Deine Geschichte erzählt auch vom ersten Leder­ball des Stra­ßen­ki­ckers Mara­dona. Was bedeutet Diego für dich per­sön­lich?

Er ist ein Held des 20. Jahr­hun­derts, der sich immer wieder selbst zer­stört hat. Er war ganz unten und er ist immer zurück­ge­kehrt. Ich war und bin sein Zeit­ge­nosse, habe ihn noch live spielen gesehen – das werde ich einmal meinen Enkeln erzählen. Für einen, der den Fuß­ball liebt, ist das etwas Wun­der­bares, absolut Unver­gleich­li­ches.



Mara­donas bizarres Leben hat aller­dings auch viel von einer Tra­gödie.

Ja, sein Cha­rakter ist extrem wech­sel­haft, er hat viel Ambi­va­lenz in sich. Auf dem Platz war er immer ein echter Kum­peltyp, außer­halb des Rasens ein total ver­rückter Artist. Er ist ein Rebell. In seiner Mei­nung, egal ob sport­lich oder poli­tisch, ist er voll­kommen unab­hängig. Ihn stört nicht, was man über ihn denkt. Er macht ein­fach, unter­stützt Fidel Castro, atta­ckiert die FIFA …

Den­noch gibt es keinen Zweiten, der bei den Argen­ti­niern noch heute diese Lie­bes­ge­fühle weckt.

Weil seine Tore, wie das bei der WM 1986 gegen Eng­land, zu den größten Kunst­werken Argen­ti­niens gehören, sie sind ein Äqui­va­lent zu den schönsten Gedichten von Jorge Luis Borges. Mara­dona ist ein natio­nales Emblem wie Evita Perón und der Tan­go­sänger Carlos Gardel. Die drei sind fast wie Hei­lige. Bis auf Mara­dona sind aber alle längst tot. Egal was er macht, er bleibt ein leben­diger Gott.

Aber für seinen Klub, die Boca Juniors, würde er sterben. Mara­dona liebt seinen Hei­mat­verein.

Er ist ein fana­ti­scher Anhänger, er leidet wie ein Hund, wenn Boca ver­liert. Kaum einer ist so mit dem Herzen dabei. Er fühlt sich ein­fach zuge­hörig. Andere Profis inter­es­sieren sich ja über­haupt nicht für ihren Ex-Klub. Gabriel Bati­stuta etwa sieht man nie in der Bom­bonera. Auf der anderen Seite ist es natür­lich befremd­lich, wenn Mara­dona, sonst das Idol aller Argen­ti­nier, plötz­lich im Boca-Trikot die Fans von Estu­di­antes oder Ban­field beschimpft.

Was macht den Mythos Boca aus? Warum ist es der popu­lärste Klub in Argen­ti­nien?

Boca hat seinen Ursprung im gleich­na­migen Hafen­viertel, die Gründer waren ita­lie­ni­sche Ein­wan­derer, sie kamen 1905 zu Tau­senden mit Schiffen aus Genua. Daher heißen die Anhänger schlicht Xen­eizes“, die Genovesen. Der Klub trägt eine typisch ita­lie­ni­sche Tragik in sich. Dadurch ist irgend­wann dieses Mys­ti­sche ent­standen, das die Leute so anzieht.

Und fuß­bal­le­risch, was ist ihr Stil?


Boca ist ein Klub der Krieger, der krasse Gegen­satz zu River Plate. Der Erz­ri­vale steht fürs feine Spiel, für die Rei­chen. Boca hat oft die schlech­tere Aus­gangs­po­si­tion gehabt,
am Ende aber doch tri­um­phiert. Wie 1977, als man aus­wärts in Mön­chen­glad­bach 3:0 siegte und den Welt­pokal gewann. Boca hat immer Spieler, die bedin­gungslos kämpfen und sich stark mit dem Klub iden­ti­fi­zieren. Das hono­rieren die Fans.

Hast du einen Lieb­lings­spieler?

Roberto Cabañas, ein Para­gu­ayer, er war von 1991 bis 94 der Mit­tel­feld­lenker. Er spielte eher unauf­fällig, wirkte bis­weilen faul, aber wenn es darauf ankam, war er hell­wach. Viele Spieler, wie heute Barros Sche­lotto, sind im Super­clá­sico hyper­nervös und kriegen nichts auf die Reihe. Cabañas spielte gegen River Plate immer bril­lant und machte seine Tore. Dafür liebten wir ihn. Noch heute ist er bei den Fans sehr ange­sehen.

Wo findet man dich im Sta­dion?

Als Kind und Jugend­li­cher ging ich immer auf die legen­däre steile Steh­tri­büne, heute sitze ich meis­tens auf der Gegen­ge­raden.

Sitzen ist für den Arsch“ lautet in Deutsch­land ein Fan­spruch.

Da ist was dran. Auf der Sitz­tri­büne (Platea) sind die Leute sehr kri­tisch, sie sind mit nichts zufrieden, nör­geln nur rum. Im Steh­platz­be­reich (Popular) erlebst du die 90 Minuten ganz anders. Hinter dem Tor stehen die harten Jungs mit den selbst gesto­chenen Tat­toos. Die wollen sich freuen und genießen das Match in vollen Zügen. Sie rau­chen Shit, tanzen, hüpfen und singen Lieder wie Boca, un buen amigo“. Die beklat­schen alles, jede Klei­nig­keit – sogar die Fehl­pässe der eigenen Mann­schaft.


Im Bal­lungs­raum Buenos Aires gibt es neben Boca noch zehn wei­tere Erst­li­ga­klubs. Gehst du da manchmal fremd?

Heute nicht mehr. Als Jugend­li­cher war ich auf dem Gym­na­sium in Avel­la­neda. Direkt nebenan war das Sta­dion von Inde­pen­diente. Ich war eine zeit­lang sogar Dau­er­kar­ten­in­haber dort. Auch bei Racing war ich oft.

Die Fans in Argen­ti­nien flippen oft aus. Woher kommt das?

Die Gewalt hat ihre Wur­zeln nicht im Fuß­ball, son­dern wird dort nur aus­ge­lebt. Das hat viel mehr mit der schwie­rigen sozialen Situa­tion der Jugend­li­chen in Argen­ti­nien zu tun. Ein Junge, der nicht für eine höhere Schule zuge­lassen wird und keinen Job in Aus­sicht hat, orga­ni­siert sich schnell mal in einem Hoo­li­gans-Klub. Diese Ver­ei­ni­gungen haben Geld, Drogen und gemein­same Ziele, sind also sehr attraktiv für die Jungen.

Ist das Vier­tel­final-Aus gegen Deutsch­land in Argen­ti­nien noch prä­sent?


Jetzt nicht mehr. Aber es wurde lange über Roberto Abbond­an­zieri dis­ku­tiert. Unser Natio­nal­tor­wart gilt als gran­dioser Elf­me­ter­killer, das hat er bei Boca oft genug bewiesen. Die Fans sagen, mit ihm hätten wir euch geschlagen. Er ist ein her­aus­ra­gender Schnapper.

Nach dem Abpfiff gab es Pro­vo­ka­tionen, Schläge und Tritte. Ist das Ver­hältnis zu den Ale­manes jetzt nach­haltig getrübt?

Die beiden Teams standen sich immer in wich­tigen Matches gegen­über, zwei Mal sogar im WM-Finale. Aber komi­scher­weise gab es auch diesmal keinen Hass, keine Abnei­gung gegen­über den Deut­schen. Über­haupt nicht. Nicht so wie es gegen­über Erz­feind Eng­land oder Nachbar Bra­si­lien der Fall gewesen wäre und tat­säch­lich auch ist.

Warst du denn mit der spie­le­ri­schen Leis­tung der Albice­leste zufrieden?

Sie haben lange nicht mehr so sauber kom­bi­niert wie unter Pekerman. Auch wenn die Presse das anders sieht: Er hat keine gra­vie­renden Fehler gemacht. Die Mann­schaft war noch nicht reif für den Titel.

Und Messi, hätte er nicht öfter spielen müssen?

Für Welt­meister Jorge Valdano ist er ja der neue Mes­sias. Alle sagten damals, Pekerman hätte Messi bringen müssen und wir hätten die Deut­schen weg­ge­hauen. Das ist zu billig. Sorry, der Junge ist gerade 19 geworden. Ihm pas­siert, was allen Spie­lern des FC Bar­ce­lona droht: Messi wird gna­denlos über­schätzt. Schuld sind die Medien.

Aber er ist doch ein abso­lutes Genie.

Sicher, von den Anlagen her, ist er ein Crack“ wie wir hier am Rio del la Plata sagen. Aber Lionel muss noch wachsen, viel kräf­tiger werden und sich in allen Berei­chen ver­bes­sern.

Doku­men­tiert ein solch genialer Dribbler nicht den Unter­schied zwi­schen dem Kon­zept-Fuß­ball in Europa und der inspi­rierten Pas­sion in Süd­ame­rika?

Quatsch! Der Stil wird sich doch immer ähn­li­cher. Auch die Art, den Fuß­ball zu genießen und durch ihn zu leiden, ist sehr ähn­lich, eigent­lich iden­tisch. Das habe ich fest­ge­stellt, als ich im Juni für drei Wochen in Deutsch­land war. Zwi­schen einem Fan von Veléz Sars­field und einem Fan von Werder Bremen gibt es keinen Unter­schied. Beide sind gleich ver­rückt.

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Sergio Olguín wurde 1967 Buenos Aires geboren. Er stu­dierte an der dor­tigen Uni­ver­sität Lite­ra­tur­wis­sen­schaften und arbei­tete zunächst als Jour­na­list. Olguín wurde Chef­re­dak­teur der Kul­tur­zeit­schrift La mujer de mi vida“ und ver­öf­fent­lichte Artikel in den Tages­zei­tungen Página/​12“, La Nación“ und El País de Mon­te­video“. Im Jahr 2002 ver­öf­fent­lichte er mit Lanús“ seinen ersten Roman. Danach erschien Filo“ (2003). Sein drittes Buch El Equipo de mis sueños – Die Traum­mann­schaft“ ist im Mai auf Deutsch erschienen. Der Jugend­roman hat stark auto­bio­gra­fi­sche Züge. Er han­delt von Ban­den­kriegen und der Lei­den­schaft für den Fuß­ball.

Das Inter­view mit Sergio Olguín stammt aus BOLZEN, dem Zen­tral­organ für Frei­zeit­fuß­ball www​.bolzen​-online​.de .