Peter Shilton, die Welt kennt Sie als einen der besten Fuß­ball-Tor­hüter aller Zeiten. Heute arbeiten Sie als After Dinner Speaker“ und treten in Tanz­shows auf. Ist Ihnen die Lust am Fuß­ball ver­gangen?

Über­haupt nicht. Aber ich habe 30 Jahre lang den glei­chen Job gemacht: Fünfmal in der Woche Bälle gehalten und am Sonntag im Tor gestanden. Als Tor­wart­trainer würde meine Arbeit so aus­sehen: Fünfmal in der Woche Bälle aufs Tor schießen und am Sonntag auf der Bank sitzen. Das will ich mir nicht antun.

Als Sie nach der WM 1990 Ihre inter­na­tio­nale Kar­riere been­deten, über­nahmen Sie aller­dings prompt den Tor­wart­trainer-Posten in der eng­li­schen Natio­nal­mann­schaft…

…was ein Fehler war.

Wieso?

Weil es dafür viel zu früh war. Eben noch stand ich in Ita­lien bei der Welt­meis­ter­schaft für mein Land zwi­schen den Pfosten, nun sollte ich meine ehe­ma­ligen Kon­tra­henten trai­nieren. Das hat nicht funk­tio­niert. Heute fehlt mir die Moti­va­tion mit Profis zusammen zu arbeiten. Beim Nach­wuchs ist das etwas anderes. Mit Kin­dern arbeite ich gerne.

Warum?

Weil die Welt glaubt, Eng­land könne keine guten Tor­hüter pro­du­zieren. Das ist Unsinn.

Die letzten Jahre haben aller­dings nicht gerade das Gegen­teil bewiesen. Immer wieder stehen eng­li­sche Tor­hüter in der Kritik.

Teil­weise ja auch zu Recht. Unsere Gilde hat sich auf inter­na­tio­naler Ebene nicht mit Ruhm bekle­ckert. Eng­land fehlt ein Tor­wart, der in den ver­gan­genen fünf oder sechs Jahren unum­stritten die Nummer eins zwi­schen den Pfosten war. Einen Oliver Kahn oder Jens Leh­mann haben wir in der jün­geren Ver­gan­gen­heit nicht gehabt. Aber das bedeutet nicht, dass wir nur schlechte Tor­hüter besitzen – das Talent ist da, was fehlt ist die Kon­stanz.

Tor­hüter Robert Green wurde von der eng­li­schen Öffent­lich­keit regel­recht zer­fleischt, als er bei der Welt­meis­ter­schaft gegen USA mit einem Fehler den Aus­gleich ein­lei­tete. Können junge Tor­hüter in so einem Klima über­haupt wachsen, wenn sie wissen, dass jeder Fehler brutal bestraft wird?

Nein, und das ist ein wei­teres Pro­blem unserer Gesell­schaft: Wir scheinen nur darauf zu warten, dass ein Tor­hüter wieder einen dummen Fehler macht. Dann sind wir da und hacken auf ihn ein, bis er vor lauter Schmerzen nicht mehr auf­stehen kann.

Aktuell wird Joe Hart von Man­chester City als mög­li­cher Kan­didat für den Posten des Stamm­tor­warts in der Natio­nal­mann­schaft gehan­delt. Kann er die Ansprüche erfüllen?

Ich glaube schon. Joe ist ein überaus talen­tierter Schluss­mann. Er bringt alles mit, um eine große Nummer eins zu werden. Aber er ist jung und hat noch nicht viele Mög­lich­keiten erhalten, sein Talent unter erschwerten Bedin­gungen zu beweisen.

Joe Hart ist 23 – in seinem Alter hatten Sie schon mehr als 150 Liga­spiele und eine Hand­voll Län­der­spiele absol­viert.

Das stimmt, aber ich habe auch meine Fehler gemacht und dadurch erst reifen können. Die hat nur nicht jeder gesehen. Wir hatten damals mehr Zeit, damit aus talen­tierten Fuß­bal­lern gute Fuß­baller werden.

Sie wurden einer – und später sogar Teil der Euro­pa­pokal-Geschichte, als Sie mit Not­tingham Forest 1980 den Euro­pacup erfolg­reich ver­tei­digten. Durch ein 1:0 gegen den Ham­burger SV…

Um ehr­lich zu sein: Ein ver­dienter Sieger waren wir nicht. Wir machten ein schnelles Tor (John Robertson traf nach 19 Minuten, d. Red.) und igelten uns dann in der eigenen Hälfte ein. Wir waren müde, hatten fast 60 Sai­son­spiele in den Kno­chen und dann auch noch dieses Finale – also hofften wir auf einen dre­ckigen Sieg und hatten Glück.

Not­tingham Forest wurde damals vom cha­ris­ma­ti­schen Brian Clough trai­niert. Was hat Clough so beson­ders gemacht?

Es klingt abge­dro­schen, aber er konnte aus seinen Spie­lern das Beste her­aus­kit­zeln. Fragen Sie mich nicht, wie er das gemacht hat, aber so eine Gabe haben in der Geschichte des Fuß­balls nur wenige Trainer besessen. Er hatte für jeden seiner Spieler ein Mittel, um dessen Qua­li­täten zur vollen Ent­fal­tung kommen zu lassen.

Tony Wood­cock hat von einer eigen­tüm­li­chen Macke Cloughs gespro­chen. Dem­nach soll er seine Spieler gerne auch einmal abge­küsst haben, nur um ihnen einen Tag später die kalte Schulter zu zeigen.

Ehr­lich? Davon weiß ich nichts. Wahr­schein­lich ging die Knut­scherei los, als ich den Verein bereits ver­lassen hatte. Oder Tony war der Ein­zige, der die Küsse vom Trainer bekam. Im Ernst: Solche Spiel­chen waren typisch für Clough. Mal war seine Stim­mung gut, mal war sie schlecht – einen Mit­telweg kannte er nicht.

Als Sie 1977 zu Not­tingham wech­seln wollten, soll Cloughs Co-Trainer Peter Taylor seinen Chef mit dem Satz über­zeugt haben: Shilton gewinnt Spiele.“

Peter war ver­mut­lich mein aller­erster Fan. Er hat mir später berichtet, dass er schon zu meinen Jugend­zeiten bei Lei­cester City am Sams­tag­morgen an der Bande stand, um mir zuzu­sehen. Peter war so ein Kerl, der es liebte, in irgend­wel­chen Käf­fern Fuß­ball­spiele zu beob­achten. Er war selbst Tor­wart, nie berühmt, aber ein her­vor­ra­gender Richter über Qua­lität. Auf sein Urteil konnte man sich ver­lassen.

Als Sie mit Not­tingham 1980 den Euro­pa­pokal-Sieg von 1979 wie­der­holten, waren Sie bereits seit zehn Jahren Teil der eng­li­schen Natio­nal­mann­schaft. Erin­nern Sie sich noch an Ihr Debüt?

Natür­lich. 29. November 1970 gegen die DDR. Wir gewannen 3:1.

Wissen Sie noch, wer Ihre Gegen­spieler waren?

Beim besten Willen nicht mehr, aber ich erin­nere mich ganz genau an meine erste Szene als Natio­nal­spieler: Ich bekam den Ball und don­nerte ihn so weit ich konnte nach vorne. Er sprang einmal auf, zweimal und lag plötz­lich vor den Füßen von Francis Lee. Und der machte das 1:0 nach zwölf Minuten. Die Kol­legen kam zu mir und gra­tu­lierten zur Vor­lagen. Und ich dachte: Dein erstes Län­der­spiel und berei­test gleich ein Tor vor.“

Sie haben drei Welt­meis­ter­schaften gespielt, und doch ver­bindet man Ihren Namen nur mit diesem einen Spiel: 1986 in Mexiko, Eng­land gegen Argen­ti­nien, die Hand Gottes“. Sind Sie Mara­dona noch böse?

Sein Hand­spiel habe ich ihm nie übel genommen. Solche Trick­se­reien hat jeder schon einmal ver­sucht.

Sie auch?

Ich war damit sogar erfolg­reich. Gegen Aston Villa habe ich mal einen Schuss, der von der Latte klar hinter der Linie auf­ge­prallt war, aus dem Tor geboxt. Der Schieds­richter hat das Tor nicht gegeben. Und ich war der Buh­mann.

Als Mara­dona Sie vor einiger Zeit in seine TV-Show einlud, sagten Sie Ihm aller­dings mit Ver­weis auf das legen­däre Handtor ab.

Das Tor an sich habe ich Mara­dona nicht krumm genommen. Viel schlimmer war sein Ver­halten nach dem Spiel. Statt sich der Ver­ant­wor­tung zu stellen und zu sagen: Tut mir leid, es war ein Hand­spiel. Aber es ist nun einmal pas­siert“, hat er von der Hand Gottes“ gespro­chen. Diego war 1986 der beste Spieler auf diesem Pla­neten, aber ihm fehlten die Eier in der Hose, seinen Fehler zuzu­geben.

Haben Sie sich damals, nach Ihrer Unsport­lich­keit gegen Aston Villa, ent­schul­digt?

Gleich nach dem Spiel. Mara­dona war ein großer Spieler, aber er hätte der Größte werden können, wenn er sich ent­schul­digt hätte.

Hätte Manuel Neuer sich ent­schul­digen müssen, als der Schuss von Frank Lam­pard bei der WM 2010 klar seine Tor­linie über­quert hatte?

Nein. Wie hätte Neuer in diesem Bruch­teil einer Sekunde erfassen können, was pas­siert war? Ich mache auch den Schieds­rich­tern keinen Vor­wurf, jeden­falls nicht so rabiat wie meine Lands­leute. Lam­pards Schuss war so hart, so gewaltig und der Ball daher so schnell, dass es ein­fach ver­dammt schwer zu erkennen war, ob er drin war oder nicht. Viel mys­te­riöser als den Lat­ten­schuss an sich fand ich die Flug­bahn des Balles, als er vom Rasen wieder auf­tropfte. Wie konnte er von dort, so weit hinter der Linie, wieder aus dem Tor springen?

Brau­chen die Schieds­richter tech­ni­sche Unter­stüt­zung, um solche Fehler in Zukunft zu ver­meiden?

Die Technik, um zu über­prüfen, ob ein Ball die Linie voll­ständig über­schritten hat oder nicht, halte ich in der Tat für sinn­voll. Aller­dings sollte sich der Fuß­ball nicht von der Technik ver­ein­nahmen lassen. Sonst stehen bald 22 Roboter auf dem Platz.

Peter Shilton, sie haben 125 Län­der­spiele und 1005 Liga­spiele absol­viert. Welche Mann­schaft war die Beste, in der sie in 30 Jahren Pro­fi­fuß­ball gespielt haben?

Die eng­li­sche Natio­nal­mann­schaft, mit der ich 1973 gegen Polen die WM-Qua­li­fi­ka­tion für Deutsch­land ver­passte. Wir hatten fan­tas­ti­sche Fuß­baller, mit Sir Alf Ramsey einen groß­ar­tigen Trainer – doch im ent­schei­denden Rück­spiel gegen Polen machte ich einen Fehler und wir spielten nur 1:1. Polen fuhr zur WM und wurde Dritter. Wir wären Welt­meister geworden. Statt­dessen hatte ich es ver­saut. In 30 Jahren Fuß­ball habe ich mich nie schlechter gefühlt.