An einem Tag im Früh­jahr 1970 setzte sich Man­fred Kaltz in seinen ver­ros­teten Volks­wagen und fuhr von Neu­hofen in der Pfalz nach Ham­burg. Es ging vorbei an Orten wie Als­feld, Isern­hagen, Schwarm­stedt und Eges­dorf, 584 Kilo­meter A7. Viel­leicht hat Man­fred Kaltz Musik gehört. Die neue Platte seines Lieb­lings­künst­lers Neil Dia­mond, Tap Root Manu­script“. Ver­mut­lich aber war es still.
 
Das große Gewese machte Man­fred Kaltz nie mit. In Ham­burg nannten sie ihn Schweiger“ oder Denker“. In der Natio­nal­mann­schaft hieß er Schwätzer“ – ein Witz, natür­lich.

Manche sagten, er sei arro­gant, hoch­näsig, mür­risch. Einer, der an auto­gramm­hung­rigen Kin­der­trauben vor­bei­geht, ohne sie zu beachten. Einer, der selbst auf über­schwäng­liche Lobes­hymnen mit Ach­sel­zu­cken reagiert, und der auf Fragen gerne mit Gegen­fragen ant­wortet.

Ein Bei­spiel aus einem Bild“-Interview, Januar 1978:
 
Bild: Willi Schulz hat Ihnen beschei­nigt, dass Sie kein Libero wären, wie ihn die Natio­nalelf braucht.“
 
Kaltz: Hat er das?“
 
Bild: Man kann nicht bestreiten, dass er ein Fach­mann ist.“
 
Kaltz: Ist er das?“
 
Als Kaltz sich also an jenem Früh­jahrstag 1970 auf den Weg nach Ham­burg machte, hatte er gerade eine Aus­bil­dung als Maschi­nen­bau­schlosser abge­schlossen. Ger­hard Heldt, sein A‑Ju­gend-Betreuer von TuS Altrip, trat in jenen Tagen seine neue Stelle als Nach­wuchs­ma­nager beim HSV und über­re­dete Kaltz mit nach Ham­burg zu kommen. Am 21. August 1971 stand er zum ersten Mal auf dem Platz. Seine Mit­spieler hießen Uwe Seeler, Willi Schulz und Georg Vol­kert.
 
In Ham­burg erwar­teten sie nicht viel von ihm – jeden­falls nicht, dass dieser schlak­sige Junge aus der Pfalz irgend­wann der erfolg­reichste Spieler der Ver­eins­ge­schichte sein würde. Doch Kaltz ver­stand den Fuß­ball besser als andere. Viel­leicht, weil er eben nicht redete, son­dern machte. Sein Mit­spieler Willi Schulz sagte einmal: Der Manni sagt selten etwas. Doch gut zuhören kann er.“ Kaltz sagte darauf: Ich rede schon, aber nur wenn mir die Gesprächs­partner gefallen.“
 
Manni, der Libero
 
Kaltz spielte als Libero, doch die Fuß­stapfen schienen vor allem in der Natio­nalelf zu groß. 1978, bei seinem ersten großen Ein­satz als Nach­folger Franz Becken­bauers, schied Deutsch­land in der WM-Zwi­schen­runde aus. Kaltz war nicht gut. So wie die gesamte Saison. Die Fehler, die er als Libero in dieser Saison gemacht hat, sind unüber­sehbar. 64 Gegen­tore spre­chen eine deut­liche Sprache“, schrieb Die Welt“. Es traten erst­mals Kri­tiker auf den Plan, die sich für einen Ver­kauf aus­spra­chen.

» Manni Kaltz‘ Kar­riere in Bil­dern
 
Aber Kaltz blieb. Er wech­selte auf die rechte Seite und schälte fortan Bananen aus seinem Fuß in den Sech­zehner. Über seine Flanken gibt es wis­sen­schaft­liche Abhand­lungen und sogar einen eigenen Wiki­pedia-Ein­trag: Als Bana­nen­flanke bezeichnet man im Sprach­ge­brauch des Fuß­ball­sports einen Quer­pass vor das geg­ne­ri­sche Tor (Flanke) mit stark gekrümmter Flug­bahn.“
 
Sein bester Abnehmer war Horst Hru­besch, der ab der Saison 1978/79 für den HSV stürmte. Immer wieder rannte Kaltz die rechte Außen­bahn auf und ab, bis zur kurz vor die Tor­aus­linie, dann schoss er den Ball mit Effet in den Straf­raum, Hru­besch sprang hoch und nickte ein. Am Ende stand dort ein Tor­schüt­zen­könig und einer der schönsten ver­b­losen Sätze der deut­schen Fuß­ball­ge­schichte: Manni Banane, ich Kopf – Tor!“ Auf die Frage, wie denn Man­fred Kaltz ihre beson­dere Bezie­hung sehe, gab es wieder eine ein­sil­bige Ant­wort: Auf dem Platz und daneben ist alles Banane!“

Man­fred Kaltz fährt nach Eppen­dorf in eine Gast­stätte.“
 
Dabei dürs­tete der Fuß­ball nach Stars. Es war der Vor­abend des großen Fuß­ball­hypes, und man wollte gerne so viel mehr wissen von den Helden, auch von Man­fred Kaltz. Aber er blockte wei­terhin ab. Einmal ließ er einen Bild“-Reporter zu sich nach Hause, der berich­tete dann von einem Tag mit Manni, Über­schrift: Mit gol­denen Löf­feln gespeist – ein Plastik-Auto ver­schenkt“: 
 
Gegen 10:30 Uhr stand das Früh­stück auf dem Tisch: Rühreier un Schinken, Toast und Tee. Kurz nach 11 Uhr ging es in den Garten (…) der lange Manni harkte das Laub weg. (…) Dann setzt sich Man­fred Kaltz in seinen BMW und kauft seiner Tochter in einem Geschäft in Rahlstedt ein Tret­auto. (…) Dann setzt er sich an den dun­kel­braunen Sekretär und beant­wortet Fan­post. (…) Anschlie­ßend Lese­stunde. Manni schmöket in ›Und Jimmy ging zum Regen­bogen‹ seines Lieb­lings­au­tors Simmel. (…) Um 19:50 Uhr fährt Man­fred Kaltz nach Eppen­dorf in eine Gast­stätte.“
 
Der Ver­such, das ver­meint­lich spek­ta­ku­läre und prä­ten­tiöse Leben eines Pro­fi­fuß­bal­lers aus­zu­leuchten, endete ernüch­ternd. Man­fred Kaltz, ein Mensch wie du und ich. Ein Mann, der es liebte, Fuß­ball zu spielen, die Linie auf und ab zu rennen und der seine Flanken in den Straf­raum schoss. Nicht mehr, nicht weniger.