klose war völlig über­zogen.

Wie beur­teilen Sie denn grund­sätz­lich das deut­sche Spiel?

Man sieht, dass sich etwas im deut­schen Fuß­ball getan hat. Schon bei der Euro­pa­meis­ter­schaft vor zwei Jahren zeigten die Deut­schen zwi­schen­zeit­lich richtig schönen Offen­siv­fuß­ball. Aber diesmal haben sie Spieler wie Mesut Özil oder diesen, wie heißt er denn noch mal…

…Müller?

Genau, diesen Müller von Bayern. Das sind Spieler wie früher Overath oder Litt­barski. Die können drib­beln, töd­liche Pässe spielen, über­ra­schende Momente kre­ieren. Es macht Spaß, denen zuzu­sehen.

Am Sonn­abend könnte der deut­sche Traum vom Welt­meis­ter­titel vorbei sein, wenn die Mann­schaft im Vier­tel­fi­nale auf Argen­ti­nien trifft.

Deutsch­land ist immer dann stark, wenn es darauf ankommt. Das ist eine echte Tur­nier­mann­schaft.

Die Welt­meister werden kann?

Deutsch­land hat eine der jüngsten Mann­schaften der Welt­meis­ter­schaft. Ich glaube, dass sie für den Titel noch ein wenig zu uner­fahren ist.

Also holt Bra­si­lien den Titel?

Ich würde es mir sehr wün­schen. Aber trotz des 3:0‑Sieges über Chile bin ich noch nicht kom­plett von diesem Team über­zeugt.



Warum nicht?

Ich selbst war Stürmer und wollte immer nur Tore schießen. Das war das Wich­tigste, weil es die Fans begeis­tert. Das heu­tige Team hin­gegen ist eher auf Konter ein­ge­stellt, beherrscht das Spiel nur wenig. Die Domi­nanz und der Wille, immer über den Gegner zu herr­schen und den Ball zu besitzen, sind nicht vor­handen.

Weil Trainer Carlos Dunga zu defensiv agieren lässt?

Er sagte mir, er agiere nicht defensiv, son­dern kon­trol­liert. Aber was ist das für ein Fuß­ball, wenn man mit einem Stürmer das Spiel kon­trol­lieren will?

Aber dieses System hat sich bei dieser WM als ein pro­bates Mittel erwiesen. Und Bra­si­lien hat neben Luis Fabiano auch noch Ihren Zieh­sohn Robinho als hän­gende Spitze im Team.

Ver­gessen Sie nicht Kaká, der eben­falls sehr offensiv agiert, aber sich bei Ball­ver­lusten fast wie ein Abwehr­spieler ver­hält und weit in die eigene Hälfte zurück­fallen lässt. Ebenso Robinho. Es dauert dann sehr lange, bis sie wieder am geg­ne­ri­schen Straf­raum sind. Eine domi­nie­rende Mann­schaft könnte Bra­si­lien so sehr unter Druck setzen, dass die hän­genden Stürmer über­haupt nicht mehr nach vorne kommen und wir dadurch kaum Tor­chancen bekommen.

Welche Mann­schaft hat bei diesem Tur­nier die Qua­li­täten, das bra­si­lia­ni­sche Team in Zwangs­lagen zu bringen?

Die Spa­nier können dies. Und viel­leicht auch Deutsch­land an einem guten Tag.

Und Argen­ti­nien?

Nein, Argen­ti­nien nicht.

Sie haben schon mehr­fach gesagt, dass Sie wenig vom argen­ti­ni­schen Spiel halten. Ist dies wirk­lich Ihre Mei­nung oder eine Pri­vat­fehde mit Diego Mara­dona?

Ich habe kein Pro­blem mit Mara­dona. Ich glaube ein­fach nur, dass er kein guter Trainer ist. Er hat eine sehr aus­ge­fal­lene Lebens­füh­rung und das kommt bei einer Mann­schaft nur sehr selten gut an.

Aber sein Team spielt erfolg­reich und gut geordnet.

Da spielen nur Welt­stars, die ordnen sich schon ganz gut alleine. Und vorne sorgt Messi für so viel Auf­re­gung, dass viele Mit­spieler große Räume frei haben.


Sie waren als Spieler eben­falls ein großer Allein­un­ter­halter. Würde der Pelé von damals auch heute so domi­nant auf­treten?

Das hinge von meinen Mit­spie­lern ab. Aber grund­sätz­lich hat sich doch der Fuß­ball gar nicht so ent­schei­dend ver­än­dert. Es geht immer noch um einen Ball, zwei Tore und 22 Spieler.

Sind Sie mit dieser ein­fa­chen Formel dreimal Welt­meister geworden?

Es gehörte auch viel Arbeit dazu. Aber Locker­heit war schon sehr wichtig, ohne diese ver­krampft man und dann wird das Tor sehr klein.

Zu Ihrer Zeit bei Cosmos New York, zum Ende Ihrer Kar­riere, sollen Sie so locker gewesen sein, dass Sie schon vor dem Spiel in der Kabine Samba tanzten.

Das stimmt. Wir hatten sehr viele euro­päi­sche Spieler im Team, dar­unter auch Franz Becken­bauer, und die waren immer wahn­sinnig kon­zen­triert und zogen sich bei völ­liger Stille um. Ich brauchte immer Musik, um meine Freude am Spiel zu ent­wi­ckeln. Des­halb habe ich manchmal schon vor dem Spiel getanzt.

Wie hat denn Becken­bauer darauf reagiert?

Franz blieb ruhig sitzen, lehnte sich vor dem Spiel mit dem Kopf an seinen Spind und schloss die Augen. Irgend­wann habe ich ihn gepackt und mit ihm getanzt.

Wie hat er sich denn ange­stellt?

Zunächst blieb er ganz steif. Ich habe ihn dann gefragt, ob er auch auf dem Feld so ver­tei­digt. Das hat ihn ein wenig getroffen und er begann sich zu bewegen. Und soll ich Ihnen was sagen? Der konnte das ganz gut. Franz hat ein aus­ge­prägtes Rhyth­mus­ge­fühl.

Reden Sie gele­gent­lich mit ihm noch über solche Dinge? So von Kaiser“, wie Becken­bauer in Deutsch­land genannt wird, zu König“, wie Ihr Spitz­name in Bra­si­lien lautet?

Natür­lich. Aber wir reden uns nicht mit Kaiser oder König an. Wir sind Freunde und plau­schen über kör­per­liche Gebre­chen, Fami­lien oder Süd­afrika.

Nicht über Fuß­ball?

Doch, auch. Aber es gibt daneben noch so viele andere wun­der­volle Dinge.