Dieser Text stammt aus dem 11FREUNDE-Son­der­heft zur WM 2010. Am 16. Juli 2015, exakt 65 Jahre nach Uru­guays WM-Tri­umph, starb Alcides Ghiggia an einer Herz­at­tacke – er war der letzte noch lebende Welt­meister von 1950.

Es war ja eigent­lich kein End­spiel, son­dern die letzte und ent­schei­dende Partie einer Final­gruppe. Bra­si­lien traf kurz nach der Pause zum 1:0, später gelang Schiaf­fino der Aus­gleich. Dann kam die 79. Minute. Ich war damals sehr schnell, entkam Bigode und auch Juvenal konnte mir nicht folgen, so dass ich dia­gonal auf das Tor zuging.

Der bra­si­lia­ni­sche Keeper Bar­bosa dachte wohl, ich würde den Ball in die Mitte spielen. Er kam ein paar Meter aus dem Tor heraus, um den erwar­teten Quer­pass abzu­fangen, und ließ mir eine kleine Lücke. Also habe ich den Ball rechts neben den Pfosten plat­ziert, und als Bar­bosa abtauchte, zap­pelte er schon im Netz. Es war toten­still.

Kurz vor Schluss gab es noch einmal eine Ecke für Bra­si­lien. Als der Ball getreten wurde, hatte ich den Schieds­richter nicht im Blick. Ich sah den Ball kommen, und ich sah unseren Gam­betta, wie er mit den Händen danach griff. Ich dachte: Der Junge ist kom­plett wahn­sinnig, es wird Elf­meter geben.“

Dann blickte ich in die andere Rich­tung und sah, wie der Schieds­richter abpfiff. Wir waren glück­lich und umarmten uns. Wir sind sogar eine Ehren­runde gelaufen, obwohl nur dreißig oder vierzig Uru­gu­ayer im Sta­dion waren.

Ledig­lich drei Men­schen haben das Mara­cana zum Schweigen gebracht: der Papst, Frank Sinatra und ich“

Doch bei all unserer Freude war es traurig, die ganzen ver­zwei­felten, wei­nenden Men­schen auf den Tri­bünen zu sehen. Sogar ich selbst war ein kleines biss­chen traurig. Es war beein­dru­ckend, wie sich die Trau­rig­keit über das ganze Sta­dion legte, eine uner­war­tete Erfah­rung. Ledig­lich drei Men­schen haben das Mara­cana zum Schweigen gebracht: der Papst, Frank Sinatra und ich.

Obwohl das Spiel um Viertel vor fünf vorbei war, ver­ließen wir das Sta­dion erst gegen acht Uhr abends, weil wir nicht wussten, wie die bra­si­lia­ni­schen Fans die Nie­der­lage ver­kraften würden. Eine Secu­rity gab es nicht, wir sind irgend­wann ein­fach gegangen. Im Hotel trafen wir ein paar Uru­gu­ayer und fei­erten mit ihnen. Wir suchten nach unserem Kas­sen­wart, um etwas Geld zum Feiern zu bekommen, doch wir fanden ihn nicht. Also haben wir unter uns gesam­melt, Sand­wi­ches und Bier gekauft, und dann sind wir alle auf ein Zimmer und haben gefeiert.