Seite 2: „Ein richtiger Supermann“

Kaum vor­stellbar, dass ein Mann mit seiner Tref­fer­quote erst so spät zu einem grö­ßeren Verein wech­selte, die frühen sech­ziger Jahre machten es mög­lich. 1964 kamen die Markt­führer aus dem Süden dann doch noch auf den Trichter. 1860 Mün­chen, frisch geba­ckener Pokal­sieger und Bun­des­liga-Spit­zen­mann­schaft wollte Müller abwerben, den zog es aller­dings zum 1. FC Nürn­berg („Es war schon immer mein Traum, für den Club zu spielen!“). Warum es letzt­lich der Regio­nal­li­gist FC Bayern wurde? Eine Frage der Schnel­lig­keit und den Glücks, der FCB machte ein­fach das erste Angebot. Viel­leicht die beste Ent­schei­dung der an nam­haften Trans­fers nicht armen Klub-Geschichte.

Die Geburt von Mr. Euro­pacup“

Aus dem Harten“ wurde kleines, dickes Müller“ – Bayern-Trainer Tschik Caj­kovski nannte seinen leicht unter­setzt wir­kenden Neuen so und schuf einen put­zigen Bei­namen für die Ewig­keit. Unter­setzt, aber nicht unter­schätzt. Jeden­falls nicht lange. In seiner ersten Saison erzielte der kleine Dicke 33 Tore in 26 Regio­nal­li­ga­spielen (damals die zweit­höchste Spiel­klasse), legte noch sechs Tore in der Auf­stiegs­runde drauf und führte den FC Bayern in die Bun­des­liga. Die Mün­chener hatten sich ein Stürmer mit nahezu unglaub­li­cher Tref­fer­quote geschossen.

Nach dem Pokal­sieg 1966 durfte Müller auch inter­na­tional zeigen, was er so auf dem Kasten hatte. Natür­lich waren es seine Tore, die den Bayern 1967 den ersten großen Titel ein­brachten – auch wenn es das gol­dene Tor von Sturm­partner Franz Bulle“ Roth war, dass im Euro­pa­pokal-Finale gegen Glasgow Ran­gers die Ent­schei­dung brachte. Die Bild“-Zeitung („Bayern-As Gerd Müller hat einen neuen Namen“) formte aus Kleines, dickes Müller“ alias der Harte“ trotzdem Mr. Euro­pacup“. Der hatte da gerade seine erste Duft­marke als Natio­nal­spieler hin­ter­lassen und beim 6:0‑Sieg gegen Alba­nien vier Treffer erzielt. In seinem zweiten Auf­tritt für den DFB. Im selben Jahr wurde Mr. Euro­pacup“ zu Deutsch­lands Fuß­baller des Jahres gekürt.

Am liebsten spielt er Skat“

Spä­tes­tens 1969, als Müller mit 30 Toren seine Bayern zu ihrer ersten Bun­des­liga-Meis­ter­schaft schoss und sich selbst die zweite von ins­ge­samt sieben Tor­jä­ger­ka­nonen sicherte, war der stille Mann aus Nörd­lingen ein Star. Wider Willen, denn gegen Müller wirkte selbst Volks­held Uwe Seeler wie eine effekt­ha­schende Ram­pensau. Was er denn am liebsten esse, fragten die Jour­na­listen. Kar­tof­fel­salat“, ant­wor­tete nicht Müller, son­dern seine Frau Uschi („Für mich ist er ein rich­tiger Super­mann“). Welche Hobbys er pflege, wollte die Presse wissen. Am liebsten ist er zu Hause und spielt mit mir Skat“, ant­wor­tete wieder Uschi. Müller schaute sich gerne Wild­west-Streifen an, trai­nierte noch 1967 nebenbei den Mün­chener C‑Klasse-Verein Schwarz-Blau, wei­gerte sich zunächst stand­haft, über­haupt den Füh­rer­schein zu machen („Ich bin lieber Bei­fahrer“), und wenn er denn mal seine Mutter besu­chen wollte, ließ er sich ein­fach von einem befreun­deten Nörd­linger Gemü­se­händler auf dessen Heim-Tour mit­nehmen. Die flüs­ternde Kanone“ (die Welt“) war von Star-Allüren so weit ent­fernt wie Mün­chen vom Mars.