Nichts ist älter als die Zei­tung von ges­tern, aber manchmal ist es ganz span­nend, eine alte Zei­tung noch einmal zur Hand zu nehmen. Bei Twitter hat jemand dieser Tage den Sport­teil der hol­län­di­schen Tages­zei­tung Alge­meen Dag­blad vom 17. April 2018 abge­bildet. Was nun?“ ist da in fetten Buch­staben zu lesen.

Die Frage bezieht sich auf den Fuß­ball­klub Ajax Ams­terdam, der an jenem Wochen­ende nach einem 0:3 gegen PSV Eind­hoven den Meis­ter­titel end­gültig abschreiben musste. Unter anderem wurde auch Trainer Erik ten Hag als einer der ver­meint­lich Ver­ant­wort­li­chen für die Misere abge­bildet: Ten Hags obses­sive Arbeits­weise bringt keine Fort­schritte“, stellte das Alge­meen Dag­blad fest.

Das unge­eig­nete Phä­nomen

Damals war das noch eines der harm­losen Urteile über ten Hag. Jack van Gelder, der ver­mut­lich bekann­teste Sport­kom­men­tator der Nie­der­lande, schrieb bei Twitter: Dieser Mann ist voll­kommen unge­eignet für Ajax.“ Und ver­trat ganz sicher keine Min­der­hei­ten­mei­nung.

Inzwi­schen fällt das Urteil gering­fügig anders aus. Auf den Tag ein Jahr nach dem Ver­dikt des Alge­meen Dag­blad bezeich­nete die Gazetta dello Sport Erik ten Haag als Il Feno­meno“, nachdem er mit seinem Team Juventus Turin aus der Cham­pions League geworfen und mit Ajax das Halb­fi­nale des Wett­be­werbs erreicht hatte – zum ersten mal seit 22 Jahren.

Wenig cha­ris­ma­tisch, schnar­render Akzent

Und wer nach­ein­ander den Titel­ver­tei­diger Real Madrid und Juventus Turin aus­schaltet, der ist viel­leicht auch im Halb­fi­nale gegen Tot­tenham Hot­spur (21 Uhr, Sky und Dazn) nicht völlig chan­cenlos.

Ajax‘ Trainer bekommt jetzt auch in seiner Heimat die Aner­ken­nung, die ihm lange ver­wehrt geblieben ist. Ten Haag, vor 49 Jahren in Haaks­bergen nahe der deut­schen Grenze geboren, gilt als wenig cha­ris­ma­tisch. Dazu stören sich die Ams­ter­damer an seinem schnar­renden Akzent. Die Abnei­gung gegen den Trainer aus der Pro­vinz sagt einiges über die Arro­ganz der Haupt­stadt im All­ge­meinen und bei Ajax im Beson­deren.

Ten Hag hat als Mit­tel­feld­spieler mehr als 300 Liga­spiele bestritten – aller­dings nur für Ver­eine aus der zweiten Reihe. Er war Trainer in Almelo, Enschede und Utrecht. Auch das gilt bei Ajax nicht unbe­dingt als Qua­li­täts­merkmal. Seit knapp zwei Wochen aber ist Erik ten Hag einer von nur fünf hol­län­di­schen Trai­nern, die es mit einem hol­län­di­schen Klub unter die besten vier Mann­schaften Europas geschafft haben.

Dass viele Urteile über ihn unfair waren, zeigt sich spä­tes­tens jetzt. 160 Tore hat Ajax in dieser Saison bereits geschossen – so viele wie keine hol­län­di­sche Mann­schaft je zuvor. In 69 Pflicht­spielen seit ten Hags Amts­an­tritt im Dezember 2017 holte das Team 166 Punkte. Sein Schnitt (2,4 Punkte pro Spiel) ist besser als der des gefei­erten Peter Bosz (2,13) und auch der von Frank de Boer (2,02), der 2014 den bisher letzten Titel mit dem Klub gewann.

Ein Titel – das ist es, was ten Hag noch fehlt, vor allem für sein Stan­ding in der Öffent­lich­keit. Aber in dieser Saison hat er immerhin noch drei Mög­lich­keiten: in der Cham­pions League, im Pokal, in dem Ajax am Sonntag das Finale gegen Willem II bestreitet, und in der Meis­ter­schaft, in der die Ams­ter­damer dank der bes­seren Tor­dif­fe­renz knapp vor Titel­ver­tei­diger Eind­hoven liegen.

Wich­tige stra­te­gi­sche Ent­schei­dungen

Die Mann­schaft, die gerade Europa begeis­tert, ist in vie­lerlei Hin­sicht ten Hags Werk. Er hat wich­tige stra­te­gi­sche Ent­schei­dungen getroffen: hat Frenkie de Jong aus der Abwehr ins Mit­tel­feld vor­ge­schoben und den damals erst 19 Jahre alten Mat­t­hijs de Ligt zum Kapitän gemacht, um dem Team mehr Aus­strah­lung zu ver­schaffen. Dass Ajax gerade für die Renais­sance des hol­län­di­schen Offen­siv­fuß­balls gefeiert wird, liegt auch daran, dass ten Hag sich von einer hol­län­di­schen Eigenart ver­ab­schiedet hat.

Im hei­ligen 4−3−3 war es ein unan­tast­bares Gesetz, dass die Schuhe der Außen­stürmer weiß sein müssen von den Krei­de­mar­kie­rungen am Spiel­feld­rand. Bei ten Hag hin­gegen sollen sich die Außen­stürmer in die Mitte ori­en­tieren. Denn wer die Mitte kon­trol­liert, kon­trol­liert auch das Spiel.

Mag sein, dass seine Zeit in Deutsch­land dabei eine Rolle gespielt hat. Zwei Jahre trai­nierte ten Hag die U 23 des FC Bayern Mün­chen. In dieser Zeit hat er oft beim Trai­ning der Profis zuge­schaut. Deren Trainer hieß: Pep Guar­diola.